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Magdeburg, April 1882.
Jahrg. I.
JsraelitischeSchulzeituug.
pädagogische Llätter sür Schule und Haus.
Unter Mitwirkung jüdischer Schulmänner
herausgegeben von
Dr. M. Rahmer, unb Dr. Th. Kroner,
Rabbiner in LUagdeburg
Landrabbiner in Sravtlengsfeld.
Die „Israelitische Schirlzeitrrng" erscheint als pädagogische Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift" vorläufig in monatlichen
Zwischenräumen und für die Abonnenten der »Wochenschrift" gratis. — Man kann auf dieselbe auch besonders abonniren, aber nur direct bei
der „Exped. der Jsr. Wochenschrift" in Magdeburg, oder bei Herrn Robert Friese in Leipzig. Das Aoounement beträgt pro Quartal 40 Pf.
Inserate, die gespaltene Zeile 20 Pf-, sür jüd. Cultusbeamte 10 Pf. — Einzelne Rumimrn mrpnvrt v e Expeoition a 10 Pfg. franco.
Das Ziel des jüd. Religionsunterrichts.
III. (Schluß.)
Das Ziel muß ein umfassendes sein. Es dürfen
nicht Zweige fehlen, wie wenn die ganze Zeit der nachbibli¬
schen Geschichte in dem Unterrichte nicht gelehrt, oder von
den Speisegesetzen geschwiegen, oder die Feste und Sitten nicht
ausführlich genug behandelt wurden. Wenn Namen wie
Raschi, Dinge wie das Gebot der vollen Nächstenliebe auch
gegen Heiden und Irrende, nicht gekannt sind, so fehlt es
Msentlich an dem richtigen Umfange des Religionswissens.
Wenn' ein Kind nach vollendeter Elementarschulzeit nicht ein¬
mal die Thora zu übersetzen erlernt hat mit den traditionel¬
len Erklärungen und Fortbildungen des Gesetzes nicht ein¬
mal bezüglich des Sabbats bekannt ist, wenn ein Kind nicht
einmal ordentlich geläufig die alltäglichen oder sabbatlichen
und Festgebete lesen und sich verständlich machen kann, dann
wird eben diesem Religionswissen der genügende Umfang feh¬
len. Hier wird freilich in Wirklichkeit die Abgrenzung des
Umsanges nach den örtlichen Verhältnissen sehr verschieden
stattfinden. Wir werden zuerkennen müssen, daß es auch
schwer ist, denselben abzugrenzen. Doch wird sich wohl aus
dem Begriff des Unterrichtszieles der Umfang bestimmen lassen.
Das Ziel ist ein religiöses Erkennen Gottes, Liebe zu ihm
und Leben nach seinem Willen. Es mag nun das Erkennen
Gottes einmal sein Wesen an sich überhaupt unberührt lassen,
es mag auch die Geheimnisse seiner vorweltlichen Thätigkeit
nicht berühren, es mag auch die geheimißvolle und wunder¬
bare Waltung bis in seine Details hinein nicht verfolgen,
soviel aber muß es umfassen, daß es keine Wahnvorstellun¬
gen von Gott, besonders solche nicht duldet, welche entweder
die Verehrung Gottes vermindern oder zur sündigen Begierde,
Empfindung und Handlung verleiten können. Das religiöse
Wissen muß den Schüler befähigen können, in allen den Fäl¬
len, welche in dem einfachen bürgerlichen Leben fast alltäglich
eintreten, religiös zu handeln. Es ist nicht nothwendig, daß
das Wissen über dieses Ziel hinausgehe, aber innerhalb die¬
ses Umkreises muß es vollständig sein. Den Umfang des
Religionswiffens bestimmt also vorzüglich die Religionspraxis.
Nur wer diese nicht kennt oder nicht kennen resp. verändern
oder beseitigen will, wird den Umfang des Religions-Unter¬
richts einengen; wer das religiöse Leben voll und ganz er¬
halten will, wird den Umfang in angegebener Weise bestim¬
men müssen.
Insofern auch jeder einzelne Wissensstoff, jedes System
religiöser Vorstellungen wieder aus Einzel-vorstellungen, -Be¬
griffen -Bahnen besteht, wird nicht nur ein umfassendes, son¬
dern auch ein eingehendes vertiefendes, gründliches Wissen
zu erstreben sein. Hierbei kommt es aber auf di^ richtige
Verknüpfung der Vorstellungsgruppen an. Die Verknüpfung
kann nun entweder eine begriffliche oder ursächliche
sein, indem entweder die Ordnung der Vorstellungen zu Be¬
griffen, Gattungen führt oder ihre Entstehung ausweist, ihre
genetische Reihenfolge. Wenn es sich z. B. um die Erklä¬
rung des 6. Sinaiwortes handelt, so ist der Begriff „tobten"
zu erklären und seine Unterbegriffe: erschlagen, erstechen, durch¬
bohren, erdrosseln, erschießen, ertränken, vergiften u. s. w.
sind darzulegen; ferner die Unterbegriffe vorsätzliches Tödten,
fahrlässiges Tödten, unverschuldetes Tödten zu scheiden, aber
auch das Tödten im Kriege in der Notwehr zu trennen. Es
würde dann aber auch das mittelbare Tödten vom unmittel¬
baren Selbstmord u. s. w., zu unterscheiden und ebenso der
Begriff „tödten" in Beziehung mit „sterben lassen" zu brin¬
gen sein, so daß die Schwere der Versündigung hervortritt,
welche durch das Unterlassen einer möglichen Rettung aus
Lebensgefahr begangen wird. Wer den Kranken nicht heilt,
den Hungrigen nicht speist, dem Armen nicht aufhilft u. s. w.,
wenn er es könnte und der Andere hilflos dasteht, der hat
ja auch, wie unsere Weisen sagen, Blut vergossen.
Diese Gedankenverbindung würde eine begriffliche,
logische Gründlichkeit erzeugen.
Wenn hinwiederum die 10 Plagen Egyptens zu be¬
sprechen wären, so wären die Ursachen zu zeigen, warum die
Israeliten verschont und die Egypter bestraft wurden, wa¬
rum gerade mit diesen Straseu und gerade in dieser Reihen¬
folge, warum mit zehn, und warum die Strafen in solcher
Gestalt erschienen. Die Ursachen liegen hier in dem Verhal¬
ten der Egypter, dem Walten Gottes und sind also theils
Handlungen theils Willensacte und somit sind hiermit die
zwei Arten der Ursachen, die objectiven und subjectiven, die
Thatsachen und die Beweggründe zu trennen und wenn in