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Jakob Offenbach wurde am 20. Januar 1819 als
das 7. Kind des Musikers Isaac Juda Eberst in Köln
geboren. Isaac Juda Eberst war von Haus aus Buch¬
drucker und stammte aus Offenbach, wo sein Vater
als Privatlehrer unterrichtet hatte. Er verließ früh
seine Heimatstadt und schlug sich als Musikant durch,
der in Wirtshäusern, auf Tanzböden, Hochzeiten mu¬
sizierte und gelegentlich in Synagogen vorsang. In
Deutz, der Kölner Vorstadt, in der sich die Juden
nach ihrer Vertreibung aus Köln im Jahre 1424 an¬
gesiedelt hatten, blieb er wohnen und heiratete hier
die Tochter eines Kaufmanns, Marianne Rindskopf.
Als Kantor der jüdischen Gemeinde siedelte er nach
Köln über, wo Jakob Offenbach geboren wurde.
Schon früh verriet dieser die ererbte musikalische
Begabung und wurde bereits mit elf Jahren von
seinen Eltern mit zwei Geschwistern
als Musikus zu den Tanzfestlichkei¬
ten geschickt. Mit 14 Jahren erschien
schon seine erste Komposition, ein
„Divertimento über Schweizer Lie¬
der“, im Druck. Ohne Zweifel gaben
diese frühen Kindheitsschicksale: die
Kunst als Broterwerb, die ausschlie߬
liche Pflege des leichten Genres nach
dem Geschmack eines musikalisch
ungebildeten Publikums, das nieder¬
rheinische Temperament mit seiner
Freude am derb Volkstümlichen und
die enge Berührung mit dem froh¬
gestimmten Völkchen auf Tanz¬
böden, Kirchweih- und Kamevals-
festen dem jungen Musiker die ent¬
scheidende Richtung, die ihn von der
Balm der ernsten klassischen Musik
auf das Gebiet des Vaudevilles lenkte.
Obwohl im Hause Offenbach die
Musik eine Brotkunst für groß und klein bedeutete,
regte sich doch im Vater der Wunsch, seinen Kindern
zum Aufstieg zu verhelfen, und 1833 fuhr er mit
seinen Söhnen Jakob und Julius nach Paris, wo sie
am Konservatorium unter der Leitung Gherubinis
studieren sollten. Hier jedoch setzte man den „Aus¬
ländem“ Schwierigkeiten entgegen, und schon schien
die Reise verfehlt, als es Jakob im letzten Augenblick
gelang, durch ein Probespiel vor zwölf Professoren
die Bewunderung der Lehrer zu erregen und die
Zulassung zum Konservatorium zu erreichen. Frei¬
lich gab er bereits nach einem Jahr das Studium auf
und verdiente seinen Unterhalt als Vorsänger in
einer Synagoge und als Cellist an Theatern. Schlie߬
lich gelang es ihm, eine Anstellung an der Opera
Gomique zu erhalten, die unter der Leitung Halevys
stand. Hier spielte er drei Jahre, „hier bahnte sich
seine vielberühmte Theaterroutine, sein Blick für das
Bühnenwirksame, seine Instrumentationskunst an,
hier lernte er französischen Stil und Geschmack und
namentlich das französische Publikum kennen. Da¬
mals bereits wird der Traum seines Lebens, auf dieser
Bühne einen durchschlagenden Erfolg zu erringen,
m ihm lebendig geworden sein. Namentlich aber
wurde der junge Offenbach von jenem Pariser Leben
erfaßt, dessen markantester musikalischer Schilder er
er einst werden sollte.“ (Henseler.)
Jakob Offenbach.
Ohne ein großer Musiker zu sein, war Offenbach eine
große musikalische Persönlichkeit. Saint-Saens.
Aber er befand sich noch weit, weit von dem er¬
sehnten Ziel. Hätte er damals geahnt, wie lang und
domenreich der Weg bis zur Erfüllung seiner Träume
sein würde, so hätte ihm sicher die Verzweiflung die
Kraft geraubt, die lange Leidensbahn des Künstlers
zu durchmessen. Zunächst trat er mit kleineren Kom¬
positionen, darunter einer Musik für das Vaudeville
„Pascal et Chambord“, vor das Pariser Publikum.
Von 1839 an unternahm er mit seinem Bruder
Konzertreisen und erregte durch sein virtuoses Spiel
die Bewunderung der Zuhörer. In seiner Heimat¬
stadt Köln spielte er u. a. auch vor dem König von
Preußen. 1843 heiratete er die schöne Spanierin
Herminie d’Alcain, der zu Liebe er zum Katholizis¬
mus übertrat, während seine deutschen Anverwandten
in der Mehrzahl protestantisch ge¬
worden sind.
Die 36jährige Ehe war ungewöhn¬
lich glücklich und das O.sche Haus
war trotz der zahlreichen wirtschaft¬
lichen Rückschläge ein in ganz Paris
bekanntes Künstlerheim, von dem
alle Besucher mit Bewunderung
und Dankbarkeit sprechen. „In
Offenbachs Hause“ > schreibt Hanslick,
„war nichts von der ,Frivolität' zu
spüren, die man stets in Verbindung
mit seinem Namen bringt. Er machte
als guter Hausvater im Kreise seiner
Kinder einen durchaus deutsch-ge¬
mütlichen Eindruck.“
Ähnlich urteilt Flotow, und Uhl
hebt in Gegenüberstellung zu der
steifen Etikette im Salon Rossinis
Jakob Offenbach hervor, wie „bei Herminie Offenbach
alles den Kamin umdrängte, kam
und ging, einander musterte, erzählte, schwatzte,
schrie, lächelte, lachte, sich die Hände reichte, be¬
sprach, was schon von der Zeitung gemeldet worden
war, oder erst in dieselbe gelangen sollte, kurz, da
war ein Taubenschlag voller Leben“.
Trotz aller Anstrengungen gelang es Offenbach
zunächst nicht, die Bühne für seine Kompositionen
zu gewinnen. 1847 mußte er sich entschließen, als
dramatischer Komponist in einem Konzertprogramm
zu debütieren, hatte aber hier mit dem Einakter
L’alcöve durchschlagenden Erfolg. Jedoch die poli¬
tischen Ereignisse von 1848 machten seine, der Er¬
füllung so nahen Hoffnungen abermals zunichte, und
er kehrte nach Köln zurück.
Nach der allgemeinen politischen Beruhigung sie¬
delte er wieder nach Paris über und erhielt hier den
Posten eines Kapellmeisters am Theätre Frangais, wo
er einerseits die klassizistischen Kunstgebilde des fran¬
zösischen Schauspiels, die steifen, schon damals anti¬
quierten Tragödien, zugleich aber auch die Lustspiel¬
technik Molieres auf das genaueste kennenlernte und
hier die Anregung zu seinen — nur aus der Zeit¬
geschichte verständlichen — Parodien der klassischen
Oper empfing. Nun winkte ihm selbst auch endlich
der ersehnte Erfolg als Komponist. Als 1855 die Pa¬
riser Weltausstellung eröffnet wurde, gelang es ihm,
ein allerdings äußerst bescheidenes Brettl-Theater, das
Sammelbl. jüd. Wiss. 250
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