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ein Teil dieser aramäischen Nomadenvölker. Das
hat die israelitische Tradition getreu festgehalten in
der Herkunft der Stammväter aus Aram und in dem
alten Spruch: „ein wandernder Aramäer war mein
Vater“ (V. Mos. 26, 5). Es sind freilich nicht die
späteren israelitischen Stämme, die jetzt einwandem
(denn diese Einwanderung fand erst etwa 150 Jahre
später statt), aber es sind nahe Verwandte von ihnen,
die mit dem allgemeineren Namen der Hebräer be¬
zeichnet werden, und mit ihnen mögen etwa die Moa¬
biter und Ammoniter nach Palästina gekommen sein.
Die kriegerischen Horden der Chahiru schieben sich
allenthalben nach Westen vor und bringen überall
Unruhe und politische Veränderungen. Im Norden,
im Lande Amurru (dem „Amoriterland“), das den
Libanon und sein Vorland im Osten und Westen
umfaßt, greift mit ihrer Hilfe ein Dynast Abd-
Aschirta (vielleicht selbst ein Chabiru) immer weiter
um sich, eine Stadt nach der anderen fällt ihm zum
Opfer. Über ihn und seinen Sohn Asiru gehen zahl¬
reiche Beschwerden nach Ägypten; aber er und
Asiru versichern in ihren Briefen an den Pharao un¬
entwegt ihre „Treue“ und Ergebenheit. Sie nehmen
nach ihrer Beteuerung die Städte nur in Besitz, um
sie für ihren geliebten Oberherrn besser gegen die
Chabiru zu schützen! Einmal schreibt Asiru sogar
zynisch, der Pharao solle nichts fürchten, er werde
von der eben besetzten Stadt Simyra denselben Tribut
erhalten wie bisher.
Dem Pharao leuchtete dieses Argument vielleicht
ein: er mag es vorgezogen haben, lieber mit einigen
großen Spitzbuben zu tun zu haben als mit vielen
kleinen. Jedenfalls griff er jahrelang nicht ein. Aber
das war ein gefährliches Spiel; denn Asiru, der treue
Untertan, verhandelte auch nach der anderen Seite
mit dem Hethiterkönig, von dem er sich bedroht
fühlte. Und vielleicht konnte er wirklich nicht anders
handeln, denn Ägypten war fern und das Hethiter¬
land nahe. Aber auch seine Gegner, die Klein¬
fürsten Syriens, verhandelten nach beiden Seiten und
beschuldigten sich dessen gegenseitig in ihren Briefen
an den Oberherm. Einig sind sie sich nur in
überschwenglichen Versicherungen ihrer Ergebenheit.
Satatna von Akko schreibt: „Also sagt Satatna, der
Mann von Akka, dein Diener, der Diener des Königs
und der Staub seiner Füße, der Erdboden, worauf
er tritt: Zu den Füßen des Königs, meines Herrn,
meines Gottes, der Sonne vom Himmel, werfe ich
mich siebenmal und noch siebenmal nieder, auf den
Bauch und auf den Rücken!“ Aber alle diese er¬
gebenen Diener, die in ihren Briefen eifrig versichern,
daß alles Unheil von den Chabiru oder von Asiru her¬
kommt, verbünden sich insgeheim mit Asiru und
bedienen sich der Chabiru für ihre eigenen Zwecke.
Hier sehen wir deutlich, wie das Eindringen der
Nomaden vor sich geht: Asiru ruft sie herbei, um
mit ihrer Hilfe sein Reich zu erweitern und die
kleinen Nachbarn zu unterdrücken; diese gewähren
ihrerseits den Eindringlingen noch größere Vorteile
an Geld und Land, um sie für sich zu gewinnen.
So fassen diese „Hebräer“ immer mehr im Lande
Fuß und werden allmählich aus Nomaden zu Fest¬
ansässigen, aus Helfern zu Herrschern.
In diesem Hexenkessel von Kampf, Intrige und
Verrat steht anscheinend nur ein Mann in unwandel¬
barer Treue zum Pharao: Rib-Addi, der Fürst Yon
Byblos (Gebal) in Syrien. Von ihm allein rühren
gegen siebzig der Amarna-Briefe her. Ihr Inhalt ist
stets der gleiche: Rib-Addi beklagt sich über wachsende
Feindschaft seiner Nachbarn, deckt die Zweideutig¬
keit in der Politik seiner Gegner (besonders Asiru’s)
auf und bittet flehentlich um ägyptische Hilfe. Sei
es nun, daß man ihm nicht glaubte, oder daß die
Politik Ägyptens zu lässig war — die Hilfe blieb aus.
Immer verzweifelter wurde sein Hilferuf, und es ist
ergreifend, wie er am Ende eines solchen Briefes
dem Schreiber des Pharao noch besonders einschärft;
„An den Tafelschreiber des Königs, meines Herrn.
Bringe schön die Worte hinein zum König, meinem
Herrn: Verloren gehen alle Länder des Königs,
meines Herrn!“ Endlich, in der höchsten Not, drohte
er, seine Stadt zu verlassen, und bat um ein Schiff,
das ihn nach Ägypten nähme. Da entschloß sich
endlich Amenophis, sandte ein Heer nach Syrien
und schuf Ordnung. Asiru unterwarf sich, der auf¬
sässige Labaja in Mittel-Palästina, der sich der Vor¬
ladung nach Ägypten entziehen wollte, wurde auf
der Flucht erschlagen.
Aber der Erfolg war nur sehr vorübergehend, nach
wenigen Jahren waren die Zustände schlimmer als
vorher. Rib-Addi, völlig vereinsamt, sah sich ge¬
zwungen, Gebal zu verlassen, und ging nach Berut,
um Hilfe zu holen. Als er zurückkehren wollte,
schloß ihm seine eigene Stadt auf Betreiben seines
Bruders die Tore. Bald darauf wurde der alte Mann
in Sidon von seinen Feinden erschlagen. Nun schickte
der Pharao dem Asiru den gemessenen Befehl, sich
vor ihm in. Ägypten zu verantworten, und drohte
ihm im Falle der Weigerung mit der Hinrichtung.
Alle Winkelzüge halfen ihm nichts, er mußte den
schweren Weg antreten. Für diesen Prozeß, so scheint
es, wurden die Briefe, die wir kennen, als Akten¬
material zurechtgelegt. Der Prozeß ging für Asiru
gut aus. Der Pharao fand es zweckmäßig, den großen
Räuber zu schonen. Aber auch diese schwächliche
Großmut war vergeblich: nach wenigen Jahren ging
Asiru zu den vordringenden Hethitern über.
Ähnliche Briefe wie von Rib-Addi besitzen wir von
dem König Abdi-Ghipa von Jerusalem. Wir sehen aus
ihnen, daß die Stadt ihren späteren Namen schon in
dieser Zeit trug (Urusalim), während sie dazwischen
bis zu der Eroberung durch David (um 1003) Jebus
hieß, wahrscheinlich infolge einer neuen Besetzung
durch ein fremdes Volk. Auch aus den Briefen des
Abdi-Chipa erkennen wir den Zerfall der ägyptischen
Oberherrschaft und die Zersplitterung des Landes in
Stadtherrschaften. Durch die Teil Amarna-Briefe er¬
kennen wir die Voraussetzungen, unter denen etwa
100 Jahre später das jugendfrische Nomadenvolk der
Israeliten den Hauptteil Palästinas rasch erobern und
in zähem Kampf zu seinem eigenen Lande machen
konnte.
Außer der gewaltigen Erweiterung unseres ge¬
schichtlichen Horizontes liefern die Teil Amarna-
Briefe noch eine Fülle kulturgeschichtlichen und
sprachlichen Wissens über diese Zeit, so daß man sie
in der Tat als einen der großen Glücksfunde in der
Wissenschaft vom Alten Orient bezeichnen kann.
E. A.
März 1931.