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M 11 .
Magdeburg, November 1882 .
Jahrg. I.
Israelitische Schulzeituug.
Ltätter für Schule und Haus.
Herausgegeben
unter Mitwirkung jüdischer Lehrer u. Schulmänner
von
Rabbiner l>r. M. Hahmer in Magdeburg.
Die „JOraelitische Echrrkzeitung* erscheint als pädagogische Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift" vorläufig in monatlichen
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der ..Exped. der Jsr. Wochenschrift" in Magdeburg, oder bei Herrn Robert Friese in Leipzig. Das Abonnement beträgt pro Jahrgang I Mt.
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Methodologische Grundsätze zur Behandlung
des biblischen Geschichtsunterrichtes in der
israelitischen Religionsschule.
Von Hermann Becker in Schmieg»!.
II.
Sollen die Resultate des biblischen Geschichtsunter¬
richtes voll und ganz erzielt werden, so müssen die besten
methodischen Grundsätze auf's Peinlichste beobachtet werden.
Diese methodischen Grundsätze sind anzuwenden:
a) Bei der Auswahl und Stoffvertheilung der biblischen
Geschichten;
b) Bei der Form des Vortrages (Sprache);
e) Bei der katechetischen Behandlung.
A.
Methodische Grundsätze für die Auswahl und Stoffvertheilung
der biblischen Geschichten.
Rach der Alters- und geistigen Entwicklungsstufe der
Schüler und nach der Anzahl der Jahreskurse ist der Inhalt
der biblischen Geschichten auszuwählen, sowie der Umsang
und die Anzahl der Geschichten festzusetzen. — Für die spe¬
zielle Auswahl ist aber auch noch der Charakter der Reli¬
gionsschule zu berücksichtigen. Es ist klar, daß in einer
öffentlichen Elementarschule die Auswahl eine andere wird
sein müssen, wie in einer Gemeind e-Religionsschule, die also
auf Gemeindekosten unterhalten und von der Gemeinde be¬
aufsichtigt wird, in dieser anders, wie in einer P r i v a t-Reli-
gionsschule, die zwar von der Gemeinde beaufsichtigt, doch
nicht von ihr unterhalten wird, sondern durch besonderes
Schulgeld der Gemeinde-Mitglieder, und endlich in den höhe¬
ren Schulen -- Gymnasien, ReU-, höheren Bürger- und
Töchterschulen — wiederum eine andere Auswahl, wie in
den Schulen niederer Ordnung getroffen werden muß. —
Manche Leser werden vielleicht in dieser Darstellung, die
Auswahl mit Rücksicht auf den Standpunkt der Gemeinde
vermissen. — Folgende kleine Geschichte diene darauf zur
Antwort: In einer mehrklasiigen öffentlichen jüdischen Ele¬
mentarschule war unlängst die Stelle des ersten Lehrers zu
besetzen. Da diese Stelle verhältnißmäßig gut dotirt ist,
so bewarben sich eine ganze Anzahl Kollegen um dieselbe.
Dabei wurde einer der Probekandidaten privatim von eineni
der Lehrer an der qu. Schule gefragt: „Welchen Stand¬
punkt nehmen Sie auf religiösem Gebiete ein? Denn ich
muß Ihnen mittheilen, daß die hiesige Gemeinde eine ortho¬
doxe ist." Der Gefragte erwiderte:' „In einer öffentlichen
Elementarschule ist mein religiöser Standpunkt vollständig
Nebensache, ich habe nur getreulich den Verfügungen und
Vorschriften meiner Vorgesetzten königlichen Behörden nachzu¬
kommen, im übrigen bin ich nur Gott und meinem Gewissen
dafür verantwortlich, daß ich meine Schüler zu echten Israe¬
liten erziehe." — Damit gab sich indeß nicht der neugierige
Kollege, — ob der Roth gehorchend oder dem eigenen Triebe,
ist nicht klar geworden — zufrieden, sondern examinirte
weiter: „Nun Sie müssen doch aber auch in der Elemen¬
tarschule Religion und biblische Geschichte unterrichten, da¬
bei müssen Sie doch einen bestimmten Standpunkt einneh¬
men." — „Nun denn", erwiderte der Probandus, „ich
kenne in derSchule keinen anderen Standpunkt,
als den Standpunkt der reinen, unverfälschten
Gotteswahrheit und von diesem Standpunkte
aus will ich meine Schüler in Religion und bib¬
lischer Geschichte unterrichten, ohne Rücksicht
auf den religiösen Standpunkt der Gemeinde,
sagen Sie das denen, die Sie zu mir geschickt haben." —
Ich weiß wohl, daß manche Kollegen gerade den religiösen
Standpunkt der Gemeinde für das wichtigste, wenn nicht
sogar für das einzige Princip halten, nach welchem die Aus¬
wahl der biblischen Geschichte zu treffen ist, doch ich erkläre
unumwunden: Wer das heilige Gotteswort wie eine Waare
betrachtet, von der er in einer Gemeinde etwas abhandeln,
in einer anderen etwas zulegen kann, wer heute Religions¬
lehrer in einer freisinnigen Gemeinde, morgen in einer ortho¬
doxen ist und mit dem Stellenwechsel auch seine religiöse
Ueberzeugung wechselt, weil er ein besseres Einkommen hat,
der ist ein elender Charakter und unfähig, das heilige Got¬
teswort zu lehren und die Jugend auf die Pfade der Tu¬
gend zu leiten, von einem solchen Lehrer müßte jede Ge¬
meinde, welcher religiösen Richtung sie auch angehören möge,
sich mit Verachtung wegwenden. — Es sei mir gestaltet, auch
hier an eine, vielleicht'nicht allgemein bekannte Geschichte zu
erinnern: In einer' größeren Gemeinde war ein junger
Rabbiner angestellt, der auf einem sehr freisinnigen Stand¬
punkte stand und damit wohl den Gesinnungen der Mehr¬
zahl seiner Gemeindemitglieder entsprach. Allein was ge¬
schah? In einem Purim - Vortrage erklärte der betreffende
Rabbiner von der Kanzel herab: „Ich habe versucht, in
heftigen, inneren Kämpfen redlich versucht, meine religiöse
Ueberzeugung mit den Pflichten meines heiligen Amtes in
Einklang zu bringen, allein es ist mir nicht gelungen, und
so erkläre ich denn: Ich kann bei meinen religiösen Ueber-
zeugungen nicht länger Ihr Seelsorger und überhaupt nicht
mehr Lehrer des Gotteswortes sein!" — Sprach's und ver¬
schwand am anderen Tage spurlos aus seiner Gemeinde.
Der betreffende Herr sattelte um und soll einer der gesuch¬
testen Rechtsanwälte geworden sein!