Seite
Bibel: Psalm 126.
w wrn oupn j#m.
SH
vmm.
Die mit Tränen säen . . .
Den Juden früherer Zeiten waren die Psalmen
von einer Vertrautheit, die nicht nur alle tatsäch¬
lichen Beziehungen eines westlichen Menschen zu
einem Stück Schrifttum überbietet, sondern selbst
alles Vorstellungsvermögen hiervon weit über trifft.
Nicht nur, daß die ehedem viel reichere tägliche
Gebetsordnung mit einer ganzen Reihe von Psalmen
durchsetzt war und daß zu jedem der zahlreich
und gewissenhaft gehaltenen Feier- und Gedenktage
jedesmal wieder besondere Psalmen gelesen und ge¬
sungen wurden — das „Tehillim-Sagen“ war eine
Sitte, die das Leben des Juden wie ein roter Faden
durchzog und für die es im Leben des modernen
Menschen nur noch den einen profanen Vergleich gibt:
sich eine Zigarre anzünden. Wenn der Jude der alten
•Zeit auf der Landstraße dahinging, summte er
Tehillim vor sich her; wenn er vor einem Stadttor
warten mußte, um sich verzollen zu lassen, so
kürzte er sich die Zeit, die die anderen als „unnütz“
empfanden, durch das Piersagen von Tehillim; tobte
ein Gewitter, so versammelte sich die Familie um
den Tisch des Hauses und man las Tehillim; war
ein Kind krank, so saßen Vater, Onkel und Brüder
am Fußende des Bettes und sagten Tehillim; lag
eine Frau in Wehen, so versammelten sich die
Angehörigen im Nachbarzimmer und sagten Tehillim;
unternahm ein Familienangehöriger eine Reise oder
kehrte der Vater nicht zur festgesetzten Zeit von
der Landstraße heim, so sagte man Tehillim, die
ihn als gute Wünsche durch alle Fährnisse be¬
gleiten sollten. Wer in den Auswanderungsjahren
nach Amerika fuhr, konnte im Zwischendeck die
Pajes umlockten Ghettotypen sehen, wie sie aus ihren
elenden Käfigen heraus zu dem Stückchen Himmel,
das über ihnen blaute, emporschauten und Tehillim
sagten: „Aus der Tiefe schreie ich zu dir auf“ —
und für sie war es keine poetische Floskel, die
man vierstimmig mit Orgelbegleitung hinter goldenen
Chorgittern zu bunten Kuppelfenstern emporsingt —
für sie war es Leben, bitteres Leben, das Lehen des
jüdischen Volkes.
Von den i5o Psalmen hört der moderne Jude,
sofern überhaupt, am häufigsten und vor allem
am ehesten noch im Geist der alten Lebendigkeit
den Psalm 126, der als „Schir hama’alaus“ bei
festlichen Gelegenheiten gesungen wird. Aber die
wenigsten ahnen, daß in ihm eine wahre Perle
aus der Lyrik der Weltliteratur verborgen ist, da
er zumeist ohne Kenntnis und folglich auch ohne
Verständnis seines Textes nach Melodien gesungen
wird, die auf die wahre Stimmung und den Stim¬
mungswechsel in den einzelnen Strophen keine Rück¬
sicht nehmen und gewöhnlich nicht mit dem Text,
sondern mit der Ueberschrift „Stufenlied“ (Schir
hama’alaus) anfangen, ein Vorgehen, als begänne
man das Lied: „Fuchs, du hast die Gans ge¬
stohlen“ mit der Ueberschrift: „Ein Volkslied“,
statt mit dem Worte Fuchs. Es bedarf keiner aus¬
führlichen Begründung, daß durch einen solchen
Vortrag naturgemäß die wahre Schönheit des
Gedichtes nicht würdig zum Ausdruck gebracht
werden kann.
Ueber den Dichter, die Entstehungszeit und das
Milieu des Psalms wissen wir, wie über fast alle
Psalme, nichts bestimmtes. Als wahrscheinlich können
wir annehmen, daß er das lyrische Gedicht eines
jener ersten Rückwanderer nach Palästina ist, die
nach der Eroberung Babylons durch Cyrus aus der
babylonischen Gefangenschaft in die verwüstete und
unterdes von Fremdvölkern aller Art besetzte Pleimat
zurückkehrten und hier unter den härtesten Bedin¬
gungen das zugrundegerichtete Land wieder aufzu¬
bauen suchten. Das Lied eines Chaluz aus den Jahren
nach 537 v. Chr. Der Dichter schildert in der
Sammelbl. jüd. Wissens 53.
a