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geheiratet hatte und nach Braunschweig ühergesiedelt
war, wo er Angehöriger der Leopold Zunz-Loge
wurde, zur Gründung der Jerusalemer Kunstschule
Bezalel nach Palästina und wirkte 8 Monate an dem
neueröffneten Institut als Lehrer. Diese Beise wurde
zu einem Wendepunkt in der Geschichte seines Le¬
bens, denn Palästina wurde nun für ihn das Zentrum
zweitens die Bibel zu illustrieren. Mit dem ersten
Vorsatz betritt Lilien ein ihm ganz neues Feld, aber
seine Bemühungen auf diesem Gebiete ragen auch nur
selten über das Niveau begabter Durchschnittsleistun¬
gen hinaus. Der zweite Plan jedoch, die Bibelillustra¬
tion, war ein gigantisches Unternehmen, das zu sei¬
nem Gelingen die Künstlerkraft eines Bembrandt vor-
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Abb. 3. „Wohin geht Ihr, Kinder?“ „Gen Osten, das heilige Rußland schickt uns”
„Und Ihr, Väter?“ „Gen Westen, das heilige Rußland verjagt uns.“
seines Daseins, das Land, das er ständig wieder
aufsuchte, und wo er, äußerlich und innerlich, sich
den Fesseln des Buchschmucks entwindend, aus einem
Illustrator von Geschichten und Gedichten, zum Dar¬
steller des lebendigen Lebens, des Lebens seines Lan¬
des, seines Volkes und seiner Volksgeschichte wurde,
und so reiften als Früchte dieser Palästinareise in
ihm die zwei letzten großen, beide unvollendet ge¬
bliebenen Künstlerideen: erstens in einem Sammel¬
werk Land und Leben Palästinas zu schildern und
aussetzte, wenn es überhaupt zu realisieren wäre. Aber
als einzelner die Bibel zu illustrieren, wie es der
Plan Liliens war, ist ein von vornherein unmögliches
Unterfangen. An der inneren konstruktiven Un¬
durchführbarkeit der Idee ist Liliens Kraft ge¬
scheitert, die Mehrzahl der Entwürfe ist der Größe
des Stoffes nicht gerecht geworden, vielerlei ist im
Handwerksmäßigen stecken geblieben, und zuweilen
hat t man sogar das peinliche Gefühl, daß der er¬
habene Text durch profane Verzierung eingeengt ist,