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Unter den Propheten ist Jeremia der Dichter. Fast
alles, was er uns hinterlassen hat, ist in metrische Form
gegossen. Seine Gedichte entspringen so sehr einem
persönlichen Erleben, daß sie fast alle nach den ver¬
schiedenen Epochen seines Lebens datiert werden
können.
Da Jeremia’s Buch schon von dem ersten Samm¬
ler (wohl von Baruch, dem Jünger des Propheten)
einigermaßen zeitlich geordnet worden ist, lassen sich
mehrere Epochen seines Schaffens deutlich abgrenzen.
I. Die Früh zeit (626—621). Kap. 1—6,8—12.
II. Jeremia als Kämpfer (609—597). Hier¬
her gehört die große Tempelrede (K. 7) und
Baruchs Bericht über sie (K. 26); die Anfein¬
dungen und inneren Kämpfe des Propheten
(15, 10—20; 17, 9—10; 18, 18—20; 20,1—18);
die politischen Gedichte nach der Schlacht bei
Karchemisch (13,15—27; 14,17—18; 15,5—9; 16,
2—7; 17, 1—4; 18, 13—17; 22, 6—7, 20—23).
Die Niederschrift der Rolle (K. 36) und die
Königssprüche (22, 13—19, 24—30).
III. Jeremia als Führer (597—586). Der
Kampf gegen falsche Propheten (23, 9—28),
ein Gleichnis (24, 1—8); dazu der Bericht Ba¬
ruchs über die Tätigkeit Jeremias (Kap. 27—28);
der Brief an die Verbannten (Kap. 29); die
Belagerung Jerusalems (Kap. 32—-38).
IV. Das leidvolle Ende (nach 586). Der Be¬
richt Baruchs über die Eroberung Jerusalems
(39, 1—14; 40, 1—6), über Jeremias weitere
Schicksale (40, 7—43, 7). Jeremias letzte Worte
aus Ägypten (43, 8—10; 44, 15—28).
Das Buch Jeremia, wie es heute vorliegt, gliedert
sich in drei große Teile: 1. Worte des Propheten
(K. 1—6, 8—25, 30—31); 2. Bericht Baruchs über das
Leben Jeremias (7; 26—29; 32—45); 3. Angehängt
sind Weissagungen über andere Völker (46—52), die
aber wahrscheinlich nicht von Jeremias stammen.
I. Seine Berufung zum Propheten, die er in
jugendlichem Alter erlebte, erfüllt den schüchternen
Mann mit Zagen, aber sie ist ihm etwas Unausweich¬
liches. ,,Da sprach ich: Wehe, mein Herr Gott, sieh
ich weiß nicht zu reden, denn ich bin jung! Gott
aber sprach zu mir: Sag nicht: ich bin jung. Son¬
dern wohin ich dich sende, geh, was ich dir gebiete,
sprich!“ (1,6—7). So wendet er sich seinem Volke zu,
dessen Wandel ihn erschreckt. Dabei nimmt der in
Anatot lebende Prophet seine Bilder meist aus dem
Leben der Natur. Gott sagt von Israel: „Ich pflanzt’
dich als Edelrebe, — Ganz reinen Samens, —- Doch
wie wandeltest du dich zum faulen, — Zum wilden
Weinstockl (2, 21).“
Da braust, im ersten Jahr seiner Berufung (626),
der Sturm der wilden Skythen durch das Land. Die
Angst um sein Volk, das er schon vernichtet, um sein
Land, das er schon verwüstet sieht, bricht in einer
Reihe von Liedern heraus. In grandioser Vision
malt er den Feind: „Wie Wolken steigt es herauf, —
Wie Sturm seine Wagen, — Seine Rosse schneller als
Adler! — Weh uns Verlornen! (4,13).“
Da sieht er seine ganze Welt versinken, der geord¬
nete Kosmos kehrt wieder ins Chaos zurück. „Ich seh
auf die Erde — öde und wüst! — An den Himmel — i
dahin sein Licht! — Ich seh auf die Berge — siehe sie
beben, — Und alle Hügel schwanken. — Ich seh auf
die Flur — da ist kein Mensch, — Alle Vögel des
* Jeremias Leben s. Sammelbl. 159
Jeremia II. Jeremia* Werk*
Himmels geflohen! — Ich seh auf den Karmel —
Wüstenland, — Und all seine Städte zertrümmert!
(4, 23—26)“
Das gleiche Bild, aber in lyrischer Weichheit, der
Schmerz um die sterbende Natur, kehrt noch einmal
wieder: „Über euch, ihr Berge, muß — ich Totenklage
singen, — Über euch, ihr Auen, muß — mein Grab¬
gesang erklingen. — Tot die Flur! Kein Tritt durch-
hallt, — kein Laut durchbricht das Schweigen. —
Fort, entflohn des Waldes Wild, — der Vögel bunter
Reigen! (9, 9)“
Da ruft der Dichter die Klageweiber und lehrt sie
den Totengesang auf sein Volk: „Hört, ihr Frauen,
mein Wort, — Euer Ohr nehm’ es auf, — Lehrt eure
Töchter die Klage, — Jede ihre Freundin: — ,Der
Tod stieg in unsere Fenster, — Kam in die Paläste, —
Er würgt auf der Gasse den Säugling, — Die Jungen
auf den Plätzen. — Es fallen die Leichen der Men¬
schen — Auf freiem Felde, — Wie die Garben hinter
dem Schnitter, — Die keiner sammelt'. (9,19—21)“
Wie mächtig ist die Vision vom Tod, der in die
Fenster steigt! Das ewige Bild vom „Schnitter Tod“
stammt von Jeremia.
Seine düsteren Prophezeiungen und seine heftigen
Anklagen zogen ihm schon in dieser frühen Zeit
in seiner Heimatstadt Anatot Anfeindungen zu. In
seiner Klage darüber formt er wieder zwei durch
ihn sprichwörtlich gewordene Bilder (11,18—20). „Ich
war wie ein zutraulich Lamm, — Das zur Schlacht¬
bank geführt wird ... — Doch Gott richtet recht,
er prüft — Auf Herz und Nieren.“
II. Diese erste Periode im Schaffen Jeremia’s
findet ein Ende, als das Heiligtum von Anatot, an
dem er wirkt, mit allen andern Kultstätten durch die
Reform Josia’s aufgehoben wird (621). Der Prophet
kommt nach Jerusalem und schweigt hier 13 Jahre
hindurch. Erst nach dem Tode Josia’s (609) tritt er
wieder hervor, völlig verwandelt. Er ist jetzt 40
Jahre alt; aus dem Lyriker ist ein Kämpfer gewor¬
den, der mit unbeugsamer Festigkeit seinen Weg geht.
Es ist ihm klar geworden, daß eine äußere Reform
des Kultes, wie sie der eben gestorbene König Josia
mit reinstem Wollen durchgeführt hatte, die mora¬
lischen Schäden des Volkes nicht zu heilen vermag.
Dieser Erkenntnis gibt er in seiner flammenden Rede
Ausdruck, die er „im Anfang der Regierung Joja-
kims“ im Tempelvorhof gehalten hat (Kap. 7).
„Traut nicht dem falschen Gerede: Tempel Gottes,
Tempel Gottes, Tempel Gottes ist dies! . . . Ha, steh¬
len, morden, huren und Meineid schwören — und
dann kommt ihr und steht vor mir und denkt:
wir sind sicher? Ist mein Haus eine Räuberhöhle in
euren Augen? So will auch ich es so ansehn! ist
Gottes Spruch . . . und ich will diesem Hause hier
tun, was ich tat an Siloh! . . . Eure Brand- und
Schlachtopfer häuft nur und fresset Fleisch! Nicht
sprach ich zu euren Vätern von Brand- und Schlacht¬
opfern; sondern das gebot ich ihnen: Hört auf meine
Stimme! (7, 4—23) „Was sagt ihr: Wir sind weise, —
Gottes Lehre ist bei uns! — Fürwahr! zum Luge
werkte — Luggriffel der Schreiber! ... — Sie ver¬
warfen Gottes Wort — Was bleibt da für Weisheit?
(8, 8-9)“
Diese furchtlose Rede, die alles angriff, was als
heilig galt, Tempel, Opfer und Thora, Ixätte ihn fast
sein Leben gekostet, denn „Priester und Propheten“
verlangten seinen Tod. Nur die Gerechtigkeit der
Sammelbl. jüd. Wiss. 242