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Talmud vom hebräischen lamod = lernen bedeutet
eigentlich das Lernen und Studium der Thora.
Dann nennt man so das Buch, das aus der eingehen¬
den Beschäftigung der Judenheit mit der Gotteslehre
innerhalb eines Zeitraumes von etwa 1000 Jahren
(450 v. — 550 n. d. g. Z.) hervorgegangen ist. Es um¬
faßt 12 starke Foliobände mit ungefähr 6000 Seiten.
Der Talmud besteht aus 2 Teilen: Mischna nnd
Gemara. Die Mischna ist die Sammlung der reli¬
giösen Traditionen, die um das Jahr 200 n. d. g. Z.
von dem Patriarchen Rabbi Juda ha Nassi in Pa¬
lästina veranstaltet worden ist. Sie wurde infolge
ihrer Yortrefflichkeit das anerkannte Grundbuch, das
von jetzt an die Hochschulen Palästinas und Baby¬
loniens zum gemeinsamen Ausgangspunkt aller Er¬
örterungen über die religiöse Theorie und Praxis des
Judentums nahmen. Diese Erörterungen nennt man
Gemara oder Talmud im engeren Sinne. (Von
Gamor „vollenden“, aramäisch „lernen“.) Zur Mischna
gibt es zwei Arten von Gemara, eine aus Palästina, der
„palästinensische“ oder „jerusalemische Talmud“ und
eine aus Babylonien, der „babylonische Talmud“, der
größere Verbreitung gefunden hat und die Reli-
gions- und Rechtsquelle des nachbiblischen Judentums
geworden ist. Die palästinensische Gemara ist etwa
um die Mitte des vierten Jahrhunderts gesammelt
worden in einer Zeit, in der die Judenheit des heili¬
gen Landes durch die Römer viel zu leiden hatte.
Man merkt es dem palästinensischen Talmud an, daß
■er in einer Verfolgungsperiode des Judentums eilig
abgeschlossen worden ist. Babylonien aber, wo die
Juden seit dem Exil in großer Zahl lebten und später
sogar unter einem politisch anerkannten weltlichen
Oberhaupt, dem Exilsfürsten oder Resch Galutha, eine
gewisse rechtlich-politische Autonomie besaßen, war
das einzige Land des nahen Orients, das dem römi¬
schen Weltreich nie angegliedert war. Hier erfolgte
die Sammlung der Hochschulerörterungen zur Ge¬
mara unter ruhigen Verhältnissen im Laufe des
5. Jahrhunderts. Der endgültige Abschluß des babyl.
T. fällt in das Jahr 499. Er ist das Werk des großen
.Schuloberhauptes Rab Aschi, der während seiner
52jährigen Amtszeit in Sura den ganzen, während
zweier Jahrhunderte angesammelten Stoff in seinem
Lehrhaus zweimal durchgenommen und geordnet hat.
Die letzte Redaktion vollzogen die beiden Gelehrten
Rabina und Rab Jose.
Mehr als 2000 Gelehrte werden im Talmud genannt.
Die frühesten Traditionskundigen heißen S o f e r i m
(Schriftgelehrte), die in der Mischna vorkommenden
Rabbinen Tannaim d. h. Lehrer, die Weisen der
Gemara nennt man Amoräer d. h. Erklärer. Die
nach dem Abschluß des Talmuds im 6. Jahrhundert
mit der nochmaligen Durchsicht des Werkes beschäf¬
tigten Lehrer sind die Saboräer d. h. die Mei¬
nenden. Sie sahen ihre Aufgabe darin, die von ihren
Vorgängern, den Amoräern, noch nicht zur Entschei¬
dung gebrachten Fälle und Diskussionen des Talmuds
in eine endgültige gesetzliche Form zu bringen, ohne
den Erklärungen der früheren Lehrer zu wider¬
sprechen. Es folgten dann in Babylonien ein halbes
Jahrtausend lang Generationen von Gelehrten, die sich
der Erforschung des Talmuds und der Gestaltung
•des jüdischen Lebens durch neue Verordnungen wid¬
meten. Es waren dies die Schuloberhäupter von Sura
und Pumbadita; sie hatten den Titel „Gaonen“
(Exzellenzen). In Palästina, dessen bedeutendste
Lehrhäuser sich in Tiberias, Cäsarea und Sepphoris
Talmud I, Allgemeines
befanden, waren die berühmtesten Talmudlehrer im
3. Jahrhundert. R. Jochanan ben Napcha und sein
Schwager R. Simon ben Lakisch (Resch Lakisch).
Nach ihrem Tode gingen die Akademien des heiligen
Landes infolge der politischen Wirren so zurück, daß
sich die Palästinenser der religiösen Entscheidung der
Babylonier beugten. Als dann der Patriarch Hillel II.
ungefähr im Jahre 360 sich gezwungen sah, den
bisher durch die Mondbeobachtung festgestellten Ka¬
lender durch den seitdem geltenden, nach festen Re¬
geln berechneten abzulösen, verlor das heilige Land
seinen maßgebenden Einfluß auf das Judentum, der
jetzt für sieben Jahrhunderte auf die babylonischen
Akademien überging.
In Babylonien ragten unter den Lehrhäusern be¬
sonders die zu Sura, Nehardea und Pumbadita hervor.
Die erste Lehrstätte gründete hier in Sura Abba Areka
(175—247), der zu den Schülern des Mischna-Redak-
tors R. Juda ha Nassi gehörte, das Gesetzesstudium
nach Babylonien verpflanzte und so große Anerken¬
nung gewann, daß er allgemein Rab (der Lehrer)
genannt wurde. Sein Zeitgenosse und Freund war
Samuel, Gründer des Lehrhauses zu Nehardea, der
auch mit anderen Wissenschaften, vor allem mit
Medizin und Astronomie, sehr vertraut war. Wie Rab
in den Fragen des religiösen Lebens eine unbestrittene
Autorität besaß, so richtete man sich in den Rechts¬
entscheidungen nach Samuel, der auch den bekannten
Satz prägte: „Dina d’malchutha Dina“ d. h. das
Gesetz der Regierung ist gültiges Gesetz, wodurch die
Befolgung der Landesgesetze für die Juden eine
religiöse Pflicht wurde.
Die Gemara oder der Talmud im engeren Sinne
ist kein fortlaufendes Gesetzbuch wie die Mischna,
sondern — in gedrängter Kürze — die Gesamtheit
der Diskussionen über die Paragraphen der Mischna.
Die Gemara umfaßt die Protokolle dieser Erörterun¬
gen in Fragen und Gegenfragen, in scharfsinnigen
Disputationen nach der Art von Parlamentsberich¬
ten oder richtiger in der Form einer lebhaft geführten
Gerichtsverhandlung. Die dialektische Disputierkunst
ist in ihr mit der spitzfindigsten Kasuistik gehandhabt.
Man entfernt sich oft weit von dem in dem Mischna-
lehrsatz ausgesprochenen Gesetz, sucht wirkliche oder
scheinbare Widersprüche in den Meinungen eines und
desselben Gelehrten oder verschiedener Lehrer auf
und will sie beseitigen, und so entsteht in der De¬
batte ein Labyrinth von Bemerkungen aus allen Ge¬
bieten des Wissens, so daß man zuweilen schwer zum
Ausgangspunkt zurückfindet. Man spricht deshalb
mit Recht vom „Meer des Talmuds“. Besonders in
Babylonien wurde diese weitausholende, scharfsinnige
Dialektik ausgebildet, wo man oft nicht mehr um die
Wahrheit und Gültigkeit eines Gesetzes kämpfte, son¬
dern nur aus der Lust am Debattieren mit haarspal¬
tenden Spitzfindigkeiten operierte. Die Gelehrten der
Hochschule von Pumbadita verstanden, wie man sagte,
die Kunst, „einen Elefanten durch ein Nadelöhr zu
ziehen“. In den palästinensischen Lehrhäusern wurde
diese übertrieben kasuistische Methode scharf getadelt,
und sie hatte auch in Babylonien starke Gegner.
Die Diskussionen beziehen sich auf die Gestaltung
des religiösen, rechtlichen und sozialen Lebens, auf
die Auffindung der Gesetzesnorm oder der H a -
lacha (d. h. Gang, Vorschrift) für alle denkbaren
Spezialfälle der Praxis. Mit dieser Halacha ist der
größte Teil des Talmuds ausgefüllt. Mitten in den
Debatten finden sich aber als Beispiel und Beweis
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Sammelbl. jüd. Wiss. 243