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Uriel da Costa
Die Lebensgeschichte Uriel da Costas erhebt sich
weit über das Niveau einer üblichen Biographie.
Spinozas oder Kants Werken würde kaum etwas
fehlen, wenn man das Leben ihrer Autoren nicht
kennte. Bei U. da C. dagegen sind Lehen und Werk
untrennbar verbunden. Sein Hauptwerk ist sein
Leben — ein einziger jahrzehntelanger Kampf für
seine Überzeugungen, denen er sein Glück, seine
Stellung, seine Ehre und schließlich sich selbst
opferte.
Sodann ist da Costas Biographie bedeutend durch
den Einblick, den sie uns in die Zustände der jungen
Kolonie spanischer Juden und Marannen des 17. Jahr¬
hunderts zu Amsterdam gewährt, und drittens ewig
lebendig als das tragische Typenschicksal des Wahr¬
heitssuchers und Ehrlichkeits-Fanatikers, der im
Kampf gegen die Gesetze der Gemeinschaft als Ein¬
zelner den Vielen unterliegt. Darum konnte da Costa
mit Beeilt seine Autobiographie, die er in den letzten
Tagen vor seinem freiwilligen Scheiden aus dem
Leben verfaßte. „Exemplar humanae vitae“ nennen
(Zitate z. T. gekürzt.'):
„Geboren bin. ich in Portugal, in der Stadt eben
dieses Namens, die gemeinhin Porto genannt wird.
Meine Eltern luaren von adligem Stande; sie leiteten
ihren Ursprung von den Juden her, die man einst in
jenem Lande gewaltsam zur christlichen Religion ge¬
zwungen hatte. Mein Vater ivar ein gläubiger Christ,
dabei ein peinlich strenger Ehrenmann, der auf Rang
und Stand größten Wert legte. In seinem Hause wurde
ich dem Stande gemäß erzogen. An Dienern fehlte es
nicht, und auch nicht an einem edlen spanischen Pferd
im Stall zur Übung des Reitens, worin mein Vater
Meister war, während ich früh seinem Vorbild folgte.
Nachdem ich endlich in manchen Künsten unterrichtet
war, die junge Leute von Stand pflegen, habe ich mich
der Rechtswissenschaft gewidmet. Nach Charakter und
natürdichen Neigungen war ich von Natur sehr ge¬
fühlvoll und so zu Mitleid geneigt, daß ich mich der
Tränen nicht erwehren konnte, ivenn ich von fremdem
Unglück reden hörte. Das Ehrgefühl lag mir so im
Blute, daß ich nichts mehr fürchtete als eine Ehren¬
kränkung. Mein Sinn war in keiner Weise unedel,
aber nicht frei von Zorn, wenn eine gerechte. Ursache
Veranlassung gab. Daher war ich hochmütigen und
unverschämten Menschen, die anderen durch Ver¬
achtung und Gewalt Unrecht zu tun pflegen, von
Herzen feind und mochte nur die Partei der Schwachen
nehmen, und lieber mit ihnen mich verbünden. Um
der Religion ivillen habe ich im Leben Unglaubliches
dulden müssen. Nach dem Herkommen jenes Landes
wurde ich in der römisch-katholischen Religion unter¬
wiesen; und da ich bis in meine Jünglingsjahre große
Angst vor der ewigen Verdammnis hatte, war ich be¬
strebt, alles genau zu beobachten. Ich beschäftigte
mich mit dem Lesen des Evangeliums und anderer
geistlicher Bücher, durchlas die Summen der Glaubens¬
verteidiger, und je mehr ich über ihnen brütete, desto
größere Schwierigkeit erwuchs mir daraus. Schlie߬
lich verfiel ich in unüberwindliche Verwirrung, Angst
und Bedrängnis. Kummer und Schmerz verzehrten
mich.“
Mit 25 Jahren — er wurde wahrscheinlich 1586
geboren — übernahm er, nachdem er Jura studiert
hatte, die Würde des Schatzmeisters an einer Stifts¬
kirche. Von Zweifeln geplagt befaßte er sich, wahr¬
scheinlich angeregt durch den jüdischen Arzt Samuel
da Silva, mit dem Studium der jüdischen Beligion und
beschloß, zum Judentum überzutreten.
„Zu diesem Zwecke trug ich kein Bedenken, auf
mein kirchliches Amt zugunsten eines anderen zu
verzichten, ohne mich dabei um Vorteil und Ansehen
zu kümmern. Auch mein schönes, in der besten
Lage der Stadt gelegenes Haus, das mein Vater gebaut
halte, ließ ich im Stich. So bestiegen wir das Schiff
unter der größten Gefahr, meine Mutter und ich samt
meinen Brüdern, denen ich in brüderlicher Liebe die
trotz mancher Zweifel neugewonnenen Überzeugungen
über die Religion mitgeteilt hatte, ein Wagnis, das für
mich sehr übel hätte ausschlagen können, so gefährlich
ist es in diesem Land, über derartige Fragen zu reden.
Nach überstandener Seefahrt langten wir schließlich
in Amsterdam an, wo wir die Juden in freier iMge
fanden, und um das Gesetz zu erfüllen, erfüllten wir
sogleich das Gebot über die Beschneidung.
Schon nach wenigen Tagen machte ich die Erfah¬
rung, daß die Sitten und Einrichtungen der Juden
durchaus nicht mit denen üb er einstimmten, die Moses
vorgeschrieben hat. Wenn aber das Gesetz genau zu
beobachten war, wie es selbst verlangt, dann hatten die
sogenannten Weisen der Juden zu Unrecht so viele vom
Gesetz gänzlich abweichende Dinge erfunden. Ich
konnte mich dabei nicht enthalten, ja ich glaubte ein
Gott gefälliges Werk zu tun, wenn ich frei und offen
das Gesetz verteidigte. Die heutigen Weisen der Juden
haben sowohl ihre Sitten als ihren bösartigen Charak¬
ter noch immer beibehalten; hartnäckig streiten sie
für die Sekte und Einrichtungen der verabscheuens¬
werten Pharisäer, nicht ohne Aussicht auf eignen Vor¬
teil, und wie man es ihnen sonst mit Fug vorgehalten
hat, um im Tempel die ersten Plätze einzunehmen
und auf dem Markte zuerst gegrüßt zu iverden. Sie
ließen es in keiner Weise zu, daß ich auch nur im
mindesten von ihnen abwiche, vielmehr sollte ich in
allen Stücken ihren Spuren unverbrüchlich folgen.
Andernfalls drohten sie mir mit der Ausschließung aus
der Gemeinde und völliger Exkommunikation. Da cs
aber einem Manne, der für die Freiheit Heimatboden
und allen äußeren Vorteil dahingegeben hatte, durch¬
aus nicht angestanden wäre, von solchen Drohungen
sich einschüchtern zu lassen, und da es unter solchen
Umständen weder recht und billig noch männlich ge¬
wesen wäre, sich Menschen zu unterwerfen, denen nicht
einmal die Rechtsprechung zustand, entschloß ich
mich, lieber alles auf mich zu nehmen, aber auf
meiner Meinung zu beharren.“
Aus geschäftlichen Gründen siedelte er 1616 nach
Hamburg über und verfaßte hier eine Schrift „Pro¬
postas contra a tradicao“, die „Thesen wider die
Tradition“, die er an die Judengemeinde in Venedig
sandte. In ihr wandte er sich gegen diejenigen
rabbinischen Forderungen und Lehren, die nicht
durch die Thora geboten waren, und stellte die Be¬
rechtigung der „mündlichen“ Lehre in Zweifel. Bei
der Gemeinde von Venedig fand er aber keineswegs
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Saramelbl. jüd. Wiss. 238/39