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da die Zeit noch nicht reif ist, kein Publikum
und folglich auch keine Fortsetzung über die ersten
Anfänge hinaus. Seine bescheidenen Lebensansprüche
muß Lilien auch fernerhin durch Erledigung von
Tagesaufträgen befriedigen; er entwirft Plakate,
Leisten, Umschläge für das Berliner Tageblatt, die
Gute Stunde, die Gartenlaube, für Romane wie den
einst berühmten Götz Krafft, zu wirklich künst¬
lerischer Höhe aber erhebt sich sein Schaffen eigent¬
lich nur dort, wo er nicht nur seine Hand, sondern
daten auf den Schlachtfeldern der Mandschurei für
Rußland fielen und zu gleicher Zeit die zurück¬
gebliebenen Familien aus Rußland ausgewiesen wur¬
den, weil ihnen nun der Ernährer fehlte und sie
damit nach dem Judengesetz das Wohnrecht in den
Städten verloren, da trat Lilien mit dem wunder¬
vollen Blatt vor die Welt: ,,Väter und Söhne“ (Abb. 3).
Eine ebensolche Welt jüdischer Schmerzen, die im
Sohn des galizischen Ghettos tief verwandte Saiten
zum klingen bringt, waren die „Lieder des Ghetto“
Rabbi Hillel und der Heide
Mose
Abb. 2. Glasfenster der Bne Brith-Loge in Hamburg von Lilien.
auch seine Seele in den Dienst der Aufgabe zu
stellen vermag, in den jüdischen Motiven, die denn
auch die einzigen über den Tag hinaus bleibenden
Leistungen Liliens sind, den Einbanddecken für das
„Goldene Buch“ des Nationalfonds, für Ost und
West, dem wundervollen Widmungsblatt für den
Y. Zionistenkongreß (s. Sbl. Nr. 53) und den Glas¬
fenstern für die Hamburger Bne Briß Logen, auf
deren einem er der Gestalt Moses Wuchs und x\nt-
litz von Herzl gibt (Abb. 2).
Nur noch einmal betritt Lilien den Schauplatz
des Tages vor der nicht jüdischen Welt — in jüdischer
Sache. Als in jener grausamen Zerrissenheit des
Schicksals, die das Los des modernen Juden ist,
im russisch-japanischen Krieg die jüdischen Sol¬
des New Yorker Arbeiterdichters Morris Rosenfeld,
die Lilien mit der ganzen Einfühlungskraft des
wahrhaft stamm- und wesensverwandten Bruders
illustrierte.
Unterdes war die zionistische Bewegung erstarkt,
das Problem „Gibt es eine jüdische Kunst?“ war,
indes die Theoretiker noch diskutierten, durch die
Tatsache jüdischer Künstler und das Werk Liliens
selber praktisch gelöst, und Lilien veranlaßte 1906
in Berlin die Gründung des „Bezalel“, Gesellschaft
für Einführung von Kunst, Gewerbe und Haus¬
industrie in Palästina, aus der die heutige, unterdes
— wenn auch weniger durch ihre Qualität als durch
ihre Existenz — zu Weltruf gelangte Kunstschule
Bezalel hervorgegangen ist. 1906 reiste Lilien, der