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nett Erzählungen könne er jedoch nicht überall einverstanden
sein. Ebenso sei es bedauerlich, daß um der Kürze willen
auf die so nothwendige Beibehaltung des biblischen Sprach-
eolorits habe verzichtet werden müssen. Derlei Bedenken fal¬
len in Bezug aus den 2. Theil des Büchleins, der die nach¬
biblische Geschichte behandelt, im Allgemeinen fort. Die Ein¬
zelheiten, die Referent hervorhob, müssen hier übergangen
werden. Hieran schloß sich das Referat des Herrn Ti nt ner-
Bunzlau über das Schul- und Gesangbuch non Liebling und
Jakobsohn. Redner betonte die Wichtigkeit und Rothwendig-
keit des Gemeindegesanges und meinte, daß die Religions-
schnle der Anleitung zu einem solchen wenigstens ein beschei¬
denes Plätzchen gewähren müsse. Reben eignen Compositionen
enthalte die vorliegettde Sammlung eine geschmackvolle Aus¬
wahl der besten Leistungen auf dem Gebiete der fynagogalen
Musik unter steter Anlehnung an die überlieferten Sanges-
weifetr. Die gute Ausstattung und der billige Preis empfeh-
len noch besonders die sorgsame Arbeit des Verfassers. Da¬
her könne Referent den Collegen die Anschaffung des Buches
nur auf's Angelegentlichste ans Herz legen. — An letzter
Stelle besprach Herr I>r. Brann-Breslau das Lehrbuch des
jüdischen Religions-Unterrichts von Rabbiner Hochmuth-
Veßprim betitelt: „Gottesverehrung und Gotteserkenntniß."
Das vorliegende Buch sei eine sehr beachtenswerthe Leistung.
Ehemals fei die Philosophie die Magd der Theologie gewe¬
sen, jetzt sei die Systematisirung des Religions-Unterrichts in
die Knechtschaft metaphysischer Spekukationen gerathen. Die
Emaneipation von solchen Anschauungen bezwecke der Ver¬
fasser. Er weist aus der heiligen Schrift nach, daß unter
Erkenntniß Gottes der Wandel in Gottes Wegen, das Stre¬
ben nach Gottähnlichkeit Zu verstehen fei. Seine neue Ein-
theilung basirt im Wesentlichen darauf, daß im ersten Theil
vom Glauben und den Pflichten des religiösen Menschen,
im zweiten vom Glauben und den Pflichten des religiösen
Juden gehandelt wird. Von nicht zu unterschätzendem Werthe
seien die zahlreichen Antnerkungen, in welchen mit Gründlich¬
keit und Schärfe und in knapper Ausdrucksweife die Mei¬
nungen der jüdischen Religionsphilosophen über die einzelnen
Glaubettswahrheiten unmittelbar aus den Quellen dargestellt
werden. Jedem Lehrer, der zu Speeialstudien keine Zeit
habe, werde darum das Buch, selbst wenn er die Principien
des Verfassers nicht theile, ein unentbehrlicher Rathgeber sein.
■— An jedes einzelne der erwähnten Referate knüpfte sich
eine angeregte und lebhafte Debatte. Es giebt kaum eine
Prineipienfrage auf dem weiten Gebiete der jüdisch-religiösen
Pädagogik, die dabei nicht mit mehr oder minder großer
Gründlichkeit berührt oder erörtert worden wäre. Auf die
Einzelheiten näher einzugehen, müssen wir uns versagen.
Erst um 11 Uhr wurde die erste Versammlung geschlossen.
Die zw eite Versammlung begann am 29. Mai um 9 l / a
Uhr. Namens des Vorstandes referirte der Schriftführer Dr.
Bran n-Breslau. Er eonstatirte mit Genugthuung, daß die
Betheilignng an den Arbeiten des Vereins eine bedeutend
lebhaftere geworden fei. Am 6. Juni 1881 hatte der Verein
99 Mitglieder, er verlor 3 und gewann 26 Mitglieder.
Seit dem 1. Januar sind 2 Collegen durch Versetzung in
eine andere amtliche Thätigkeit ausgeschieden, so daß der
Verein gegenwärtig 120 Mitglieder zählt. — Im Aufträge
der erwählten Revisoren theilt Herr Held-Breslau mit, daß
die vom Schriftführer geführten Kassenbücher und die zuge¬
hörigen Beläge eingehend geprüft feien und zu keinerlei Aus¬
stellung Veranlassung gegeben haben. Auf seinen Antrag
wird dem Schriftführer einstimmig Decharge ertheilt und
nach § 8 des Status beschlossen, daß der aus dem Jahre 1880
verbleibende Kassenüberschuß an die Unterstützungskasse abgeführt
werde. — Dr. Coh n-Kattowitz beantragt, daß die Jahresbei¬
träge nicht mehr direct durch den Schriftführer, sondern, wie be¬
reits früher einmal, durch die Vertrauensmänner eingezogen wer¬
den. Der Antrag erhielt die Majorität. Auf den Vorschlag von
Lieb ermann-Brieg wird der dritte Punkt der Tagesord¬
nung (Neuwahl des Vorstandes und der Vertrauensmänner)
dadurch erledigt, daß der bisherige Vorstand und die bis¬
herigen Vertrauensmänner durch Acclamation auf 1 Jahr
wiedergewählt werden. Es folgt die Discussion des „Normal-
Lehrplans für die Religionsschule", eingeleitet vom Referenten
Dr. Braun- Breslau. — Nach einem kurzen historischen
Ueberblick, in welchent Referent nachweift, daß die jüdische
Religionsschule das Product des Entwickelungsganges sei,
welchen das Judenthum seit fetwa 100 Jahren, und zwar
namentlich in Deutschland, genommen habe, erörtert er ein¬
gehend, was von einem Normal-Lehrplan zu erwarten sei.
Er müsse nicht mehr und nicht weniger als die allgemeinen
Grundzüge des gesummten Schulorganismus enthalten. Er
dürfe darum nicht ins Einzelne gehen und nicht einer Ab¬
handlung über Schulerziehung gleichen, er müsse vielmehr
den Charakter eines Statuts festhalten und den Durchschnitt
im Auge haben. Ermäßigung und Erweiterung bleibe nicht
ausgeschlossen, sie selber aber gehöre schon in Special-Pläne
und habe im Normal-Plan keine Stätte. Der Commission
habe eine Gemeinde vorgeschwebt, wie sie im Durchschnitt in
den beiden Nachbarprovinzen vorhanden fei, eine Gemeinde,
die eine Schule mit 2 Lehrkräften und etwa 100 Kindern
unterhalte. Sie habe principiell all' dasjenige ausgeschlossen,
was nicht überall verlangt werden m ü s s e. Was hie und
da nothwendig sei, was hie und da wünschenswerth erscheine,
gehöre nicht in den Normal-Plan. Der der Versammlung
vorliegende Entwurf fei das Resultat mühevoller Beratungen
und erregter Discussionen. Die Commission habe die ihr
von der vorigen General-Versammlung gegebene Directive,
ihre Vorschläge einer Anzahl bewährter Schulmänner zur
Begutachtung vorzulegen, in ausgiebigem Maße zur Anwen¬
dung gebracht. Sie habe mehr als 70 Rabbinern, Pre¬
digern und Lehrern ihre Ausarbeitung zngeschickt und darauf
etwa 12 mehr oder minder umfangreiche Gutachten, fämmt-
lich reich von dankenswerthen Anregungen und Belehrungen,
erhalten.*) Mit Benutzung der letzteren sei der nochmals
sorgfältig geprüfte Entwurf, der heute zur Berathung stehe
und sich in den Händen der Mitglieder befinde, angefertigt
worden. Referent ging sodann int Einzelnen auf die dent
Plane vorausgeschickten allgemeinen Bemerkungen ein und
behielt sich etwaige weitere Aufklärungen für die Special¬
debatte vor. Ans der sehr lebhaften und umfangreichen
Debatte fei hier nur das Wichtigste hervorgehoben. Dr.
C o h n - Kattowitz erklärt nach warmer Anerkennung der
dankenswerthen Leistung der Commission, daß er feinem
Standpunkt gemäß sich an der Beschlußfassung über einen
Plan, der, wie es bei dem vorliegendett den Anschein habe,
die traditionelle Seite des Judenthums gänzlich verschweige,
sich nicht betheiligen könne und stellt eine Reihe von An¬
trägen, die diesem Mangel abhelfen sollen. Im ersten Satze,
der nach den Vorschlägen der Commission lautet: „Der
Zweck des jüdischen Religionsunterrichts ist die religiöse Durch¬
bildung der jüdischen Jugend, gegründet auf die Kenntniß
des Lehrinhalts der jüdischen Religion, der jüdischen Geschichte
und auf diejenige Kenntniß der hebräischen Sprache, die den
Zögling befähigt, den Urtext der hl. Schrift zu verstehen
und sich mit Verständniß und Frucht am öffentlichen Gottes¬
dienste zu betheiligen", beantragt er, hinter „Religion" ein-
zufchalten: „und der praktisch-religiösen Uebungen" und hinter
„öffentlichen" hinzuzufügen „und häuslichen." Ref. erwidert,
daß er sich einen jüdischen Religionsunterricht, welcher prin¬
cipiell die Tradition verschweige, nicht denken könne, daß es
einen solchen wohl auch kaum in Deutschland geben werde.
Daß übrigens der Commission eine derartige Tendenz völlig
fern gelegen, weist er im Einzelnen an Beispielen aus dem
fpeciellen Theil des Lehrplans nach. Die besondere Hervor-
**) liefen Antworten ein von Dr. Hamberger-Königsberg i/Pr.,
Dr. Caro-Erfurt, Dr. Cohn-Kattowitz, Dr. Deutsch-Sohrau O/S., Dr.
Ieilchenseld-Pofen, Dr. Guttmann-Hildesheim, Dr. Kirschstcin-Berlin,
Dr. Hirsch-Frankfurt a M., Dr. Kroner-Stadt-Lengsfeld, Dr. Mattersdorf-
Gleiwitz, Dr. Nahmer-Magdeburg. Dr. Nofin-Breslau, Dr. Samter-Wal-
denburg, Rabb. Wassertrilljng-Bojanowo.