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Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.
Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in natür¬
licher Folge der allgemeinen Kulturentwicklung die
Grundlagen und Schranken der bisherigen politischen,
religiösen und soziologischen Gesellschaftsordnung zu
wanken begannen, machten die davon betroffenen
Gesellschaftskreise nach dem beliebten Grundsatz „post
hoc ergo propter hoc“ die Juden hierfür verantwort¬
lich. Da diese nämlich durch die Emanzipation seit
einigen Jahrzehnten in der westeuropäischen Welt zu
Ansehen und Einfluß gelangt waren, bezeichnete man
sie nunmehr als die „Vorkämpfer des Liberalismus,
Sozialismus und Kommunismus“ als die „Elemente des
Umsturzes“, die „Feinde der Kirche“, die „Propheten
des Internationalismus“ und dgl. Zum offenen Aus¬
bruch und zu ihrer politischen Formulierung kam
diese Gegnerschaft gegen die Juden, als 1872 in Preu¬
ßen die Schulen verweltlicht wurden und die Geist¬
lichkeit, in ihrer ersten Bestürzung kritisch getrübt,
hierin einen Angriff des „internationalen Judentums“
gegen das Christentum erblickte.
Durch Bismarcks Bündnis mit den Konservativen
und Klerikalen gegen den Liberalismus und den da¬
mals eben emporkeimenden Sozialismus wurden auch
die Agrarier in das Fahrwasser des politischen Anti¬
semitismus geleitet, indem sie ihre Politik gegen die
Städte und die in den Städten angeblich tonangebenden
Juden richteten. Als Erfolg dieser Bewegung wurde
1878 zum ersten Male in Deutschland eine politische
Partei mit ausgesprochen antisemitischem Programm
gegründet und, da sie unter der Führung des volks¬
rednerisch begabten Hofpredigers Stöcker stand, der
Antisemitismus unmittelbar in die Massen und auf die
Gassen getragen.
Die Juden, die sich im unantastbaren Besitz der
ihnen feierlich zugesagten Gleichberechtigung wähnten
und hofften, daß sich ihre staatsbürgerliche Stellung
mit der zunehmenden Aufklärung der Juden und
Nichtjuden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verbessern
würde, gaben sich nur widerstrebend und zögernd der
Erkenntnis hin, daß sie die ihnen gesetzlich verbürg¬
te Gleichberechtigung nicht nur nicht besaßen, sondern
sogar in Gefahr waren, ihre bisherige Position wieder
zu verlieren. Nur langsam und schwer ließen sie sich
herbei, den wahren Charakter und den Ernst dieser
antisemitischen Bewegung anzuerkennen, und ebenso
widerstrebend entschlossen sie sich zu einer organisier¬
ten Abwehr, durch die sie die Existenz des Antisemi¬
tismus und das Vorhandensein einer angegriffenen
jüdischen Minorität anerkannten. Der erste Jude, der
öffentlich gegen den Antisemitismus Stellung nahm,
war der an der Berliner Universität als Professor
wirkende V ölkerpsy chologe Moritz Lazarus
durch seine Schrift „Was heißt national?“. 1880
wandten sich 75 angesehene Christen, darunter der Ber¬
liner Oberbürgermeister Forkenbeck, der Staatsrechts¬
lehrer v. Gneist, Mommsen, Sybel, Siemens öffentlich
gegen den Antisemitismus und kurz danach trat wie¬
der auf Anregung von Moritz Lazarus das „Dezember-
Komite“ zusammen, dem auch angesehene Juden bei¬
traten.
In den achziger Jahren stieg die antisemitische
Welle immer höher. Der „Verein deutscher Studen¬
ten“, der unverhohlen judenfeindliche Tendenzen
vertreten wollte, wurde gegründet, dem Reichstag
ging ein von 250 000 Wählern unterschriebener An¬
trag auf Entrechtung der Juden zu, in Pommern,
Westpreußen usw. erfolgten die ersten Pöbelangriffe
gegen Juden im modernen Deutschland und an allen
Orten drängte man die Juden aus ihren Beamten^
posten und öffentlichen Ämtern heraus, so daß sie
im Gegensatz zum erhofften Ausgleich von neuem in
eine staatsbürgerliche Ausnahmestellung gedrängt wur¬
den. Den Höhepunkt erreichte die damalige antisemi¬
tische Verhetzung des Volkes mit dem sogenannten
Ritualmordprozeß zu Xanten (1891).
Bezeichnenderweise waren es auch nunmehr nicht
Juden, sondern Christen, die sich zu einer öffentlichen
Bekämpfung des Antisemitismus zusammenschlossen.
1890/91 konstituierte sich unter der Führung des Staats¬
rechtlers Rudolf v. Gneist der „Verein zur Abwehr
des Antisemitismus“, der einen von 500 Christen Unter¬
zeichneten Aufruf aussandte und hierdurch dem Ver¬
ein über 10000 Mitglieder zuführte.
Nunmehr erst begannen die Juden der Berliner Ge¬
meinde sich zu einer Selbstwehr aufzuraffen. 1891
traten 25 führende Persönlichkeiten zu einem „Ko¬
mitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe“ zusam¬
men. 1892 erschien Raphael Löwenfelds Schrift
„Schutzjude oder Staatsbürger?“ und F. Simons
ähnliche Broschüre „Wehrt Euch! Ein Mahnruf an
die Juden“ mit einem Geleitwort von Bertha v. Sutt¬
ner. Als Ausklang seiner Streitschrift forderte
Raphael Löwenfeld all diejenigen Leser, die ihm in sei¬
nen Forderungen beistimmten, zur Meldung auf, und
so scharte sich um ihn eine Gruppe selbstbewußter
Juden, darunter zahlreiche, die in den kommenden
Jahrzehnten im jüdischen und im öffentlichen Leben
eine bedeutende Rolle zu spielen berufen waren (Hugo
Preuß, Eugen Fuchs, Hermann Stern, die späteren
Professoren Mendel, Mendelsohn und Senator, Dr. Pa¬
riser u. a.)
Am 26. März 1893 wurde alsdann unter der Leitung
von Martin Mendelsohn, Eugen Fuchs, Heinrich Meyer
Cohn, Raphael Löwenfeld, Julius Schneider und Adolf
Herzfeld der „Centralverein deutscher
Staatsbürger jüdischen Glaubens“ ge-
gegründet mit der Aufgabe, „die deutschen Staatsbür¬
ger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen
und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der
tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und ge¬
sellschaftlichen Gleichstellung und in der unbeirrten
Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken.“
Am 29. Juni fand nach einem Aufruf „An die
deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ in der
Singakademie die erste öffentliche Versammlung statt,
in der Martin Mendelsolm, Raphael Löwenfeld und
Eugen Fuchs als die ersten drei öffentlichen Redner
des C.-V. sprachen. Als Grundsätze des Vereins wurden
an diesem Abend die vier Thesen aufgestellt:
1. Wir deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens
stehen fest auf dem Boden der deutschen Nationalität.
Unsere Gemeinschaft mit den Juden anderer Länder
ist keine andere als die Gemeinschaft der Katholiken
und Protestanten Deutschlands mit den Katholiken und
Protestanten anderer Länder. Wir erfüllen als Staats¬
bürger freudig unsere Pflicht und halten fest an un-
I seren verfassungsmäßigen Rechten.
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Sammelbl. jüd. Wiss. 246