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Christus, Mohammeds bekannt ist. Hier beginnt sich
auch genau wie in der Lebensgeschichte jener der
Kranz der Legenden um sein Haupt zu winden,
er soll durch die Macht seines den Sturm über¬
brausenden Gebetes seihst die räuberischen Huzulen¬
scharen der Karpathen bezwungen und die Schafe
der karpathischen Berghirten — ähnlich dem zu
den Fischen predigenden heiligen Antonius —
magisch angelockt haben, daß sie den mit erhobenen
Armen zum Himmel singenden Mann wie eine
gläubige Gemeinde umringten.
Nach sieben Hungerjahren, in denen sich Israel,
wie die Legende berichtet, mit Ausnahme des
' Sabbaths ausschließlich von Brot und den dürftigsten
Feldfrüchten ernährt haben soll, kehrte er in die
Stadt seines Schwagers zurück, der ihm eine An¬
stellung als Kutscher verschaffte. Als er sich auch
hierfür als untauglich erwies, pachtete er ihm ein
Wirtshaus in einem kleinen Dorf, dessen Bewirt¬
schaftung fast ausschließlich in den Händen seiner
Frau lag, während er selber, von der Unruhe seinesi
Innern getrieben, den größten Teil der Woche in
den Wäldern umherschweifte. Bald mußten sie auch
das Gasthaus aufgeben und zogen nach Tluste, wo
Israel als Lehrer kümmerlich lebte, das Schächten
erlernte und nunmehr als Schächter in ein Dorf
bei Jaslowitz übersiedelte. Hier vollbrachte er die
einzige bürgerliche Leistung seines Lebens, eine
Leistung, die allerdings bis auf den heutigen Tag
fortwirkt, er führte nämlich die beiderseitige Schär¬
fung des Schächtmessers ein, die noch heute im
Osten üblich ist. Bald gab er auch diesen Posten
auf und zog, nachdem er vorübergehend wieder
Gastwirt gewesen war, nach Brody, wechselte von
hier aus abermals mehrfach seinen Wohnsitz und
begann dann, etwa 36 Jahre alt, in Kolomea endlich
sich öffentlich als Apostel seiner Weltanschauung
zu offenbaren und seinen eigentlichen Beruf, näm¬
lich den eines Predigers und Menschenbildners, auf¬
zunehmen. Als solcher übte er eine zauberhafte
Wirkung auf die Menschen aus. Er verstand es,
in die Seele all derer, die zu ihm kamen, um
einen Rat zu erbitten, zu schauen, ihre Nöte zu
erkennen und jedem den Rat zu geben, der seinem
Wesen und seiner Lage angemessen war, und die
ungeheure Macht seines Gottglaubens und Selbst¬
vertrauens strahlte, wie es das Wesen und zugleich
Verdienst der großen Gläubigkeit ist, als eine an
das Wunder grenzende Macht der Suggestion auf die
anderen Menschen über. Er verstand es in des
Wortes wahrstem Sinn volkstümlich zu sein, und
wandte den Armen und Aermsten sich am stärksten
zu. Die tiefst Gesunkenen suchte er zu höchst
zu heben, und so gewann er bald den Ruf eines
großen Wohl- und Wundertäters, dem nicht nur
die Juden, sondern auch die Polen und Russen
und nicht nur die Armen, sondern auch die Edel¬
leute von allen Seiten zuströmten. Die letzte Zeit
seines Lebens verbrachte er in Miedziborz, einem
kleinen Städtchen in Wolhynien, das durch ihn
zur Weltberühmtheit gelangt ist. Zwar unternahm
er von hier ständig Wanderfahrten durch das Land,
um auf den Märkten unter dem Volk zu predigen
und in den Gemeinden mit den Rabbinern in Ge¬
dankenaustausch zu treten und für seine Idee zu
werben, im übrigen aber trat der bis dahin unstete
Mann nur noch eine große Reise an, nämlich
nach Palästina. Nach vielen Abenteuern, mit denen
damals selbstverständlicherweise die Pilgerfahrt eines
armen Juden im Orient verknüpft war, kam er
nach Konstantinopel, wo er das Grab des großen
Rabbi Naphtali, der auf der Reise nach Palästina
hier gestorben war, besuchte. Hier mahnte ihn eine
Stimme zur Umkehr, ,,da die Zeit der Erlösung
noch nicht gekommen sei“, und er kehrte heim.
Er wurde von türkischen Seeräubern gefangen und
nach mancherlei Gefahren an der Donaumündung
ans Land gesetzt. Heimgekehrt wirkte er in der
immer größer werdenden chassidischen Gemeinde zu
Miedziborz, bis er im Jahre 1760, ungefähr 60 Jahre
alt, starb. (Ueber die Lehre Baalschems siehe Sbl.
Chassidismus, Charakteristik.)
November 1925.