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Chassidismus: Baal-schem.
Der Begründer des Chassidismus ist Rabbi Israel
ben Elieser, genannt Baal-schem-tow, d. h. der Herr
des guten Namens, geboren um 1698, gestorben 1760.
Sein Beiname Baalschem, unter dem er in der
Literatur fast ausschließlich bekannt ist und der in
der Yulgärsprache des Ostens in der Kürzung Beseht
gebraucht wird, entstammt der Gedankenwelt der
Kabbalah. In der Mystik, namentlich der des Orients,
wird dem gesprochenen Wort und vor allem dem
Namen eine magische Kraft zugeschrieben. Segens¬
sprüche und Flüche haben reale Macht, und nur
aus dieser Anschauung lassen sich z. B. biblische
Szenen wie die der Segenserteilung Isaaks an Jakob
oder die Bileamszene begreifen. Eine ganz besondere
Kraft wohnt dem Namen Gottes inne, dessen Aus¬
sprache und Niederschrift daher streng verpönt ist.
Den verschiedenen Gottesnamen werden ent¬
sprechende Zauberkräfte beigemessen. Die höchsten
Bezeichnungen, von denen ganz besondere Kräfte
ausgehen, sind der großen Masse gar nicht bekannt.
Israel ben Elieser aber soll im Besitz der Kennt¬
nisse und vor allem auch im Besitz des Verständ¬
nisses und der Anwendungsmöglichkeit dieses
höchsten Namens gewesen sein und wird daher als
der „Meister des guten Namens“ Baal-schem-tow
bezeichnet.
Der Vater des Baalschem wohnte in der damals
unter türkischer Herrschaft stehenden Moldau und
scheint, wenn man den chassidischen Berichten
Glauben schenken darf, durch tatarische Räuber
gefangen genommen und viele Jahre hindurch als
Sklave verschleppt gewesen zu sein. Seine Frau
war nach dem Raub ihres Mannes in ihr Elternhaus
nach Okup an der russisch-galizischen Grenze ge¬
flüchtet. Nach langer Abwesenheit kehrt Elieser
zurück und seine Frau gebar ihm den Sohn Israel,
nach dessen Geburt sie starb. Als Israel fünf Jahre
alt war, starb auch sein Vater und der verwaiste
Knabe wurde einige Jahre später zum Lehrer von
Ilorodenka gebracht, dem er als „Behelfer“ dienen
sollte. Als Behelfer hatte Israel die Kinder auf
dem Wege von und zur Schule zu geleiten. Schon
* hier, am zehnjährigen Knaben, offenbarte sich seine
außerordentliche Macht über die Menschen. Die
Kinder, die sonst scheu und still ihres Weges gingen,
pflegten unter der Anführung des Knaben Lieder
zu singen und einen sonst unter der Ghettojugend
ungewöhnlichen Frohsinn an den Tag zu legen.
Israel selbst aber erfreute sich keiner besonderen
Wertschätzung, denn er pflegte weder am Gottes¬
dienst noch an den Lernstunden in jenem Maße
teilzunehmen, wie man es von einem Behelfer er¬
wartete. Schon sehr früh scheint sich in ihm ein
instinktiver Widerwille gegen den Gottesdienst in
der Gebetstube und gegen das Talmudstudium hinter
verstaubten Folianten geregt zu haben. Es wird
erzählt, daß er in den Stunden, da die anderen
lernten und beteten, in den Ecken saß und schlief,
in der Dämmerung aber und des Nachts davon¬
schlich und — wje die Chassidim von ihm be¬
richten — draußen auf dem Felde am murmeln¬
den Bach oder im Wald unter den rauschenden
Bäumen seine Gebete verrichtete oder in Träumen
versunken den Gottgeheimnissen der Natur nachsann.
Offenbar war der Baalschem ein unsteter Cha¬
rakter, ein Gottsucher, den es von Ort zu Ort
trieb, eine Apostelnatur, die von Gemeinschaft zu
Gemeinschaft wanderte, ein Kämpfer, der sich an
immer größeren Aufgaben versuchte. Denn sein
ferneres Leben setzt sich äußerlich Betrachtet wie
ein Shakespearesches Drama aus einer Summe von
kleinen Szenen mit ständigem Wechsel des Bühnen¬
bildes und der Oertlichkeit zusammen. Er gab den
Behelf er posten in Horodenka auf und kehrte in die
Heimat seiner Mutter Okup zurück, wo er Gebels-
hauswächter wurde, heiratete dort und wanderte,
als nach kurzer Ehe seine Frau starb, nach Brody
aus, vermutlich von der dortigen berühmten Kabba¬
listenschule angezogen. Hier unterrichtete er Kinder,
hörte Vorträge in der Kabbalistenschule und fand
Achtung in den Augen eines Rabbi Hirsch, der ihm
seine geschiedene Tochter als Frau versprach. Kurze
Zeit darauf starb plötzlich der Rabbi Hirsch und
unter seinen Papieren fand sein Sohn, ein an¬
gesehener Rabbiner, eine Urkunde, die seine
Schwester mit einem ihm und ihr ganz Unbekannten
namens Rabbi Israel ben Elieser verlobte. Sie waren
beide außerordentlich bestürzt, beschlossen aber, wie
es für die Anschauungen der damaligen Juden ganz
selbstverständlich war, sich bedingungslos dem Willen
ihres Vaters zu unterwerfen und abzuwarten, ob
sich eines Tages der unbekannte Bräutigam ein¬
finden würde. Der Baalschem liebte es, inkognito
unter der Maske größter Einfachheit und Einfalt
aufzutreten, und so erschien er eines Tages vor
seinem Schwager, dem Rabbi Gerson, als dieser
gerade einen wichtigen Rechtsfall behandelte, in der
Maske eines armen Wanderers. Als dieser ihm ein
Almosen hinhielt, zog Israel die Verlobungsurkunde
aus seinem Mantel und hielt sie dem zu Tode
erschrockenen Rabbi Gerson unter die Augen. Nolens
volens gab er ihm die Schwester zur Frau und
versuchte nun, da Israel seine Rolle als ungebildeter
und einfacher Mann weiterspielte, ihn im Talmud¬
studium zu unterrichten. Als seine Bemühungen
erfolglos blieben, suchte er Avenigstens die Schande,
einen ungebildeten Schwager zu haben, zu ver¬
decken und bewog ihn, sich in einem einsamen
Gebirgsort namens Zabie anzusiedeln. Hier schlugen
sich die Eheleute kümmerlich durch. Sie gruben
Lehm aus den Bergen, und die Frau fuhr mit dem
Wägelchen in die Stadt, während Israel als ein
einsamer Waldheiliger in dem wildromantischen, von
Flüssen durchrauschten und von Stürmen durch¬
fegten Karpathengebirge sich droben auf den un¬
wirtlichen Höhen umhertrieb und hier in seiner
Weise Zwiesprach hielt mit Gott und Natur, die
ihm eins waren. Hier in den Bergen, deren wilde
Natur seinem Wesen adäquat war, reifte Israel zum
Mann heran und gleichzeitig zum Schöpfer der
chassidischen Weltanschauung mit ihren mystisch-
pantheistischen Grundideen von der Allbelebtheit der
Natur und der Allgegenwart Gottes, dem „Gottes¬
funken“ in jeglichem Geschöpf, dem Drang nach
Erlösung in allen und der Aufgabe zu erlösen in
den Besten und vor allem in ihm. Hier verbrachte
er jene für die Geschichte aller großen Führer
stereotype Vorbereitungszeit „in der Wüste“, wie
sie uns sonst aus dem Leben Moses, Buddhas,
Sammelbl. jüd. Wissens 52 .