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Wie viele große Funde der Archäologie kamen
auch die Teil Amarna-Briefe durch einen Zufall
ans Licht. Eine ägyptische Bäuerin fand nahe bei
dem Dorfe Teil Amarna in Oberägypten, etwa 300 km
südlich von Kairo, im Sommer 1887 eine Anzahl
Tontafeln, die mit Keilschrift beschrieben waren. Sie
und andere Bauern schleppten sie nach Kairo, wo¬
bei viele der Tafeln beschädigt und vernichtet wur¬
den, und verkauften sie hier an Händler. Dadurch
wurden einige Gelehrte aufmerksam, gingen dem
Fund bis zur Quelle nach und retteten, was noch zu
retten war. Heule sind von den etwa 360 Briefen
über 200 im Berliner Museum, gegen 80 im British
Museum in London, der Rest in Kairo, Oxford und
in den Händen von Privatsammlern.
Teil Amarna war, wie bald festgestellt wurde, die
Residenz des berühmten „Ketzerkönigs“ Ameno-
phis IV. (1375—1358 v. Chr.), und der Zufall spielte
hier der Wissenschaft einen Teil seines diplomati¬
schen Archivs in die Hände, seinen Briefwechsel mit
den großen und kleinen Fürsten Vorderasiens. Die
Absender der Briefe sind zum kleineren Teil selb¬
ständige Könige von Babylonien, Assyrien, Mitanni
(am oberen Euphrat), dem Hethiterreich (in Klein¬
asien) und Zypern; zum größten Teil aber Klein¬
könige von Syrien und Palästina, die Untertanen
(„Diener“) des Pharao sind; die Empfänger sind fast
durchweg die Pharaonen Amenophis III. (etwa 1411
bis 1375) und Amenophis IV.
Durch die Teil Amarna-Briefe ist eine Epoche
Palästinas und Syriens, von der wir bis dahin so gut
wie nichts wußten, plötzlich ins helle Licht der Ge¬
schichte getreten. Es ist die Zeit etwa 150 Jahre vor
dem Einbruch der Israeliten in Kanaan. In dieser
Zeit beherrschte Ägypten ganz Palästina und Syrien,
nachdem der große Eroberer Thutmes III. (1501 bis
1447) das Land bis an den Euphrat unterworfen hatte.
Aber unter seinen Nachfolgern begann die ägyptische
Herrschaft wieder langsam abzubröckeln, besonders
seitdem der Schwärmer und Religionsreformer Ame¬
nophis IV. (Echnaton) den Thron bestiegen hatte.
Die Dokumente von Teil Amarna sind durchweg in
babylonischer Keilschrift und (bis auf zwei) in
babylonischer Sprache geschrieben. Eine sehr be¬
zeichnende kulturgeschichtliche Tatsache 1 Babylonisch
ist um 1400 die Sprache des diplomatischen Verkehrs
für ganz Vorderasien. Auch der Großkönig von
Ägypten antwortet in dieser Sprache und hält sich
für sie seine besonderen Schreiber. Daß die Könige
von Babylon und Assur sich ihrer bedienen, ist be¬
greiflich; daß aber auch die kleinen Fürsten von
Palästina und Syrien in ihr schreiben, obwohl sie
sie grammatisch und orthographisch mangelhaft be¬
herrschen, ja sogar dann, wenn sie untereinander
Briefe wechseln, das zeigt mit völliger Sicherheit, daß
zu dieser Zeit die spätere kanaanäische Buchstaben¬
schrift noch nicht existierte. Das Babylonisch ihrer
Briefe erscheint den Schreibern selbst zuweilen so
undeutlich, daß sie, um besser verstanden zu werden,
einzelne Worte durch das entsprechende kanaanäische
Wort erläutern, das sie in Klammern hinzufügen.
Auch diese kanaanäischen Glossen sind in babyloni¬
scher Keilschrift geschrieben, obwohl diese zur Wieder¬
gabe einer kanaanäischen Sprache ganz ungeeignet
Die Teil Amarna-Briefe.
ist — ein sicherer Beweis, daß eine eigene Schrift
ihnen nicht zur Verfügung stand. Außerdem aber
lehren uns diese Glossen die Sprache Kanaans zu
dieser Zeit kennen: sie ist Hebräisch, von dem
uns bekannten klassischen Hebräisch nur in dialek¬
tischen Einzelheiten abweichend.
Der Inhalt der Briefe ist von höchstem geschicht¬
lichem Interesse. Von den Königen Mesopotamiens
wird Palästina und Syrien als Provinz des ägyp¬
tischen Reiches angesehen, der Pharao ward für die
Sicherheit von Gesandten und Handelskarawanen ver¬
antwortlich gemacht. Syrien und Palästina zerfallen
in eine Unzahl kleiner und kleinster Stadtkönigtümer.
Unter diesen Fürsten tragen eine ganze Anzahl nicht¬
semitische, viele indogermanische Namen (Biridija,
Biridaschwa, Schmoardata, Namjawasa, Schutarna
usw.); sie scheinen einer Oberschicht anzugehören, die
durch die große von Thrakien ausgehende Völkerwan¬
derung nach Palästina gelangt ist (vgl. die Bne Chet
in Hebron I. Mos. 23).
Alle diese Fürsten sind nicht selbständig. Sie
nennen sich Könige, aber sie unterstehen der Auf¬
sicht eines ägyptischen Kommandanten. Jeder Thron¬
wechsel bedarf der Genehmigung des Oberherrn,
der meist einige Familienmitglieder dieser „Könige“
als Pfänder der Treue in seiner Hand hat und dann
gewöhnlich einen Sohn als Nachfolger einsetzt. Be¬
dingung dafür ist, daß die Tribute und sonstigen
Leistungen an Ägypten regelmäßig erfolgen. Es ist
klar, daß bei einer Lockerung der ägyptischen Herr¬
schaft dieses komplizierte System zu einer allgemeinen
Verwirrung und zu einem Kampf aller gegen alle
führen mußte. Und das ist in der Tat das Bild,
das wir aus den Teil Amarna-Briefen gewinnen.
Zwei Momente vor allem trugen eine ständig
wachsende Unruhe nach Syrien und Palästina hin¬
ein: das Vordringen des Hethiter-Reiches von Norden
und der Einbruch nomadischer Massen von Osten.
Das hethitische Reich, dessen Zentrum in Boghaskiöi
in Kleinasien am oberen IJalys lag, erwuchs in dieser
Zeit durch die Kraft eines großen Eroberers Scliub-
biluliuma zu einem Großreich, das über den Taurus
nach Syrien vordrang. Zwar bemühte sich dieser
Herrscher zunächst, in freundlichen Beziehungen zu
Ägypten zu bleiben; aber noch unter ihm begann ein
fast hundertjähriger Kampf mit Ägypten um die Vor¬
herrschaft in Syrien.
Von höchstem Interesse aber sind für uns die
Nachrichten über die vom Osten vordringenden Be¬
duinenstämme. Sie erscheinen in gleichzeitigen keil¬
schriftlichen Nachrichten unter dem Namen der
Achlamu-Aramäer, in den Briefen von Teil Amarna
als C h a b i r u , im Süden auch mit der alten ägyp¬
tischen Bezeichnung Suti. Sie sind Teile der großen
Völkerwelle, die wir die aramäische nennen, und die
zu dieser Zeit aus der syrisch-arabischen Wüste
gegen das Kulturland vordrang. Der Name Chabiru
ist nichts anderes als die keilschriftliche Schrei¬
bung des biblischen Namens Ibri 'HUS? = He¬
bräer. Hier erhellt sich uns plötzlich die Vor¬
geschichte der israelitischen Einwan¬
derung nach Kanaan. Denn auch diese He¬
bräer („die von jenseits des Jordan Kommenden“)
und die zu ihnen gehörenden späteren Israeliten sind
Sammelbl. jüd. Wiss. 241