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Sinai-Inschriften.
Daß archäologische Funde aut der Sinai-llalhinsel
von seiten der Bibelwissenschaft, aber auch in jüdi¬
schen und christlichen Laienkreisen lebhaftes Inter¬
esse finden, ist verständlich. Hinter diesem Interesse
steht die Hoffnung, auf diesem Wege eine neue Be¬
leuchtung der Epoclic zu erhalten, in der die Funda¬
mente der geistigen und nationalen Existenz Israels
gelegt worden sind.
Als der große englische Ägyptenforscher Sir F 1 i n -
dexs Petrie 1906 eine Mitteilung über neue In¬
schriftenfunde auf der Sinai-Halbinsel veröffentlichte
(Besearches in Sinai. London 1906), erregten sie trotz¬
dem zunächst nur geringe Aufmerksamkeit, weil die
Inschriften seihst am Fundort zurückgelassen und nur
in Nachzeichnungen bekannt gegeben waren, und weil
der Entdecker selbst zuerst ihre charakteristische Son¬
derart nicht voll erkannte. Die Funde waren in den
seit uralter Zeit von den Ägyptern ausgebeuteten
Kupfer- und Malachitminen des Wadi Maghara und
in den Ruinen des in der Nähe gelegenen der Göttin
Ifathor geweihten Tempels von Serahit el Cliadem
gemacht worden. Es waren elf ziemlich rohe Denk¬
mäler ägyptisierenden Stils mit eigenartigen Schrift¬
zeichen, die teilweise eine unverkennbare Ähnlichkeit
mit Hieroglyphen auf wiesen, teilweise aber auch —
und hieran knüpfte sich bald das allgemeine Inter¬
esse — Anklänge an semitische Alphabetbuchstaben
zeigten.
Der französische Orientalist. Brusion deutete 1911
eine Gruppe von drei Zeichen auf einer im Tempel
der Ilathor gefundenen Statue als das Wort „Tanit“
und sah darin den semitischen Namen der ägyptischen
Göttin Ifathor. Er las die drei Zeichen als die semiti¬
schen Buchstaben D3ri.
Den hierdurch gewiesenen Weg ging A. II. Gar¬
diner, der die Petrie’schen Funde bearbeitete, weiter
in einer für alle folgenden richtunggebenden Arbeit
(The Egyptian origin of the Semilic Alphabet. Journ.
of Eg. Arch. 1916). Er las eine achtmal vorkommende
Gruppe von vier Zeichen „Baalat“ (d. h. Herrin =
Ilathor). Damit waren jetzt fünf Buchstaben be¬
stimmt. Im ganzen fand er auf den ihm vorliegenden
Inschriften 150 Schriftzeichen und unterschied unter
ihnen 32 verschiedene Typen. Fünfzehn von diesen
Zeichen bestimmte er als Alphabetbuchstaben. Nun
schien es nur noch eine Frage kurzer Zeit zu sein,
bis auch die noch fehlenden sieben Zeichen des
22-buclistabigen Alphabets bestimmt werden könnten.
Diese Untersuchung Gardiner’s führte der deutsche
Ägyptologe Kurt Sethe 1917 weiter. Bis auf die
seltenen Buchstaben p, X und B glaubte er alle Buch¬
staben des Alphabets in den Sinai-Schriftzeichen be¬
stimmen zu können. („Die neuentdeckte Sinaischrift
und die Entstehung der semitischen Schrift“, Abh. d.
preuß. Akad. d. Miss. 1917.) Aber schon in seiner
Arbeit fällt die sonderbare Erscheinung auf, daß es
trotz des gefundenen Schlüssels ihm nicht gelang, von
den Sinai-Inschriften mehr zu lesen als die schon von
Gardiner bestimmte Gruppe „Baalat“. Die Buchstaben,
nach Sethe’s Liste aneinandergereiht, ergaben sinnlose
Verbindungen. Zudem finden sich bei ihm nicht nur
die 22 Zeichen, die für das Alphabet gebraucht werden,
sondern 27; die überschüssigen hielt Sethe lür
„Dubletten“ einzelner Buchstaben.
Eine gewisse Erschwerung der Entzifferung war
vielleicht dadurch gegeben, daß die Zeichen der Sinai-
Schrift in sehr regelloser Anordnung verlaufen: Zu¬
weilen, wie in den semitischen Schriften, von rechts
nach links, manchmal aber auch, wie in der Keil¬
schrift, von links nach rechts, einige Male sogar von
oben nach unten. Aber keine der möglichen Kom¬
binationen führte zu einer vernünftigen Lesung.
Da erschien 1919 ein Buch von Robert Eisler
(Die kenitischen W'eihinschriften der Hyksoszeit im
Bergbaugebiet der Sinai-Halbinsel), in dem alle Nebel
verflogen waren. Eisler las und deutete nicht nur alle
Inschriften, sondern er knüpfte daran weitspannende
geschichtliche und kulturgeschichtliche Folgerungen.
Er fand heraus, daß die Hersteller der Inschriften
der aus der Bibel bekannte nomadische Stamm der Ke-
niter war, nach seiner Meinung ein „Schmiedestamm“.
So kam der sonst fast unbekannte Stamm plötzlich zu
der glanzvollen Rolle des Erfinders der Buchstaben¬
schrift. Leider sind die Lesungen Eislers zum größten
Teil Phantasieprodukte, und der Stamm Kain ist nur
durch sprachlich und sachlich unhaltbare Hypothesen
hineingekommen.
Am meisten Aufsehen erregten in weiten Kreisen
seit 1923 die Veröffentlichungen von Hubert
Grimme, der in seiner Arbeit „Althebräische In¬
schriften vom Sinai“ neue Lesungen vorlegte. Er be¬
hauptete nicht mehr und nicht weniger, als daß ein
großer Teil der Inschriften auf Mose zurückgeht. An
mehreren Stellen las er das Wort Sinai, und auch die
Pharaonen-Tochter aus II. Mos. 2, 5—10, fand er hier;
er setzte sie gleich mit der berühmten Pharaonin
llatschepschut, der regierenden Gemahlin Tutmes III.,
der einzigen Frau auf dem Throne der Pharaonen. In
einer Inschrift dankt nach Grimme der Tempelhaupt¬
mann, der eigentlich Menasche heißt, der Pharaonin
dafür, daß sie ihn aus dem Nil gezogen hat! Hier
waren also nach Grimme’s Lesungen Denkmäler ge¬
funden, die eine direkte urkundliche Wiedergabe der
biblischen Berichte lieferten.
Der Vergleich der Grimme’schen Abbildungen und
Deutungen mit den bis dahin bekannten Zeichnungen
und Photographien der Sinai-Inschriften zeigt klar,
daß das ganze Gebäude Grimme’s auf barerPhan-
tasie aufgebaut ist. Sprünge im Stein liest er
als Buchstaben, und seine Zeichen sind von einer so
unbestimmten Verschwommenheit, daß man alles her¬
auslesen kann, was man will. Zudem sind seine Ergän¬
zungen von erstaunlicher „Kühnheit“, und seine Deu¬
tungen der Texte lassen sich nur mit den phantastisclien
„Lesungen“ ägyptischer und babylonischer Texte vor
Champollion und Grotefend vergleichen. Mit. M issen-
schaft und wissenschaftlicher Methode hat das jeden¬
falls nicht das geringste mehr zu tun.
Aber ein Verdienst hat Grimme trotzdem: Er hat
dazu angeregt, die Petrie’schen Funde an Ort und
Stelle wieder aufzusuchen und sie einer gründlichen
Untersuchung zugänglich zu machen. Das geschah 1927
durch eine Expedition der amerikanischen Harvard-
Universität und nochmals durch eine finnische Ex¬
pedition. Nunmehr liegen die Denkmäler in guten
a
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