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Abb. 8. Der Dschebel Usdum, der Berg Sodoms,
ein 1 km breiter, 11 km hnger und 180 m hoher
Salzberg am Ufer d<>s Toten Meeres.
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läßt. Der Gesamteindruck ist zunächst mehrfach
schattiertes Braun, das in dunklen Tin en den Zugang
der verborgenen Schlucht andeutet. Ueberg'inge ins
Violett, Sepiabraun oder in mehr rötlichen Nuancen
beleben gewissermaßen die 5 bis iom breiten La¬
gen der sich vertikal zerteilenden Sandsteinfelsen.
Reicher noch die Färbung aus der Nähe betrachtet.
Die Struktur ist keine gleichmäßige; festonierte
Bänder durchziehen buntgeschlungen das Gestein und
schmücken dessen Wände in Form brauner oder
dunkelvioletter Streifen. Wo von vorspringenden
Balustraden Trümmer herabgestürzt sind, zeigen
frische Bruchflächen lichte, hellgraue Färbung von
feinen, blauviolelten oder, gegen die Oberfläche hin,
braunen Schlangenlinien durchzogen, was man wohl
auf Mangangehalt des Gesteins Avird beziehen dür¬
fen. Dringt man vom See her ins Innere des
Felsentores vor, so bewacht zunächst ein mächtiger
Pylon, aus geAvaltigen Felsblöcken Avie zusammen¬
gefügt, nahe der südlichen Wand, den Eingang
zu den inneren Gemächern (Abb. 6). Senkrecht
fallen die gigantischen, da und dort von Zinnen
gekrönten Felsmauern aus zirka 5o m Höhe in
das BrackAvasserbecken ab, das sich bei einer Breite
von etwa 20 m rasch zu der finsteren, geAvundenen
Ivlamm verengt. Die Breites des Ganges hat auf
kaum 1—1,5 m abgenommen: Avie sclnvarze, scharf
geschnittene Kulissen schieben sich die glattge-
Avaschenen FelsAvände gegeneinander, so daß das Licht
nur mehr durch schmale Spalten in die bedrückende
Enge hereinfällt. Geheimnisvolles Rieseln des Baches
begleitet den tiefen Ernst der Gesamtstimmung. Bloß
die silberglänzenden Fische, die sich in großen Men¬
gen in dem klaren Wasser tummeln, bringen Leben
in diesen düsteren Schlund“ (Abb. 7).
Südlich des Arnonflusses springt die Halbinsel
Lisau 8 km weit in das Wasser vor, mit ihren
zerklüfteten, von Atmosphäre und Wellenbrandung
scharf zernagten Terrassen Avie eine Riesenfestung
! anmutend. Die interessanteste Gegend aber des
Toten Meeres ist seine Südecke, deren Westufer von
j dem 180 m hohen, 1 km tiefen, 11 km langen Salz¬
berg Dschebel Usdum, dem ,.Berge Sodoms“ be-
| herrscht Avird (Abb. 8), einem riesigen Salzflöz aus
1 der Diluvialzeit, der aus Gips und Steinsalz auf¬
geschichtet ist und eine schmale Höhle umfaßt, von
deren Decke an vielen Stellen Salzfäden niederhängen
(Abb. 9). In der Talmulde, zu Füßen dieses Salz-
I bergs, die das ausgetrocknete Südende des Seebeckens
bildet, liegt der Ort Es Safije, das Sodom der
Genesis, dessen dramatisch geschilderter Untergang
in Feuer und ScliAvefel sich Avie eine naturgetreue
Schilderung des vulkanischen Lebens jener Gegend
liest und wohl ohne Zweifel auf die Erinnerung an
eine Avahrhafte Naturkatastrophe ä la Pompeji
i zurückzuführen ist. Gerade am Südende des Toten
J Meeres sind bis in das 19. Jahrhundert hinein vul-
| kanische Eruptionen, und zaa ar vor allem UnterAvasser-
1 eruptionen lokalen Charakters beobachtet Avoorden.
Aus frisch geborstenen Erdspalten steigt dann neben
Sclnvefel, der das Wasser verpestet und die Luft mit
ScliAvefelAvasserstoffgeruch erfüllt, aus der Tiefe des
Sees Asphalt auf und schAvimmt in scliAvarzen Massen
auf dem ölig schweren See. Seit altersher treibt
man dort mit dem Asphalt des Toten Meeres Handel,
und neuerdings ist
er für den Wegebau
; im Lande begehrt.
Ueberschaut man
alle Einzelheiten, so
muß das Tote Meer
in vielfacher Hinsicht
als interessant be¬
zeichnet Averden,
denn niemand kann
voraussehen, Avelche
Schicksale diesem
kleinen, unter seinem
Dunstschleier in der
Tropenhitze der Jor¬
dansenke hinbrülen-
den See noch be-
schieden sein mögen,
nachdem seine Ge
schichte bis in die
Frühzeit der Genesis
zurückreicht und
durch die Wiederbe¬
siedlung Palästinas in
eine neue Phase zu
treten scheint.
November 1925.
Abb. 9. Salzhöhle im Innern
des Salzberges von Sodom.
Zahlenangaben, geographische Notizen und Abbildungen wurden dem Werk: Herrn.
Schroetter, „Das Tote Meer“, Wien und Leipzig, Moritz Perles (2, M.), entnommen.