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kannte ein, die sich neben sie setzten, ihr von ihren Lei-
den und Freuden erzählten und sichtlich froh waren, einige
Minuten mit ihr zusammen zu sein. Das kleine Erlebnis
hatte symbolische Kraft. Das ganze jüdische Berlin in
seinen Höhen und in seinen Tiefen kannte die Mutter,
ln der Millionenstadt mit ihren zweihunderttausend juden,
in deren Masse der Einzelne sonst verschwindet, war sie
eine stadtbekannte Erscheinung. In Wahrheit werden aber
auch nur wenige Berlin so gut gekannt haben wie sie.
Ihr innerstes Wesen machte sie ja zur Fürsorgerin und
Seelsorgerin. Viele Menschen in Bedrängnissen jeder Art
kamen täglich zu ihr. „Wenn Ihre Mutter noch lebte, wäre
ich nicht in diese Not gekommen“ schrieb mir noch vor
Kurzem eine unbekannte Frau. Sie hat Alles aus freiem
Antrieb geleistet, ohne Amt. Die selbstgewählte Aufgabe,
die ihr unter allen die teuerste war, der letzte Liebes-
dienst an Verstorbenen, führte sie in die Häuser in allen
Teilen der Stadt. Sie reiste viel, vor Allem auch als sie
die Vorsitzende des Schwesternverbandes der UOBB-
Logen geworden war, und kannte die Juden in Memel so
gut wie die in Freiburg oder München. Aber auch im Aus¬
land hatte sie sich umgesehen und auf großen Tagungen
in Wien und in London, in Kopenhagen, in Krakau und in
Zürich Städte und Menschen kennen gelernt. Sie war
menschenfreudig, und das haben die Menschen empfun¬
den und ihr gedankt.
Sie hat sich der Vervollkommnung genähert, indem sie
anderen half, und ihre Frömmigkeit äußerte sich als tätige
Menschenliebe. Durch ihre Besudle bei ihren Kindern in
Beulhen war sie mit „Mutter Eva“ bekannt, einer der
großen Erscheinungen der Inneren Mission, einem weib¬
lichen Seitenstück zu Fliedner und Bodelschwingh. Mutter
Eva führte sie in Miechowitz durch die großen Anstalten,
die sie dort geschaffen hat. Beim Gang durch die Wäsche¬
rei bemerkte die Mutter, dag sie ihre Wäsche selber
wasche. Die Gräfin sagte ihr: Das tun Sie gewig, um sich
in der Demut zu üben. Ich weih nicht, ob diese Ver¬
mutung zutraf. Sie zog wohl andere Formen der Askese
vor. Aber auf alle Fälle verstand sie es, zu opfern, zu
verzichten und ihren Willen zu beugen. Sie hat einen er¬
heblichen Teil ihrer Witwenpension, weit mehr als den
biblischen Zehnten, Armen gegeben und es gelassen ge¬
tragen, wenn sie dadurch gelegentlich selber in Verlegen¬
heit kam. Gegen Ende der Kriegszeii fand meine älteste
Schwester bei einer Durchsicht des Wäscheschrankes,
dag die Sterbekleider fehlten, die sich die Mutter nach
ihrer Verheiratung genäht hatte. Sie lagen wirklich schon
lange unter der Erde. Eine arme Frau war gestorben. Sie
hatte keine Sterbekleider gehabt und Leinen war nicht
zu erschwingen. Ohne weitere Ueberlegung hatte die Mut¬
ter sie mit den eigenen Sterbegewändern bekleidet. Die
Diskussion darüber schnitt sie mit der Bemerkung
ab, wenn sie selber während des Krieges sterbe, werde
sich gewig jemand finden, der ihr den gleichen Liebes¬
dienst erweise.
Sie war von Selbstsucht so frei, wie ein Mensch nur sein
kann und hatte wenig persönliche Bedürfnisse. Davon
rührte die Ueberlegenheit, mit der sie dem Leben gegen¬
überstand. Ich erinnere mich kaum, sie je verlegen ge¬
sehen zu haben. Sie war jeder Situation gewachsen. In
der ersten Zeit ihres Aufenthalts in Berlin wurde sie an
einem dunklen Winterabend in einer abgelegenen Strafe
von einem Manne belästigt. Er ergriff aber schleunigst
die Flucht, als sie ihm sagte: Ich hab’s eilig, ich bin Heb¬
amme. Eine Dame, die sie in Gesellschaft traf, sagte ihr
vorwurfsvoll: Sie kennen micht scheint’s nicht mehr. Die
Mutter erwiderte: Ich kenne Sie wohl und ich liebe Sie
namenlos. Mit dieser Ueberlegenheit hat sie Men¬
schen erzogen. Sie hatte ein Dienstmädchen, das ihr
wenig Freude machte. Es wahr unehrlich, vor Allem ent¬
wendete es ihr ständig Wäsche. Die Mutter widerstand der
Versuchung, es herauszuwerfen oder der Polizei anzu¬
zeigen. Sie sagte noch nicht einmal Jemandem ein Wort
von den unangenehmen Erlebnissen. Dafür ging sie un¬
verdrossen Sonntag um Sonntag in das Zimmer des Mäd¬
chens, wenn dieses Ausgang hatte und holte sich ihre
Wäsche wieder herunter. An seinem nächsten Geburtstag
aber schenkte sie ihm ein Paar feine Strümpfe, „damit
Sie auch einmal eigene Strümpfe tragen“. Das Mädchen
blieb noch lange bei ihr, es zeigte sich von da an als
völlig ehrlich.
Die Mutter hatte einen großen Humor. Sie hatte aber
ebenso sehr Sinn für die ungewollten und unbewußt blei¬
benden Scherze des Lebens, für den unfreiwilligen Witz
und für die selbstgeschaffenen heiteren Situationen, von
denen ihre Helden selber am wenigsten wissen. Bis ans
Lebensende hat sie sich die Empfänglichkeit für die Komik
des Lebens ebenso wie die Fähigkeit der Erschütterung
durch seine Tragik bewahrt. Die Folge oder auch die Ur¬
sache davon war ein starker Sinn für die Mannigfaltigkeit
und die Bewegtheit des täglichen Lebens. Von einem
Gang zur Markthalle konnte sie berichten wie andere von
einer weiten Reise. Sie hatte wohl Recht, wenn sie uns in
ihren letzten Lebensjahren oft besorgt sagte: Wer wird
Euch einmal zum Lachen bringen, wenn ich nicht mehr da
bin?
Im Dienste ihrer selbstgewählten Aufgabe hat sie in ganz
Deutschland in allen möglichen Organisationen zu den jü¬
dischen Frauen gesprochen. Rasch mit der Feder hat sie
auch nicht wenige Aufsätze geschrieben. Der letzte „Die
Wir bringen heute aus einem uns freundlicherweise
überlassenen Erinnerungsbuch von Frau Clara Geiß-
mar (geb. 20. 4. 1844) zwei kleine Scenen, die erste
aus der Kindheit, die zweite aus den ersten Ehe¬
jahren der Verfasserin:
„Eine ganz besondere Freude war für uns Kinder, wenn
ein Kind der israelitischen Gemeinde seinen Namen be¬
kam. (Dies Kinderfest war wohl nur üblich bei der Namen¬
gebung eines kleinen Mädchens. Die Red.) Dazu wurden
sämtliche Kinder der ganzen Gemeinde geladen, d. h. es
war selbstverständlich, dag alle kamen (es wird neben
mir so eifrig von Vater und Tochter geplaudert, dag ich
sehr schwer erzählen kann), dag, so bald bekannt wurde,
dag irgendwo eine „Hohlegrasch“ stattfinde — so nannte
man diese Zeremonie — sich die Gemeindekinder dahin
begaben. („Hohlegrasch“ solle „Holle-Krisch“, d. i. Ge¬
schrei zum Vertreiben der Frau Holle bedeuten, wäre also
aus dem germanischen Dämonenglauben übernommen.
Die Red.) Man umstellte die Wiege des 4 Wochen alten
Kindes im Kreis, die kräftigsten Knaben der Versammlung
hoben die Wiege in die Höhe und riefen mit lautesten
Stimmen: „Hohlegrasch, wie soll’s Kind heilen?“ Darauf
erwiderte die Versammlung mit dem Namen des Kindes,
wie er ihnen von den Eltern desselben mitgeteilt wurde.
Das in die Höhe Halten der Wiege und die Antwort der
Kinder wurde dreimal wiederholt; dann war die Zeremo¬
nie beendet. Jetzt kam die Belohnung. Gewöhnlich standen
drei Körbe bereit, einer mit Confect, der andere mit Nüs¬
sen und der dritte mit Obst. Manche Kinder brachten
kleine Säckchen mit, um ihre Geschenke aufzuheben. In
reichen Häusern gabs mehr, in armen weniger.
Der Beschneidungstag der Knaben war eine Festlichkeit,
für die Kuchen gebacken wurde, verschiedenes Konfekt
und ein Festessen stattfand, zu welchem die auswärtigen
Familienmitglieder erschienen. Von allem hatten wir Kin¬
der das Beste.“
„Meine erste Kaffeevisite war etwas wichtiges, was sehr
gründlich berathen und behandelt wurde. Frau Winter
stand mir getreulich in diesen schweren Stunden bei. Als
es zu Ende war und die Letzte das Haus verlassen hatte,
freuten wir uns auf den besseren Teil des Tags. Unsere
Männer solten kommen zu den sägen Resten und einer
kalten Platte. Da auch die Sache leidlich gut verlaufen
war, waren wir so vergnügt, dag wir um den Tisch herum
tanzten. Da ging plötzlich die Thüre auf und Frau Prä¬
sident Prestinari kam nochmal um nach einem liegen ge¬
bliebenen Handschuh zu suchen. Sie war nicht so hell um
unsere Lustigkeit begreiflich zu finden. Ihr Blick bedeu¬
tete tadelndes Erstaunen. Wir waren wie plötzlich mit
kaltem Wasser übergossen; aber die Lustigkeit brach bald
wieder durch und als unsere Männer kamen und wir
ihnen die Scene beschrieben, waren sie sehr erheitert.
Logenschwestern! Beachtet die in Eurer Zeitung erscheinenden Anzeigen!
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