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Nach der allgemeinen Ansicht ist das Hofjuden-
Wesen eine typische Erscheinung des 17. und 18. Jahr¬
hunderts in Deutschland und Österreich; es kommen
jedoch die im kulturellen Einflußbereich des heiligen
römischen Reiches gelegenen Randstaaten hinzu, wie
Polen mit seiner Familie Fischei, Dänemark mit
seinen Hoflieferanten Josua Abensur in Hamburg um
1660 und Alexander David in Braunschweig um 1740.
Vorbereitet wurde es schon im 16. Jahrhundert, sein
Ende erreichte das Hofjuden-Wesen äußerlich mit
dem napoleonischen Einbruch, innerlich bereits mit
der französischen Revolution. Es gehört zum Ab¬
solutismus und beginnt im Fürstenstaat.
An Bezeichnungen für Iiofjuden-Wesen führt man
1735 an: Hof-Faktores, Commerzien-Commissarii,
Gommerzien-Räthe, Agenten usw., dazu hierarchische
Steigerungen wie Oberhoffaktor u. dgl. Jedoch scheint
keiner dieser Titel auf Juden beschränkt gewesen zu
sein; in Hessen-Kassel finden sich nebeneinander
jüdische und christliche Hoffaktoren und Kommer¬
zienräte um 1750. Auch kann ein und dieselbe Person
mit mehreren der angeführten Benennungen bezeich¬
net werden. „Hofjude“ als Amts- wie als Selbst¬
bezeichnung ist ein ausschließliches Prädikat, das
z. B. der badisch-markgräfliche Hofjude Schweicher
1703 in Rastatt in Stein gehauen über seine Haus¬
türe setzen ließ.
Über die rechtliche Stellung des Hof juden ist noch
wenig bekannt. Feststehende Züge sind aber stets:
eine beschränkte Beamteneigenschaft, ausgedrückt
durch Einweisung in Stellen und Soldbezug (der in
Hessen-Kassel aus der privaten landesherrlichen Cha-
toullkasse gewährt wird), dann Ausstattung mit Pfer¬
den und Zubehör, Eximierung von dem für Schutz¬
juden zuständigen Gericht und Stellung unter Hof-
gerichtssprechung, ferner Recht des Immediatverkehrs
mit dem Fürsten, Befreiung von allen inländischen
Paß- und Zollrevisionen und -gebühren, Gewährung
von Auslandspässen u. a. m. Dazu treten gelegent¬
lich noch das Recht auf Tragen von Gewehr und die
Befreiung von der richterlichen Gewalt des Rabbiners.
Aufgaben der Hof juden sind: 1. Belieferung des
Fürsten und seines Hofes mit Waren und Geld;
2. Belieferung der Münze mit Münzmetall (dies war
häufig der Ansatzpunkt zum Eindringen in den staat¬
lichen Apparat und zur Anregung zeitgemäßer Ver¬
waltungsmaßnahmen) ; Furagierung der Armee im
Felde und Belieferung im Frieden; 4. diplomatische
und kommerzielle Missionen im In- und Auslande
(auf der Leipziger Messe haben 1774—1788 die weni¬
gen Juden mit Freipaß, d. h. die Hof juden, jähr-
lich_25mal soviel gekauft wie die große Menge der
jüdischen Meßgäste zusammen); 5. Anregung und
Förderung einbringlicher Kulturen und Industrie wie
Tabak und Seidenweberei. Private Handlung war den
Hof juden daneben gern gestattet, da ihr Kredit der
eigene Vorteil des Staates war. Durch diese Univer¬
salität unterscheiden sich auch die Hof juden von
den seit dem 17. Jahrhundert auftretenden jüdischen
Hofstickern, Hofmalern und anderen Künstlern, bei
denen diese Ehrenbezeichnung ein bloßer Titel ist.
Die Staaten unterhielten Hof juden an fremden
Hofjuden.
Plätzen (Hessen hat im 18. Jahrhundert einen Hof¬
juden in Hamburg etabliert, und sein berühmtester
Agent Rothschild saß in der freien Reichsstadt Frank¬
furt a. M.); auch wurden sie, ausgesprochen oder
stillschweigend, jeweils durch mehrere Potentaten
anerkannt. Jud Süss war um 1730 zugleich Hof¬
faktor in Württemberg, von Kur-Köln und Hessen-
Darmstadt; bereits der erste bekannte Hofjude ■—
seiner Dienstbezeichnung nach „Diener von Haus
aus“ —, der 1530 in Kassel bestallte Michel von
Derenberg, war Hofdiener vieler Fürsten und Herren.
So lassen sich alle Eigenheiten des Hofj uden-Weseos
über das 17. Jahrhundert zurückverfolgen, von ihrer
gerichtlichen Vorzugsstellung unter den Franken-
kaisem an bis zu ihren Berechtigungen, Grundbesitz
zu erwerben und ohne Judenabzeichen zu gehen
(Michel von Derenberg); allerdings standen die bevor¬
zugten Juden des hohen und späteren Mittelalters
(insbesondere an den Höfen der Kirchenfürsten) stets
in ganz anderen Positionen, dienten als Finanz- und
Münzbeamte u. dgl. Die mittelalterlichen jüdischen
Ärzte sind, wenn sie auch, wie in Hessen, in Hofklei-
dung auf treten, niemals als Hof juden anzusehen.
Die Hof juden begannen allmählich, wie sie in
allem dem Vorbild des Adels nachlebten und all¬
gemein die historischen Eigenheiten des Absolutismus
in überscharfer Ausprägung verkörperten, mit sich
und untereinander eine bewußt dynastische Politik zu
treiben, der der Staat freilich dadurch entgegenwirkte,
daß er die zwar an Zahl eng beschränkten, aber doch
immer im Plural kreierten Hof juden gegeneinander
ausspielte. Festzustellen ist u. a. die inzuchtmäßige
Heiratspolitik der Hof juden, ihre Bemühungen um
Privilegiensicherung über den Tod hinaus und ihre
Besetzungsdiplomatie; so wurden z. B. von Esther
Liebmann in Berlin aus innerhalb zweier Generatio¬
nen die führenden Plätze in den inländischen Ge¬
meinden von Halberstadt, Halle und Königsberg
sowie in den ausländischen Kassel und Dresden
mit Familienangehörigen besetzt, während wiederum
Kassels Hof juden familiär mit denen Braunschweigs
und Hannovers zusammenhingen. Die Hof juden wur¬
den ferner, durch das Schwergewicht ihrer Stellung,
zu Führern ihrer Gemeinden, vielfach geradezu zu
ihren Gründern. Es waren in vielen Fällen erst die
Hof juden, die die elementaren Rechte des Koscher-
schlachtens, des Friedhofanlegens, insbesondere aber
des Synagogenhaltens bzw. -bauens durchsetzten.
Neben dieser landespolitischen Führerschaft übten die
Hof juden häufig auch eine religionspolitische, wie
durch die Nominierung der Rabbiner aus, sowie
immer eine kulturelle, selbst wenn sie nicht ausdrück¬
lich Rabbiner, Drucker und Künstler um sich sam¬
melten, sondern nur die Stilform ihrer Haushaltung,
die Kunstform der Synagoge, die Umgangsform ihrer
Tracht und Gesittung auf die Menge wirken ließen. Mit
einem gewissen Recht könnte man z. B. die hessische
Judengeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts als Ge¬
schichte der Kasseler Goldschmidts und ihrer Nach¬
folger beschreiben. — Die persönliche Führung der
Hof juden ging durchweg auf die Hofgesellschaft und
das Großbürgertum zu, auf Kultur und Bildungs-
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