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M 10. Magdeburg, Lctober 1882 . Jahrg. I.
JsraelitischeSchnlzeitung.
pädagogische ßliittcc für Zchttlc und Haus.
Herausgegeben
unter Mitwirkung jüdischer Lehrer u. Schulmänner
von
Rabbiner vr. M. Hahmer in Magdeburg.
Die „Israelitische Schulzeitung* erscheint als pädagogische Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift" vorläufig in monatlichen
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Bon der „Zucht" in den Sprüchen Salomonis.
Wenn Jean Paul sagt, daß der über Pädagogik Schrei¬
bende über alles sich verbreiten kann, da man auf keinem
Gebiete so leicht allgemein werden kann wie auf diesen, so
scheinen auch manche sich in dem Glauben zu befinden, daß
jeder, der irgend ein hervorragendes, besonders practisches
Werk geschrieben hat, auch über Pädagogik geschrieben habe.
Da werden dann pädagogische Lehren herausgesucht, — natür¬
lich hineingelegte — zusammengestellt und sogar in ein Sy¬
stem gebracht. Der Verfasser des ausgenutzten Werkes aber
hatte nichts weniger im Sinne als pädagogische Lehren zu
geben. Darum sollte man nicht von einem pädagogischen
Werthe dieses oder jenes Drama's, Epos u. s. w. sprechen,
denn der Werth ist abhängig von der Pädagogik, die der
Betrachtende im Kopfe und im Herzen hat, und die er dann
in dem Werke zur Erscheinung kommen läßt. Als Stilübung
mögen solche Aufsätzte ihren Nutzen haben, die Pädagogik
wird dadurch nicht gefördert, manchmal sogar geschädigt, wenn
der nicht charakterfeste Schreiber eines solchen Aufsatzes einem
schönen Bilde zu Liebe eine pädagogische Wahrheit umstößt.
Anders ist es, wenn ein Werk vorliegt, dessen Verfasser die
Absicht hatte, neben andern Lehren auch pädagogische zu ge¬
ben. Da ist es von Nutzen, die einzelnen Lehren herauszu¬
suchen, zusammenzustellen und zu betrachten. So ist es mit
dem „Buche der Sprüche." Hier giebt uns der königliche Dich¬
ter Salomo in einfacher, kerniger Weise practisch-pädagogische
Lehren, denen man ihr Alter wahrlich nicht ansieht.
Im Grunde genommen ist ja das ganze Buch päda¬
gogisch. Seinen Inhalt bilden belehrende Vorträge,
die ein Vater seinen Sohn halten kann. Wir wählen aber nur
diejenigen Sprüche aus, die speciell über Erziehung sprechen.
Die Erziehung liegt dem Hause ob. Vater und Mut¬
ter sind die Lehrer des Kindes. Die Schulerziehung fehlt,
der Unterricht ist als erziehendes Element noch nicht erkannt.
Erziehung und Zucht*) (idis) fallen hier (der Wortbedeutung
nach überall) fast zusammen. Zucht (im weitern Sinne)
bezeichnet die Thätigkeit des Erziehens und das Ergebniß
dieser Thätigkeit, Zucht (ivkv) anwenden, damit das Kind
Zucht habe. Die Erziehung stellt sich die Aufgabe, das rechte
Leben zu lehren, die drei Stufen, die zum rechten Leben
führen sind: Zucht, Weisheit, Gottesfurcht. (Vergl. c. 6 , 23 ;**)
4,4 ; 10 , 27 , daß diese drei zum Leben führen. (Diese drei stehen
im innigsten Zusammenhänge: „Wer Zucht liebt, liebt Er-
kenntniß;" 12,1. „Ein weiser Sohn hat Zucht des
*) „Züchtigen" hat den Nebenbegriff deS Strafens angenommen,
bedeutet eigentlich: Zucht anwenden.
**) Sämmtliche Citate aus den Sprüchen.
Vaters genossen 13,1 ; „Vor Gottesfurcht, Weisheit;"
15,33 ; „Dann (nach dem Aufnehmen der Weisheit (V. 1 — 5 )
wirst Du Gottesfurcht erkennen;" 2 , 5 . Der Mensch' soll
Zucht haben, er soll gewöhnt sein, nur das Sittlich-Gute zu
thun, er soll das Schlechte meiden und verabscheuen. Die
Zucht lehrt wie der Mensch handeln soll, aber die Weisheit
lehrt was der Mensch handeln soll; die Zucht unterscheidet
gute und böse Wege oder Mittel, die Weisheit gute und schlechte
Zwecke, zu welchen die Wege führen. Wer stets das Gute
ausführen will, der muß einsehen, daß er es nicht
stets ausführen kann, in dem Naturwalten aber sieht er den
Geist (in den hervorgebrachten Werken) bei dem Willen und
Können stets congruent ist: Gottese r k e n n t n i ß und darum
Gottesf u r ch t.
Für die Zucht (im engern Sinne) als die erste, grund¬
legenden und daher wichtigsten Erziehungsthätigkeit finden
wir in den Sprüchen am meisten Lehren, Lehren, die für
das Leben praktisch zu verwerthen sind, keine geschraubten
Ideale, die man in ihrer Höhe nicht erreichen kann, alles
praktische Wahrheit und darum uns um so lieber. „Wie man
aus keinem Gebiete mit allgemeinen Sätzen selig macht, so
besonders nicht aus dem Gebiete der Pädagogik" — sagt Jean
Paul. Da muß klar und deutlich angegeben werden, was
man will, und das hat der Spruchdichter gethan.
Der Charakter der Zucht, wie er sich in den Proverbien
ausprägt, ist im allgemeinen ein strenger. Aber Strenge ist
nicht Haß. Nicht der strenge Vater, der seinen Sohn züch¬
tigt, haßt ihn, sondern der nachlässige Vater, „der seinem
Kinde die Ruthe entzieht, haßt es" ( 13 , 24 ). Die meisten
Sprüche behandeln die Strafe. Aber die Züchtigung geschieht
mit Liebe. Strenge und Liebe — scheinbare Gegensätze und
doch so innig verschmolzen: Die Liebe der Eltern, die wir in so
einfacher und darum so schöner Weise in den Worten der
Mutter ausgeprägt finden: „O, Mein Sohn, meines Her¬
zens Sohn, meiner Wünsche Sohn" ( 31 , 2 ), Liebe kann
nie befohlen werden, hier ist sie Voraussetzung: „Wie der
Vater den Sohn züchtigt, an dem er Gefallen hat, so
züchtigt der Herr" ( 3 , 12 .) Jede Stufe der Weiterentwick¬
lung steht mit der nächst höheren in engster Beziehung, hat
aber das Endziel zu berücksichtigen. So will die Zucht zur
Weisheit führen (Belagstelle s. oben,) sie hat aber auch Be¬
ziehung auf das Leben: „Wer Zurechtweisung haßt, stirbt"
( 15 , 10 ); „Lebenswege sind die Zurechtweisungen der Zucht"
( 6 , 23 ). (Die Weisheit die zur Gottesfurcht leitet, behält
auch das Leben im Auge. 4 , 10 .) Aus dem Ziel der Zucht
geht die Wichtigkeit derselben hervor. Sie ist natürlich
am wichtigsten für das Erziehungssubject; sie rettet vom
Tode. „Halte fest an Zucht,-denn sie ist dein