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Schulnachrichten.
Breslau. Ein Mißstand, der sich bei fast jeder jüd.
Religionsschuleherausstellt, ist bekanntlich die Collision mit
Privatstudien, vr. Ioel spricht sich in seinen jüngsten Jah¬
resbericht wie folgt darüber aus: „Das Recht darf ein Unter¬
richt in der Religion für sich in Anspruch nehmen, daß er
den Vortritt hat vor allem, was nicht obligatorisch von
den Schülern gefordert wird. Man tritt im Geringsten nicht
den Künsten und Fertigkeiten zu nahe, die neben den obliga¬
torischen Gegenständen zur Zierde des Lebens der Jugend
beigebracht werden, wenn man behauptet, daß an den Schmuck
erst gedacht werden darf, wenn das Unerläßliche beschafft ist.
Was dem Leben Halt und Stütze gemährt, was die Jugend
vorbereitet, dem Leben in seinen Wandlungen ein demüthi-
ges und doch auch tapferes Herz entgegenzubringen, was sie
zur Pflicht erzieht und ihr das Leben in etnem edleren Lichte
zeigt durch seine Verbindung mit einem Ewigen und Über¬
sinnlichen, kurz, die Religion sie muß als Erziehungsgegen¬
stand höher stehen als das, was nur zu Annehmlichkeit
oder zum äußeren Schmucke dient, so wenig auch das zu
'verschmähen ist. Auch in einer andern Beziehung wäre eine tie¬
fere Erfassung des Werthes, den der Religionsunterricht hat, zu
wünschen. Es ist die Einsicht nicht verbreitet genug, daß
wohl das Kindesalter das allein geeignete sei für alles, was
in der Religion Gedächtnißsache ist, daß aber ein
eigentliches Verständniß der Lehren der Religion nur
einem Alter vermittelt werden kann, an dessen Denkkraft
schon einigermaßen Ansprüche zu stellen möglich ist. Sollte
uns das nicht veranlassen, gerade dem Lebensalter von
14—16 Jahren nicht das zu entziehen, was es früher
überhaupt nicht sich aneignen kann? Ich weiß wohl,
tungszeit ihrer Kinder für das Leben so lange auszudehnen,
daß gar viele Eltern nicht in der Lage sind, die Vorberei-
rede aber von solchen, welche den Religionsunterricht den
einzigen sein lassen, den sie um seine besten Jahre kürzen.
Sie vergessen, daß selbst bei begabten Kindern eine gewisse
Geistesreife nicht vor den Jahren kommt, so daß sich das
Pensum der späteren Jahre unmöglich in die früheren Hin¬
einpressen läßt." (Jüdische Fortbildungsschulen thun noth. Red.)
Ans der Pfalz wird zur Characterisirung des Verfassers
der zwei Broschüren: „Die historische Weltstellung und die
religiöse Weltstellung der Juden" von Dr. E. F. H emann
mitgetheilt, daß besagter Hemann ein Sohn des vor unge¬
fähr 40 Jahren sammt seiner Gattin Frummet, einer geb.
Goldschmidt, unter dem Einflüsse des damaligen pietistischen
Subrektors D., zum Protestantismus übergetretenen jüdi¬
schen Lehrers Hirsch David zu Grünstadt ist. El¬
ftere kehrte nach mehreren Jahren renmüthig zu ihrem jüdi¬
schen Glauben zurück, in Frömmigkeit und Gottergebenheit
ihr Lebensschicksal bis zu ihrem Tode beklagend. Ihr Grab¬
stein auf dem jüdischen Friedhof zu Grünstadt erzählt in
wenigen Worten ihre Lebens- und Leidensgeschichte. David
alias Hemann siedelte alsbald nach Basel über und über¬
nahm dort das Amt eines Missionärs; auch einige seiner
Söhne gehören heute dem geistlichen Stande an.
Pest. Der „Ung.-Jsr." bringt wiederholt an der Spitze
seines Bl. in fetter Schrift folgende Mittheilung:
„Und Ignaz Führer, der Talmudveräch¬
ter und Judenfeind, ist noch immer Lehrer
ander Uebungsschule der israel. Lande s-
Lehrer-Präparandie." Was sind das für Zustände?
Paris. Arbeitsschule. — Zwei an dieser Schule von
der Alliance placirte Zöglinge, Namens Emanuel Kowo und
Rissim Papo, haben, der erste eine Broncemedaille erster und
der zweite eine solche zweiter Klasse, bei dem jährlichen Con¬
cours für geometrische und industrielle Zeichnung an der Muni-
cipal-Zeichenschule der Stadt Paris erhalten.
Feuilleton.
Aus dem Spruchschatz des Talmud.
Poetisch übertragen non Max Weinberg.
(Fortsetzung.)
41. Wer über seine Kraft verwendet,
Ob noch so wenig, der verschwendet.
42. Zähl' Deines Lebens trüben Stunden
Erst nach, wenn Du sie überwunden.
43. Unkraut, auch ungepflegt, gedeiht.
Doch Frucht will Pflege, Schutz und Zeit.
44. Ein Arzt, der keinen Lohn begehrt,
Ist selten großen Lohnes werth.
45. Beim Geben, Trinken und im Zwist,
Da zeigt der Mensch sich, wie er ist.
46. Das Laster bindet wohl GenossG,
Doch ist aus seiner Saat noch nie
Wohl echte Freundschaft aufgeschossen.
47. Und sch eint's auch falsch, 's bleibt ewig wahr:
Ein halber ärger als ein ganzer Narr.
48. Das ist es, was am losen Wort,
Des Kindes uns verstimmt.
Daß meistens, was es draußen spricht.
Zu Hause es vernimmt.
49. Zähl's dreist zu den unmöglichen Sachen:
Aus schlechtem Fell gut Pelzwerk machen.
50. Wie groß auch Ungemach und Plagen,
Die Zeit, sie hilft sie alle tragen.
51. Daraufhin wage jede Wette:
Kein Pfuscher, der nicht Jünger hätte.
52. Ein Wunder täglich noch geschieht,
Nur sehen's nicht die Thoren:
Ein jedes Ding verwest, vergeht.
Und doch geht nichts verloren.
53. Wer sich im Zorn nicht in der Hand hat.
Der wähne nicht, daß er Verstand hat,
54. Merk ein Sprüchlein, das nicht rostet,
Das die Väter mich gelehrt:
Wenn das Wort zehn Thaler kostet.
Ist das Schweigen zwanzig werth.
55. Oft hat sein Spiel gewonnen.
Wer klein und still begonnen,
Jndeß bald war zerronnen.
Was prahlerisch entsponnen.
56. Gleicht nicht der Arme in der Noth
Dem Säugling, dem die Mutter todt?
Aerantn»»rUlcher Redacleur Dr. Stahmer tn Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barby. Verlag von Stsrerr Friese i*. ^