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„Ältesten“, die Ehrfurcht und Freiheit für das Gottes¬
wort forderten, rettete ihn; aber das Betreten des
Tempels wurde ihm untersagt. Die Priester bleiben
seine Feinde, und im Schmerz über die allgemeine
Ächtung legt er seine inneren Seelenkämpfe bloß,
mehr als je ein Prophet es tat. „Weh, Mutter, daß du
mich geboren, — Den alle befehden! — Ich nahm
nicht und gab nicht Zins, — Doch fluchen mir alle .. .
— Wisse, o Gott, ich trug Schmach — Um deinet¬
willen! — Zu mir fand sich dein Wort, ich verschlang
es, — Es ward wir dein Wort — Zur Friede und Her¬
zenswonne, — Du Gott der Scharen! (15,10,15—16)“
Als Jeremia bei dem Versuch, noch einmal im
Tempel zu sprechen, von einem der Oberpriester
schwer mißhandelt wurde (20, 2—3), da haderte er
mit Gott und mit seinem Leben, wie es selbst Hiob
nicht gewagt hat. „Du locktest — ich ließ mich locken,
— Ergriffst mich, siegtest — So ward ich zum Ge¬
lächter täglich, — Jeder spottet mein! ... — Doch
sprach ich: ich will sein nicht denken, — Nicht mehr
reden aus ihm — So ward es wie fressendes Feuer, —
Verschlossen im Gebein, — Unmöglich, es zu ertra¬
gen! — Ich vermochte es nicht! ... — Verflucht
sei jener Tag, — An dem ich geboren, — Der Tag,
da die Mutter mich gebar, — Sei ungesegnet! ... —
Warum denn kam ich ans Licht — Aus dem Schoße
der Mutter? — Zu schauen Kummer und Qual, — In
Schmach zu enden! (20, 7—18)“
Nie ist in der gesamten Weltliteratur die „Last des
Gotteswortes“ gewaltiger gezeichnet worden, nie aber
auch die Wucht des „kategorischen Imperativs“ tra¬
gischer dargestellt worden.
Wir haben bereits erwähnt, wie sich dem Propheten
alles Sehen zum bildhaften Schauen formte. Dafür
gibt er uns aus dieser Zeit ein herrliches Beispiel
(18, 3—6). „Ich stieg hinab in das Haus des Töpfers,
und der arbeitete grade an der Töpferscheibe. Ver¬
darb ihm nun ein Gefäß, das er formte, so machte
er von neuem ein anderes Gefäß, wie es ihm recht
schien. Da erging Gottes Wort an mich: „Kann ich
nicht gleich diesem Töpfer — Euch auch tim? —
Wie Ton in der Hand des Töpfers — Seid ihr in
meiner Hand!“
Ton in der Hand des Töpfers! Ein ewiges
Gleichnis.
Im Jahre 605 bricht durch die Schlacht von Kar-
chemisch — Sieg Nebukadnezars über Ägypten,
dessen Verbündeter König Jojakim ist — die
babylonische Gefahr über Juda herein. Da fühlt sich
Jeremia getrieben, noch einmal zu warnen. In weni¬
gen Wochen entsteht eine Reihe von Liedern, die in
ihrer heftigen Erregung an die Skythenlieder erinnern.
„Zum Könige sprecht, zur Herrin: — Setzt tief euch
nieder! —• Es sank von euren Häuptern — Die präch¬
tige Krone! — Gebt eurem Gott die Ehre, — Bevor
umdämmerte Berge — Den Fuß euch brechen!
(13, 15—19)“ Nach Duhm.
Dieser Zyklus schließt mit einem majestätischen
Schuldspruch über Juda: „Geschrieben ist Judas
Schuld — Mit eisernem Griffel, ■— Mit Demant-Nagel
geritzt — Auf die Tafel eures Herzens. (17, 1—4)“
Da dem Propheten das Betreten des Tempels ver¬
boten ist (36, 5), entschließt er sich zu einem neuen
und kühnen Schritt: er läßt alle seine bisherigen
Prophetien von seinem Jünger Baruch niederschrei¬
ben und vor dem versammelten Volke im Tempel
verlesen (Winter 605/04). Diese Rolle ist der Grund¬
stock unseres Buches Jeremia geworden. Der er¬
zürnte König verbrennt die Rolle und verfolgt
Jeremia, der sich verborgen halten muß.
III. Jeremia’s Eingreifen in die Politik, das hier¬
mit beginnt, hat bei ihm das A^rsiegen des dichte¬
rischen Quells zur Folge gehabt: zwanzig Jahre lang
hat er so gut wie nichts geschrieben, und wir würden
aus seinem Werke über diese Zeit nichts wissen, wenn
wir nicht den Bericht Baruchs über das Leben des
Propheten hätten (Kap. 26—29, 32—44). Unablässig
mahnt er zur Unterwerfung unter Nebukadnezar, in
dem er das Werkzeug Gottes sieht (27, 6). Seine
herbe Kritik an Jojakim erfährt rasche Bestätigung
durch die erste Wegführung (597), und so steht er
unter König Zedekia (597 bis 586) in hohem Ansehen.
Ihm ist es zu danken, daß ein im Jahre 594 geplan¬
ter Aufstand gegen Babel nicht losbricht, und dabei
hat er schwer gegen die Hetze falscher Propheten zu
kämpfen (K. 27; 23, 9—40; 29, 15—23). Gleich¬
zeitig schreibt er den berühmten Brief an die Ver¬
bannten nach Babel: „Bauet Häuser und bewohnt
sie, pflanzet Gärten und esset ihre Frucht. . . . Sucht
das Wohl des Landes, in das ich euch verbannt habe,
und betet für es zu Gott, denn in seinem Wohl wird
auch euer Wohl liegen“ (29, 5—14). Aber er kann
doch die Katastrophe nicht hindern, die 586 zur Zer¬
störung Jerusalems geführt hat.
Da, als der Feind schon die Stadt belagert und
alles verloren scheint, ist Jeremia der einzige, der in
der Zukunft eine Hoffnung sieht und ihr in einem
ergreifenden Symbol Ausdruck gibt. Er kauft, wäh¬
rend alle verzweifeln, einen Acker in Anatot und ver¬
kündet zuversichtlich: „Noch wird man kaufen Häuser,
Felder und Weinberge in diesem Lande!“ (32, 15)
IV. Nach dem Zusammenbruch ringen sich aus der
Seele Jeremias noch einmal Lieder los, die zu seinen
schönsten gehören, Lieder des Trostes. „In Rama hallt
Totenklage, — Bitterlich Weinen: — Rahel beweint
ihre Kinder, — AVeint untröstlich. —■ Halt ein deine
Stimme vom AVeinen, — Dein Auge von Tränen! —
Deinen Mühen winkt Lohn: sie kehren — Vom
Feindesland wieder. (31, 15—16) — Ist mir Ephraim
Lieblingssohn, — Ein verzärteltes Kind, — Daß wenn
er nur spricht zu mir, — Ich seiner gedenken muß? —
Mein Herz drängt stürmisch zu ihm — Ich muß mich
erbarmen! (31, 19) — Marksteine stelle dir auf, —
AVegweiser setze, — Präg’ dir ins Herz die Straße, —
Die du gezogen! — Kehr, Jungfrau Israel, heim —
Zu deinen Städten! (31, 21)“
Jeremia hat bis zum bitteren Ende bei seinem
Volke ausgehalten; durch seine Zuversicht aber hat
das Volk weitergelebt. Die letzten Spuren Jeremias
finden wir in Ägypten, wohin er von flüchtenden
Teilen des Aolkes gegen seinen AVillen mitgeführt
wurde. Seine letzten Worte gelten einem hoffnungs¬
losen Kampf gegen Aberglauben und Unverstand (44,
15—28). Über sein Ende wissen wir nichts.
Jeremia’s Gedanken sind einfach wie alles Große.
Gott ist Liebe. Es gibt nur Ein Gebot: Gottes
Stimme zu hören (7, 23). Es gibt nur Ein Verdienst:
recht zu tun. „Heißt das nicht, mich erkennen? ist
Gottes Spruch“ (22, 16). Gottes A ; ermächtnis durch
Jeremia geht an die Seele des Menschen: „Mit dem
Hause Israel schließe — Ich neuen Bund: — Ich senke
meine Lehre in sie, — Ich schreib’s auf ihr Herz. —
Dann werde ich Gott ihnen sein, — Und sie mir Volk.
(31, 30—33)“
E.A.
April 1931
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