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R. Löw entstammte einer bedeutenden Gelehrten¬
familie aus Worms, deren berühmtestes Mitglied
R. Löwe „der Alte“ war, einer der bekanntesten Ge¬
lehrten seiner Zeit (gest. 1440). Der Enkel dieses
R. Löwe des Alten war der Großvater des Hohen
R. Löw. Der Vater des It. Löw, Bezalel, hatte vier
Söhne, die sämtlich Oberrabbiner geworden sind. In
welcher Stadt R. Löw geboren wurde, ist unbestimmt.
Wahrscheinlich ist er nicht in Worms, sondern in
Posen geboren und vermutlich um das Jahr 1520.
Kaum eine Gestalt des mittelalterlichen Judentums
ist so von der Legende umwoben und so volkstümlich
geworden wie die des Hohen R. Löw. Von Geburt bis
Tod ist sein ganzes Leben von einer Unzahl Anekdoten,
Parabeln und Gleichnisse umrankt, die zum größten
Teil den Stempel der Dichtung und Verklärung tra¬
gen, so daß hinter ihnen die Tatsächlichkeiten seines
Daseins fast unerkennbar geworden sind und eine objek¬
tive Schilderung seines Lebens selbst in großen Zügen
nicht mehr möglich ist. Schon seine Geburt ist
durch einen, man kann nur sagen, Mythos mehr
verfinstert als erhellt. Er soll in der Sedernacht ge¬
boren sein. Als man die Nachricht von der Geburt des
Knaben dem Vater zutrug und die versammelten Män¬
ner vom Tische aufstanden, um zur Mutter zu eilen,
fanden sie vor der Tür einen Fremdling, der im Be¬
griff war, die Leiche eines Christenkindes heimlich
in das Haus zu tragen, um die Juden des Ritualmordes
anklagen zu können. Man hielt ihn fest und vereitelte
so den Anschlag. Die Kunde von der glücklichen Er¬
rettung der Gemeinde durcheilte die Häuser, und der
Morgengottesdienst, bei dem die Geburt des Kindes
verkündet wurde, gestaltete sich zu einem allgemei¬
nen Dankgebet. Bezalel soll gesagt haben: ,,Das Kind
ist unseres Volkes Tröster, es ist auf diese Welt ge¬
kommen, uns von der schrecklichen Blutlüge, der
schmachvollsten Besudelung, die wir im Golus er¬
leiden, zu befreien,“ und er nannte das Kind Jehuda
Löw nach dem Bibelvers: ,,Juda, ein junger Löwe,
vom Siege bist Du hinaufgezogen, mein Sohn.“
(1. Moses 49,9.)
Als R. Löw 16 Jahre alt war, wurde er von dem
ebenso frommen wie reichen Gemeindevorsteher
Prags, Reb Samuel Schmelke Reich, zum Schwieger¬
sohn ausersehen. Reb Samuel schickte den jungen
R. Löw nach Lublin an die berühmte Schule des
R. Salomo Lurje, der damals als größte Autorität auf
talmudischem Gebiet galt.
Bald darauf soll der Schwiegervater sein Vermögen
verloren haben. Er stellte dem Freier anheim, die Ver¬
lobung zu lösen, da er ihm die versprochene Mitgift
nicht aushändigen könne. R. Löw aber schlug dieses
Anerbieten aus, und seine Braut Perl eröffnete ein
kleines Lebensmittelgeschäft, um sowohl die verarm¬
ten Eltern zu ernähren als auch sich selbst einen Haus¬
stand gründen zu können. Durch ein — wieder von
der Legende ins Wunderbare erhobenes — Erlebnis
soll sie plötzlich in den Besitz einer großen Geldsumme
gelangt sein und sich hierdurch ihre Heirat mit R. Löw
ermöglicht haben.
Von 1553 bis 1573 war R. Löw Landesrabbiner in
Nikolsburg in Mähren. Die großen Judenverfolgungen,
Rabbi Löw
(„hohe Rabbi Löw von Prag").
unter denen die Juden der damaligen Zeit zu leiden
hatten, zwangen ihn, Nikolsburg zu verlassen, und er
siedelte nach Prag über, wo er ein Lehrhaus, die Klaus,
gründete. Die Organisation desselben war so vorbild¬
lich, daß man später allenthalben Lehrhäuser, wie man
sich ausdrückte, „nach Prager Vorbild“ schuf. 1564
organisierte er die Chewra Kadischa von Prag, deren
von ihm verfaßte Statuten die Bewunderung der Mit¬
welt erregten und die für ähnliche Gründungen in den
verschiedensten Städten Europas vorbildlich wurden.
R. Löw war einer jener Rabbinen, denen Prag seine
führende Stellung in der Judenheit Europas verdankt.
Im Laufe seiner Lehrtätigkeit verfaßte R. Löw eine
Reihe größerer und kleinerer Schriften, in welchen er
sich gegen die damals vielgeübte pilpulistische, d. h.
haarspalterisch-sophistische Methode des Thora- und
Talmudstudiums wandte und ebenso den damaligen
Schulunterricht bekämpfte, der dieser Entwicklung
Vorschub leistete.
R. Löw war ein Maggid, ein schlagfertiger Redner
und ein gemütvoller Erzähler, der vortrefflich in
jeder und für jede Situation ein Gleichnis aus der
Schrift, eine Anekdote aus der Geschichte oder eine
Fabel anzuführen wußte. Seiner gehobenen Geistes¬
art und seelenvollen Natur entsprach folglich mehr
die Beschäftigung mit der agadischen Literatur und
den Midraschim, die sich weniger an den Verstand
als an Herz und Gemüt wenden und statt in scharf¬
sinnige juristische Erklärungen in moralische Forde¬
rungen ausklingen. Seine Meisterschaft in der Be¬
herrschung des Wortes und der Debatte kommt in
den berühmten Disputationen zum Ausdruck, die er
als Verteidiger des Judentums mit der katholischen
Geistlichkeit ausfocht. Diese war der Judenheit in Prag
nicht wohlgesinnt und bemühte sich, die Juden teils
durch Überredung, teils durch Zwang von der Minder¬
wertigkeit der jüdischen Religion zu überzeugen. Ins¬
besondere ein Priester namens Taddäus suchte durch
Anschuldigungen aller Art die offizielle Vertreibung
der Juden aus Prag durchzusetzen. R. Löw schrieb an
den Prager Kardinal Johann Silvester, er möge ihm
Gelegenheit geben, öffentlich auf die Beschuldigun¬
gen gegen die Juden antworten zu dürfen. Es wurde
eine jener im Mittelalter beliebten Disputationen ver¬
anstaltet, bei der R. Löw als einziger Verteidiger des
Judentums einem Kreis von angeblich nicht weniger
als 300 Anklägern gegenübertrat. R. Löw bat, daß ihm
in 30 Sitzungen je 10 Geistliche entgegengestellt
würden, und er diskutierte hierbei über 100 Fragen,
die mit seinen Antworten in einem Bericht des Do¬
minikanerordens zu Prag überliefert worden sind.
R. Löw mußte die typischen Fragen beantworten: Wa¬
rum benötigen die Juden zum Peßachfest Christen¬
blut? Warum verpflichtet der Talmud, den Christen zu
hassen? Weshalb haben die Juden Christus gekreuzigt?
Warum betrachten sie sich als auserwähltes Volk? usw.
Er verstand es in einer noch heute unsere Bewunde¬
rung erweckenden Gewandtheit und Eleganz der Dis¬
kussion seinen Gegnern standzuhalten und sie zu ent¬
waffnen. Nach der Überlieferung soll er die katho¬
lischen Geistlichen durch seine Argumentation gerade¬
zu fasziniert und viele von ihnen zu Gönnern des Ju¬
dentums umgestimmt haben.
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Sammelbl. jüd. Wiss. 217