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Die Haltung, die ein Mensch in der letzten Stunde
seines bewußten Daseins einnimmt, die Gefühle und
Gedanken, mit denen er dem Tode entgegentritt und
Abschied von der Welt nimmt, charakterisieren ihn
in einem so reinen Licht wie kaum eine Haltung oder
Handlung der gesicherten Lebenszeit, in der zahlreiche
schwer kontrollierbare Faktoren das Bild sowohl nach
der guten wie der schlechten Seite verfälschen können.
In einem kleinen hebräisch erschienenen Werk „Buch
des Hinscheidens“ sind die Sterbestunden bekannter
(meist chassidischer) Persönlichkeiten nach den Berich¬
ten der Zeitgenossen geschildert. Von den Schilderungen
sind im folgenden 12 Beispiele wiedergegeben, die ein
in seiner Einfachheit und Ungescliminktheit geradezu
erschütternd wirkendes Bild liefern von der heute fast
übermenschlich anmutenden Charaktergröße, dem
Gottvertrauen und der bis zum letzten Atemzug be¬
wahrten und bewährten Liebe zu Volk und Gedanken
des Judentums.
Baal schem tow.
Als Baal schem tow krank wurde vor seinem Hin¬
scheiden, legte er sich nicht auf sein Lager, sondern
wurde nur mager und seine Stimme versagte, und er
saß allein in dem Zimmer seiner Einsamkeit. In der
Schabuoth-Nacht, der letzten Nacht seines Lebens, ver¬
sammelten sich um ihn seine Getreuen, und er trug
ihnen einen D’rusch vor über den Empfang der Thora.
Am Morgen schickte er nach ihnen, daß sie sich alle
versammelten, und wies sie an, wie sie mit ihm um¬
gehen sollten nach seinem Verscheiden. Danach bat
er, daß man ihm den Siddur gäbe, und sagte: „Ich
will mich noch ein bißchen mit Gott unterhalten.“
Darauf hörten sie, wie er sagte: „Ich verzichte auf
diese zwei Stunden, quäle mich nicht!“
Sie fragten ihn, mit wem er gesprochen.
Sagte er ihnen: „Seht ihr nicht den Todesengel,
der immer vor mir floh, und jetzt, da man ihm Macht
über mich gab, weiteten sich seine Schultern und große
Freude ist über ihm.“
Darauf traten alle Männer der Stadt ein, ihm Gut-
Jonteff zu wünschen,- und er sagte Thora vor ihnen.
Danach, zur Zeit des Mahles, befahl er dem Diener,
daß er ihm Honig brächte in einem großen Glase, und
dieser brachte ihn in einem kleinen. Da hub er an
und sagte: „Keine Herrschaft am Tage des Todes“
(Kohelet), nicht einmal der Gabbai gehorcht mir
mehr.“
Darauf sagte er: „Bis hierher habe ich Euch zu
Gefallen gelebt, und jetzt tut mir einen Gefallen.“
Und er gab ihnen ein Zeichen, daß, wenn er ver¬
scheiden würde, die Uhren im Hause stehen blieben.
Er wusch seine Hände, und da blieb die große Uhr
stehen, und es umringten ihn die Männer, damit man
ihn nicht sehen sollte.
Da sagte er ihnen: „Ich trage keine Sorge um mich,
denn ich weiß sicher, daß ich herausgehe aus dieser
Türe und zugleich schon eingehe in eine andere Tür.“
Und er setzte sich auf in seinem Bett und befahl,
daß sie sich um ihn herumstellten, und er sagte ihnen
Thora.
Tod der Weisen.
Zeitgenössische Schilderungen der
Sterbestunde ostjüdischer Weisen.
Und er befahl ihnen „Jehi noam“ (das Totengebet)
zu sagen. Und er legte sich und setzte sich auf mehrere
Male und betete in Andacht, bis man die einzelnen
Worte nicht mehr verstand. Und er bat, ihn mit einem
Tuch zu bedecken, und begann zu zittern und zu
beben wie bei der Schemone-esre, und danach be¬
ruhigte er sich allmählich. Und sie sahen, daß auch
die kleine Uhr stehen geblieben war. Und sie warteten
ein Weilchen und sie sahen, daß er verstorben war.
Er starb Schab uoth 5520.
R. Dow Bär von Meseritz.
Vor dem Hinscheiden des großen Maggid R. Dow
Bär von Meseritz standen vor ihm seine Söhne R. Abra¬
ham, der „Engel“, R. Jehuda Leb ha Kohen,
R. Schneur Salman, der Raw von Ladi. Er sagte zu
ihnen: „Haltet aneinander in Einigkeit, dadurch
werdet Ihr alles überwinden, geht vorwärts und nicht
rückwärts.“ Und danach kam auch der Zaddik
R. Sischa von Hanopol, und er winkte ihm mit dem
Finger, daß er an ihn heranträte. Und er trat heran.
Er nahm ihn an seiner rechten Hand und sagte ihm:
„Du, Sischa, Du bist mein in dieser Welt. Und auch
dort wirst Du bei mir sein.“ Und danach sagte er:
Ob da wäre der R. Mendel von Witebsk, und es ant¬
wortete ihm R. Schneur Salman, daß er nicht da sei.
Und er stöhnte stark und fragte, ob der R. Leb ha
Kohen da sei, und er sah ihn an und sagte ihm: „Auch
Du wirst in meinem Kreis sein, denn ,die Lippen des
Kohens beachten das Wissen', und ich bin von der
Welt des Wissens.“ Danach sagte er wörtlich: „Sal-
manchen, Salmanchen, Du wirst allein bleiben, aber
ich werde schon sehen, Diöh von Deinen Nöten zu be¬
freien, denn nach Dir werde ich wahrhaftig Sehn¬
sucht haben.“ Und danach sagte er: Abrahamchen, Du
schweige nur und benimm Dich wie bisher, und Du
sollst gehorchen dem Salman, leben soll er, und es
wird Dir gut gehen. Und die Hauptsache: Du sollst
Dich nicht kasteien, denn wenn ein kleines Loch im
Körper entsteht, bildet sich ein größeres in der Seele,
und Deine Seele ist doch ganz einzigartig.“ Und er
sagte: „Gute Nacht!“ und schlief ein.
R. Jizchak Lurje.
In der Stunde des Verscheidens von R. Jizchak Lurje
(„Ari") standen um ihn herum all seine Schüler mit
Ausnahme von R. Ghajim Vital. Da trat zu ihm
R. Jizchak ha Kohen, weinte vor ihm und sagte: „Ist
das die Hoffnung, die wir alle hegten in Deinem
Leben, viel Gutes zu sehen, Lehre und Weisheit der
Welt?“
Erwiderte ihm der Ari: „Wenn ich unter Euch
auch nur einen vollkommen Gerechten gefunden
hätte, würde ich nicht von dannen gehen.“
Darauf fragte er: „Wohin ging R. Chajim Vital
in dieser Stunde?“ Und er kränkte sich sehr. Da ent¬
nahm R. Jizchak seinen Worten, daß er im Sinn hatte,
ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. Darauf fragte er
ihn: „Was sollen wir jetzt und weiterhin tun?“
Sagte ihm der Ari: „Du sollst den Jüngern in
meinem Namen sagen, daß von heute und fernerhin
Sammelbl. jüd. Wiss. 248
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