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I.
Die Bedeutung des biblischen Geschichtsunterrichtes.
Die Wichtigkeit der Kenntniß unserer biblischen Geschichte
ist ja wohl zu allen Zeiten unbestritten gewesen, aber in
unserer augenblicklich trüben Zeit, wo selbst die grimmig¬
sten Feinde unseres Volkes die kraftvollen Heldengestalten
unserer Bibel gegen die ruchlosen Beschimpfungen verblende¬
ter Demagogen in Schutz nehmen müssen, ist die Kenntniß
der heiligen Schrift von höchster Wichtigkeit in dem Kampfe
der Selbsthilfe gegen die gottverblendeten und von hoher
Stelle geschätzten, oder mindestens geduldeten Friedensstörer.
— Ein Israelit, dessen Herz begeistert ist von den selbstlo¬
sen Thaten eines Moses, der sich oft genug zum Sühnopfer
für sein Volk dem Ewigen darbietet, der in unerschrockenem
Gottvertrauen sich mitten unter die tobende Volksmenge be-
giebt, ohne seines Lebens zu achten, -- ich sage, ein Israe¬
lit, in dessen Herzen das Bild dieses Moses lebt, wird der
wohl nicht den Verlockungen eines Versuchers energisch wider¬
stehen können, indem er mit Entschiedenheit und Sicherheit
auf den Helden unserer Religion hinweist, wenn ihm der
Versucher die Thaten seines Religionsheros mit glühenden
Farben malt? Wird der ihm nicht die schlichten Worte
unseres Gottesbuches: „Und der Mann Moses war sehr
demüthig," den vergötternden Lobpreisungen der Jünger jenes
anderen Helden mit Bescheidenheit entgegenstellen und den
Versucher auf diesem Wege, wenn auch nicht zur Beschämung,
so doch zum Schweigen bringen können!" — Welche mit¬
leidige Figur würde aber der Jsraelite sein, ohne die Kennt¬
niß nicht nur der Thaten, sondern auch der kraftvollen Worte
der gottbegeisterten, von echter Menschenliebe eingegebenen
Sentenzen unserer Glaubenshelden, gegenüber jenen Angrei¬
fern. — Es sei mir an dieser Stelle gestattet, zwei persön¬
liche Erlebnisse, ein privates und ein amtliches, zur Veran¬
schaulichung solcher Momente mitzutheilen. Zuerst das amt¬
liche : In einer amtlichen Lehrer-Konferenz — die Theilnahme
an derselben wird den jüdischen Lehrern öffentlicher Schulen
zur Pflicht gemacht — wo ich unter vielen christlichen Kolle¬
gen der einzige Jude war, halte ein christlicher College eine
Probelektion über einen Theil des Vaterunser abznhalten.
Voll heiligen Eifers — der Vorsitzende geistliche Kreisschul¬
inspektor steht in dem Gerüche eines sehr frommen Mannes
— dozirt der betreffende Katechet, der zu seinem Privatge¬
brauche ganz andere religiöse Ansichten hat, vom strengsten
konfessionellen Standpunkte aus und in diesem heiligen Eifer
spricht er das große Wort gelassen aus: „Keine andere Re¬
ligion als die christliche betet Gott so oft als den Vater aller
Menschen an, keine andere verehrt ihn so innig in dieser Ei¬
genschaft und-— in keiner anderen Religion
findet sich der schöne Satz des neuen Testamen¬
tes: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns
nicht alle ein Gott geschaffen?! — — Nun muß
ich sagen, ich bin nicht schadenfroh, aber in diesem eklatan¬
ten Falle, muß ich offen eingestehen, freute ich mich dennoch
auf den „Gerichtstag," das will sagen, auf die übliche Kri¬
tik nach beendeter Lektion. — Voll heiliger Begeisterung hat¬
ten die übrigen Herren Kollegen den Worten des Katecheten
gelauscht und als er den höchsten Trumpf ausspielte, daß
nämlich nur das neue Testament den Satz kennt: „Haben
wir nicht alle einen Vater," u. s. w. Da strahlte ihr Ant¬
litz in überirdischem Glanze. — Nun ist es in diesen Kon¬
ferenzen Usus, daß nach beendeter Lektion jeder Theilnehmer
der Konferenz zur Kritik über die Lektion, resp. über den Vor¬
trag — denn auch solche werden in den Konferenzen gehal¬
ten — aufgefordert wird. Selbstverständlich wurde der Lek¬
tion von allen Teilnehmern der Konferenz das höchste Lob
gezollt und endlich kam die Reihe auch an mich. --
Ich erhob mich und sagte ungefähr folgendes: „Es steht mir
nicht zu, über den Inhalt und die Form der Lektion ein
Urtheil zu fallen, nur eine kleine, unbedeutende Berich¬
tigung wollte ich mir erlauben. Der Herr Katechet hat be-
WMet, daß keine andere Religion Gott so sehr als Vater
verehrt, wie die christliche und daß keine andere Religion den
schönen Satz des neuen Testamentes kennt: „Haben wir nicht
alle einen Vater? Hat uns nicht alle ein Gott geschaffen?" —
Diese Behauptung muß dem Herren Kollegen wohl nur in
der Begeisterung seiner Katechese entschlüpft sein, denn der
citierte Vers, den er mit dem vollen Brustton der Ue-
berzeugung als Beweis für die hohe und einzige Verehrung
Gottes als des Vaters in der christlichen Religion beibringt,
ist gerade nicht aus dem neuen Testamente, son¬
dern aus dem alten, denn er i st von dem Prophe¬
ten Maleachi. (2,10.) Daraus folgt also weiter,
daß gerade nicht die christliche, sondern daß die
mosaische Religion zuerst Gott als den Vater
aller Geschöpfe verehrt, und die Gleichheit aller
Menschen gelehrt hat. -
Die Metamorphose der begeisterten Gesichter nach diesen
Worten war köstlich mitanzusehen. — Doch der Wahrheit
die Ehre: Der Kreisschulinspector nahm nach meiner Bemer¬
kung das Wort und sprach zu dem Katecheten: „Ich wollte
Ihnen eigentlich das Folgende erst unter vier Augen sagen,
da es indeß schon von Herren B. angeregt ist, so will ich es -
Ihnen hier vor allen Ihren Kollegen mittheilen: Wenn Sie
künftig solche Behauptungen aussprechen wollen, dann sehen
Sie sich doch ja vor, ob sie dieselben auch beweisen können
und thuen Sie so etwas in Zukunft nicht wieder."-
Und nun das private Erlebniß: Es war an einem schönen
Sonntagmorgen im Frühlinge, als draußen vor dem Thore
in einem schönen Garten drei Freunde saßen, der Regierungs¬
geometer der Stadtkämmerer und ich. — Die Luft trug uns
balsamische Wohlgerüche zu, die Lerchen schwirrten in der
Luft, die Nachtigallen schmetterten aus den Jasmingebüschen
ihr herrliches Lied hervor und die feierlichen Glockentöne riefen
die frommen Beter zur Kirche, — doch so schön auch die
Natur uns allen lachte, so traurig und öde sah es in den
Herzen der Menschen aus, denn die Wogen der antisemiti¬
schen Bewegung gingen gerade damals am höchsten! Was
war natürlicher, als daß auch wir, der Protestant, der Katho¬
lik — beide im übrigen sehr tolerante Männer — und der
Jude, ihr Herz über „diese Schmach unseres Jahrhunderts"
ausschütteten und dieses elende Treiben voll Abscheu verur-
theilten?! — Nun weiß ich nicht, war es der schöne Sonntag¬
morgen oder war es eine zusällige pessinistische Anwandlung
über den Ausgang der hochwogenden Ereignisse — zum
Schlüsse hob der Regierungsgeometer an: „Aber das werden
Sie mir, lieber Freund, selbst als Jude zugeben müssen, wenn
Sie der Wahrheit die Ehre geben, daß der einzige Satz unse¬
rer Religion: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst," schon
allein genügt hatte, unsere Religion zur herrschenden Welt¬
religion zu machen!" — „Gewiß," erwiderte ich, „Facta
loquuntur, und dieser einzige Satz, der die christliche Reli¬
gion nach ihrer Ansicht, lieber Frund, zur Weltreligion ge¬
macht hat, er hat es dennoch nicht verhindern können, den
ursprünglichen Lehrern dieses Satzes, nämlich den I s r a e l i t e n,
Gut und Leben, Land und Familie, Ehre und guten Ruf zu
nehmen. Denn dieser Satz, lieber Freund, ist nicht Eigen¬
thum Ihrer Religion, sondern er ist zu finden im dritten
Buche Moses." — Da riefen die beiden Freunde, wie aus
einem Munde: „Das ist nicht möglich, zeigen Sie uns die
Stelle." — „Schön," erwiderte ich, „und da Sie nicht he¬
bräisch verstehen, so will ich Ihnen eine deutsche Bibelüber¬
setzung bringen, in der Sie es selbst lesen sollen." Die
Freunde: „Aber nur die Luthersche ist für uns glaubhaft,
zeigen Sie uns den Vers in der Luther'schen Bibelübersetzung."
— Einem Kirchgänger, der geräde vorüberging, entlieh ich
seine Bibel, schlug auf und las 3. B. M. Cap. 19 V. 18:
„Du sollst Dich nicht rächen und nichts nachtragen den Kin¬
dern Deines Volkes, sonderu Deinen Nächsten lieben
wie Dich selbst. Ich bin der Ewige."-Natürlich
waren die Freunde freudig überrascht und von nun an noch
eifrigere Verfechter unseres Volkes wie vorher.-(F. f.)