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selbst sich retten noch auch dem Esel Böses tun, ob¬
gleich er sie zertrümmert hatte; noch kamen ihre
Trümmer aus dem Fluß. Ich sprach in meinem
Herzen: Wenn es sich so verhält, wie kann dann mei¬
nes Vaters Götze Merumat wohl einen Menschen retten
oder eines Menschen Bittgebet erhören öder ihn be¬
lohnen, da er doch eines fremden Steines Kopf be¬
sitzt und selbst aus einem andern Stein gefertigt ist?
IV. Abrahams Gespräch mit seinem Vater
Als ich so dachte, gelangte ich in meines Vaters
Haus; dann tränkte ich den Esel, gab ihm Heu und
nahm das Geld und gab es meinem Vater Therach. Bei
seinem Anblick ward er froh und sprach: Gesegnet
bist du, Abraham, von meinen Göttern; weil du der
Götter Kaufpreis brachtest, war meine Arbeit nicht
vergeblich. Ich sprach zu ihm: Mein Vater Therach,
höre! Die Götter sind von dir gesegnet. Du bist ja
ihnen Gott; denn d u hast sie gemacht. Ihr Segen
ist Verderben und ihre Hilfe eitel. Die selber sich
nicht helfen konnten, wie können sie dir helfen oder
Segen mir verleihen? Ich war in dieser Sache dir von
Nutzen, weil ich durch meine Klugheit dir Geld von
den zerbrochenen Götzen brachte. Als er mein Wort
vernahm, erzürnte er sich heftig über mich, dieweil
ich gegen seine Götzen harte Worte ausgesprochen.
V. Abrahams Verspottung der Götzen
Ich ging hinaus und dachte über meines Vaters
Ärger nach; alsdann rief mich mein Vater: „Abra¬
ham!“ Ich sagte: Hier bin ich. Er sprach: Lies jetzt
die Späne von dem Holze auf, woraus ich tannene
Götter fertigte, bevor du kamst! Mach mir damit ein
Mittagessen fertig! Als ich des Holzes Späne sammelte,
fand ich darunter einen kleinen Gott, der im Kehrichte
zu meiner Linken lag und auf der Stirn geschrieben
trug: „Gott Barisat“. Ich aber sagt es meinem Vater
nicht, daß bei den Spänen ich den Holzgott Barisat
gefunden hätte. Als ich die Späne in das Feuer legte,
um meinem Vater Speise zu bereiten, und als ich
gehen wollte, der Speise wegen anzufragen, da stelle
ich den Barisat ans angefachte Feuer und sag zu ihm:
Gib Obacht, Barisat, auf daß das Feuer bis zu meiner
Ankunft nicht verlösche! Erlischt es aber, dann blas
es an, damit es wieder brenne! So ging ich weg und
tat, was ich gewollt. Bei meiner Rückkehr fand ich
auf den Rücken Barisat gefallen und seine Füße ein¬
gehüllt in Feuer und fürchterlich verbrannt. Ich sah’s
und brach in Lachen aus und sprach bei mir: Du
kannst ja prächtig, Barisat, das Feuer anzünden und
Speise kochen. Und während ich so bei mir sprach
und lachte, verbrannte jener langsam in dem Feuer
und ward zu Asche. Dann brachte ich die Speise
meinem Vater; er aß. Ich gab ihm Wein und Milch;
er trank und ward erfreut und lobte seinen Götzen
Merumat. Ich sag zu ihm: 0 Vater Therach! Preis
doch nicht deinen Götzen Merumat! Rühm ihn doch
nicht! Preis vielmehr deinen Götzen Barisat! Er warf
sich selbst zum Kochen deiner Speise in das Feuer,
dieweil er dich mehr liebt. Er fragte mich: Wo ist
er jetzt? Ich sprach: Er ist zu Asche in der Feuers¬
glut verbrannt und ward zu Staub. Er sprach: Groß
ist die Macht des Barisat. Ich mache heute einen
andern und morgen macht er meine Speise.
VI. Der Götzen Nichtigkeit
Als ich nun, Abraham, solch Worte meines Vaters
hörte, da lachte ich in meinem Sinn; dann seufzte
ich in meiner Seele voller Zorn und Ärger. Ich sprach:
Wie kann denn das von meinem Vater Angefertigte,
von Hand gemachte Bildwerk, ihm Hilfe leisten? Ja,
ist s denn so? Ist unser Geist der Unvernunft und Tor¬
heit unterworfen? Und doch ist unser Leib der Seele,
dem Geist die Seele untertan! Ich dachte: Einmal
gebührt sich s, Übles zu erdulden. So will ich meinen
Sinn auf Reines richten und offen vor ihn legen, was
ich denke. Ich sprach: 0 Vater Therach! Wem du
von diesen Gotteslob erweisen magst, du bist auf jeden
Fall in deinem Sinne unvernünftig. Sieh, deines Bru¬
ders Haran Götter, die in dem heiligen Tempel stehen,
sind weit verehrungswürdiger, als deine. Denn siehe,
Zucheus, deines Bruders Haran Gott verdient weit
größere Verehrung als hier dein Götze Merumat; er
ist aus Gold ja angefertigt, das bei dem Volke hoch¬
gewertet ist. Wird er an Jahren alt, so wird er um¬
geschaffen. Doch wenn dein Götze Merumat sich
ändert oder gar zerbricht, dann wird er nicht erneuert;
er ist aus Stein. Gerade so ist’s mit dem Götzen Joavon.
Der Barisat jedoch verbrannte in dem Feuer und ward
zu Asche und ist nicht mehr. Du sagst: Ich mache
heute einen andern, der morgen meine Speise mir
bereitet. Er kam vollständig um.
VII. Gott der Unvergleichliche
Fürwahr, verehrungswürdiger als die Gebilde alle
ist das Feuer; denn manches, was sonst niemand unter¬
worfen ist, fällt ihm anheim, und Dinge, leicht ver¬
derblich, sie dienen seinen Flammen zum Gespött.
Jedoch verehrungswürdiger ist noch das Wasser, weil
es das Feuer überwindet und auch den Durst der Erde
stillt. Ich heiß auch dies nicht Gott; es ist der Erde
unterworfen, worunter sich das Wasser neigt. Die
Erde nenne ich verehrungswürdiger, dieweil sie die
Natur des Wassers überwindet. Ich heiß auch sie nicht
Gott, dieweil sie durch die Sonne ausgetrocknet wird
und auch den Menschen zum Bebauen dient. Ver¬
ehrungswürdiger noch als die Erde nenne ich die
Sonne; das ganze Weltall macht sie hell mit ihren
Strahlen. Auch diese nenne ich nicht Gott, dieweil
ihr Lauf durch Nacht und Wolken wird verdunkelt.
Doch auch den Mond und die Gestirne nenne ich nicht
Gott, weil sie zu ihrer Zeit durch Nacht ihr Licht
verdunkeln. Hör dies, mein Vater Therach, daß ich
dir kundtue den Gott, der alles schuf, nicht die, die
wir für Götter halten! Wo ist er denn? Was ist er
doch? Wer rötete den Himmel, vergoldete die Sonne
und machte hell den Mond und die Gestirne? Wer
trocknete die Erde aus inmitten vieler Wasser? Wer
setzte dich selbst in die Welt? Wer suchte mich in
der Verwirrung meines Sinnes? Möclit Gott sich durch
sich selbst uns offenbaren!
VIII. Gottes Offenbarung
Und als ich dies zu meinem Vater Therach sprach,
im Hofe meines Hauses, da fiel die Stimme eines Star¬
ken von dem Himmel in einem Feuerwolkenbruch und
rief: Abraham! Abraham! Ich sagte: Hier bin ich.
Er sprach: Du suchst den Gott der Götter, den Schöp¬
fer in deines Herzens Sinn. Ich bin es. Geh fort von
deinem Vater Therach! Verlaß das Haus, daß nicht
auch du den Tod in deines Vaterhauses Sünden findest!
Ich ging hinaus.* Noch war ich nicht zur Tür des
Hofs gekommen, kam eines großen Donners Schall,
und Feuer fiel vom Himmel, und dies verbrannte ihn,
sein Haus und alles drin bis auf den Grund an vierzig
Ellen.
März 1931.