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Die ältesten uns erhaltenen Literaturdenkmäler des
israelitischen und jüdischen Volkes sind die biblischen
Bücher, denen man eine besondere Heiligkeit als Wort
Gottes zuschrieb. Alle Bücher, die später in persischer,
griechischer und römischer Zeit in den Jahrhunderten
unmittelbar vor und nach der christlichen Zeitrechnung
geschrieben wurden, auch wenn sie religiöse Stoffe
behandelten, galten den späteren Geschlechtern als
unheilig, ja man fürchtete sogar, sie könnten sich in
den Kanon der heiligen Schriften einschleichen, wie
es nach mancherlei Kämpfen wirklich einigen Büchern
wie Kohelet und dem Hohen Lied gelang. Deshalb ent¬
zog man sie der allgemeinen Lektüre, man „verbarg“
sie, wie der technische Ausdruck lautete. Sie werden
daher Apokryphen, Genusim, verborgene Schriften,
außenstehende Bücher genannt. Die einseitige Beschäf¬
tigung der jüdischen Lehrer mit der Bibel und den
auf ihr aufgebauten Gesetzen und Erklärungen hatte
zur Folge, daß das alte jüdische Gut der Apokryphen
den Juden selbst fast restlos verloren ging. Hätte uns
die Kirche nicht diese Schriften erhalten, die für sie
zwar von minderer Heiligkeit, aber immerhin noch
als Lesebücher nützlich waren, so wüßten wir
nichts von den Makkabäer-Büchern (auch Josephus ver¬
danken wir der christlichen Überlieferung). Bis auf
Jesus Sirach, dessen Sprüche vor wenigen Jahrzehnten
in dem Keller der Genisa in Alt-Kairo in hebräischem
Text gefunden wurden, sind uns diese Schriften in
allen möglichen Sprachen außer dem Hebräischen er¬
halten: griechisch, lateinisch, äthiopisch, altslavisch.
Ebenso mannigfaltig ist der Inhalt. Es sind geschicht¬
liche Bücher (Makkabäer), historische Romane, wie
Judith und Tobit, midraschartige Ausschmückungen
und Fortwucherungen biblischer Bücher (Zusätze zu
Esra, Esther, Daniel, das Buch der Jubiläen), Sprüche
und Psalrne (Sirach, Weisheit Salomos, Baruch, Sy-
billinen). Mit besonderer Vorliebe umhüllt man sich
mit dem Schleier des Geheimnisses und beschreibt unter
dem Namen alter Vorzeit-Heroen die Zukunft und das
Ende der Tage. Diese Bücher (Pseud-Epigraphen, Schrif¬
ten unter einem falschen Namen) geben sich als. Worte
des Henoch, des Baruch, der zwölf Patriarchen (der
Söhne Jacobs), des Moses und anderer aus. Die Verfasser
bemühen sich, die eigenen religiösen Anschauungen
und die ihrer Zeit zu predigen und nehmen Stellung
gegen ihre literarischen Gegner, Heiden und Juden.
Es ist jedoch schwer zu entscheiden, welchen uns näher
bekannten religiösen Gruppen die einzelnen Bücher
angehören. Manches klingt nach den Lehren der Essäer
und anderer Sekten, die es damals im Judentum gab,
anderes entspricht den Lehren der Pharisäer. An vielen
Stellen merkt man die Hand christlicher Überarbeiter,
die ihre Anschauungen in die alten Texte hineinflick¬
ten. Als Beispiel und Einführung in den Gedanken¬
kreis dieser Bücher folgt hier ein Abschnitt aus
der Apokryphensammlung „Altjüdisches Schrifttum
außerhalb der Bibel“ übersetzt von Paul Rießler, Fil-
ser-Verlag, Augsburg 1928, in dem die wichtigsten
apokryphen Werke für einen größeren Leserkreis zu¬
sammengestellt sind. R. L.
I. Abrahams Zweifel an.den Götzen
Das Buch der Offenbarung Abrahams, des Therach-
sohnes und Enkels Nachors, des Serugsohnes und
Enkels Reus, des Arphaxadsolmes und Enkels Sems,
des Sohnes Noes und Enkels Lamechs, des Methusa¬
lemsohnes und Enkels Henochs, des Sohnes Jareds.
Apokryphen. Apokalypse des Abraham.
Am Tag, wo ich an meines Vaters Therach Göttern
hobelte und an den Göttern Nachors, seines Bruders,
da forschte ich, wer denn der starke Gott in Wahrheit
sei, ich, Abraham, zu jener Zeit, wo es mein Los ge¬
wesen, daß ich die Opferdienste meines Vaters The¬
rach an seinen hölzernen und steinernen und goldenen
und silbernen und ehernen und eisernen Göttern wohl
verrichtete. So ging ich einmal zu dem Dienste in
den Tempel; da fand ich, daß der Steingott Merumat
vornüber war gefallen und zu des Eisengottes Nachon
Füßen lag. Bei diesem Anblick ward mein Herz ver¬
wirrt; denn ich bedachte es in meinem Sinn, daß ich
allein nicht in der Lage wäre, an seinen Ort ihn
wiederum zurückzubringen, weil er aus einem großen,
schweren Stein bestand. So ging ich hin und tat es
meinem Vater kund. Er ging mit mir hinein. Als
wir ihn beide fortbewegten, um ihn auf seinen Platz
zu stellen, fiel ihm sein Kopf herab, solang ich ihn
am Kopfe hielt. Wie nun den Kopf des Merumat mein
Vater sah, sagt er zu mir: Du, Abraham! Ich sagte:
Hier bin ich. Er sprach zu mir: Hol aus dem Hause
mir ein kleines Beil! Ich brachte es ihm. Da hieb er
einen andern Merumat aus einem andern Stein zu¬
recht, doch ohne Kopf; dann setzte er den abgebroche¬
nen Kopf ihm wieder auf, das andere von Merumat
zerschlug er.
II. Der Götzen Schicksale
Er machte noch fünf andere Götter und gab sie
mir und wies mich an, sie auf den Straßen zu ver¬
kaufen. Ich sattle meines Vaters Esel und leg sie drauf.
So ging ich in die Herberg zum Verkauf. Da zogen
mit Kamelen Kaufleute aus Fandana in Syrien hin
nach Ägypten, um dort Papyrus aus dem Nil zu kau¬
fen. Ich kam mit ihnen ins Gespräch. Und da schreit
eines der Kamele; der Esel schrickt zusammen und
läuft davon und wirft die Götter ab, und drei davon
zerbrechen, nur zweie bleiben ganz. Wie nun die Syrer
sahen, ich habe Götter, da sprachen sie zu mir: „Wes¬
wegen sagtest du uns nicht, du habest Götter? Dann
hätten wir sie dir eingehandelt, bevor der Esel des
Kameles Schrei vernommen. So w r ären sie nicht hin.
Nun gib uns wenigstens die andern Götter! Wir zah¬
len dir gemessenen Preis für die zerbrochenen Götter,
desgleichen für die ganz gebliebenen.“ Ich aber hatte
mich im Herzen tief bekümmert, w r ie ich den Kauf¬
preis meinem Vater bringen könnte. Die drei zer¬
trümmerten warf ich dort in den Gurfluß und sie
versanken in die Tiefe. Und fortan w r aren sie nicht
mehr.
III. Abrahams Bedenken
Als ich noch auf dem Wege ging, da ward mein
Herz in mir verwirrt, mein Sinn beunruhigt. Ich
sprach in meinem Herzen: Was ist das für ein böses
Tun, das da mein Vater tut? Ist nicht vielmehr er
seiner Götter Gott? Denn durch sein Meißeln, Drech¬
seln, durch seine Kunst entstehen sie. Ja, sollten sie
nicht meinen Vater anbeten, da sie doch nur sein
Machwerk sind? Was liegt doch für ein Wahn in
meines Vaters Werken? Es fiel ja Merumat und
konnte in dem eignen Tempel nimmer sich erheben;
ich selbst vermochte nicht, ihn zu bewegen, bis daß
mein Vater kam und so wir beide ihn bewegten. Und
da wir noch zu schwach, so fiel von ihm sein Kopf
herab. Er setzte ihn auf einen andern Steingott, den er
verfertigt ohne Kopf. Die übrigen fünf Götter wurden
von dem Esel auch zertrümmert; sie konnten weder
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