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Also nur die geistige Entwicklungsstufe und die Anzahl
der Jahreskurse bedingt die Auswahl der biblischen Geschich¬
ten nach Inhalt und Umfang. Trotz der vielfachen Veröf¬
fentlichungen von Pensenvertheilungen in der Religionsschule,
erlaube ich mir dennoch eine tabelarische Uebersicht des bib¬
lischen Geschichtsstoffes, ausgewählt nach obigen Gesichtspunk¬
ten, hier mitzutheilen, wobei in mehrklassigeu Schulen die
entsprechenden Klassen mit den bezüglichen Stufen der ein-
klassigen Religionsschulen korrespondiren.
Lehrplan für den btblischen Geschichtsunterricht in der
jüdischen Nellgionsschule.
a) Unterstufe (Kursus einjährig).
1) Die Schöpfung, 2) Das Paradies,*) 3) Die Sünd-
flut, 4) Der Thurmbau zu Babel, 5) Abraham's Friedfer¬
tigkeit, 6) Abraham's Uneigennützigkeit, 7) Isaak, 8) Jakob
und Esau, 9) Jaksb bei Laban, 10) Joseph und seine Brü¬
der, 11) Die Israeliten in Aegypten, 12) Mose's Geburt
und Berufung, 13) Der Auszug aus Aegypten, 14) Die
Gesetzgebung am Sinai, 15) Die Wüstenwanderung, 16) Die
Festtage, 17) Die Stiftshütte, 18) Das goldene Kalb, 19)
Kriege mit fremden Völkern, 20) Moses Tod.
d) Mittelstufe (Kursus zweijährig).
1) Die Schöpfung, 2) Der Sündenfall, 3) Kain und
Abel, 4) Noah, 5) Die Sündfluth, 6) Abraham's Berufung,
7) Abraham's Friedfertigkeit, 8) Abraham's Uneigennützig¬
keit, 9) Sodom und Gemorrha, 10) Jsaak's Opferung, 11)
Elieser, der treue Diener, 12) Jsaak's Heirath, 13) Jakob
und Esau, 14) Jakob auf der Flucht, 15) Jakob bei La¬
ban, 16) Jakob und Esau versöhnen sich, 17) Joseph und
seine Brüder, 18) Joseph in Aegypten, 19) Joseph wird zu
hohen Würden erhoben, 20) Reisen der Brüder Joseph's
nach Aegypten, 21) Jakob reist mit den Seinen nach Aegyp¬
ten,**) 22) Jakob's Segen und Tod, 23) Leiden der Kinder
Israels in Aegypten, 24) Moses Geburt, 25) Moses unter
seinen Brüdern, 26) Moses Berufung, 27) Moses und
Ahron vor Pharao, 28) Die zehn Plagen, 29) Der Aus¬
zug aus Aegypten, 30) Die Gesetzgebung am Sinai, 31)
Moses als Gesetzgeber, 32) Bilder aus der Wüstenwaüde-
rung, (Stiftszelt, Manna, Murren der Kinder Israels, die
Wachteln, Gräber der Lüsternheit), 33) Das goldene Kalb,
34) Die Kundschafters) 35) Moses letzte Worte an das Volk
und Josua, 36) Moses Tod, 37) Josua erobert das heilige
Land, 38) Bilder aus der Richterzeit, (Barak und Deborah,
Jepthah, Simson, Gideon, Abimelech), 39) Saul's König¬
thum, 40) David, 41) Salomo, 42) Theilung des Reiches.
c) Oberstufe (Cursus zweij ährig).
1. Jahr, Wiederholung und Erweiterung des Pen¬
sums der Unter- und Mittelstufe. 2. Jahr. 1) Die Ge¬
schichte des ungetheilten Reiches Israel, 2) Die Geschichte
des Reiches Juda, 3) Die Geschichte des Reiches Israel, 4)
Die Zerstörung des Tempels, 5) Das Buch Daniel,^) 6) Das
Buch Esther, 7) Esra und Nehemia.
Daß auch die nachbiblische Geschichte in ihren Haupt¬
zügen Pensum der Oberstufe sein muß, ist selbstverständlich;
doch gehört die Stoffvertheilung und unterrichtliche Behand¬
lung derselben nicht in den Rahmen dieser Arbeit, sondern
soll einer besonderen Besprechung Vorbehalten bleiben.
Die obige Stoffvertheilung hat folgende methodische
Grundsätze berücksichtigt:
1) In der Unterstufe — Unterklasse — sind alle die¬
jenigen biblischen Geschichten ausgeschieden, deren sittliche
Tendenz dem jugendlichen Alter der Schüler nicht ent¬
spricht, also: Der Brudermord, Ham's Verspottung seines
*) Aber was soll denn vom „Paradiese" erzählt werden, wenn
der Sündenfall ausgeschlossen bleibt? (Red.)
**) Das muß doch wohl auch schon in der Unterstufe erzählt wer¬
den. (Red.)
8) „Die Rotte Korah's", „Balak und Bileam" „Mose's Sünde"
dürfen doch nicht fehlen. (Red.)
f) Wo bleibt die Erzählung des Buches Jona und Hiob. (Red.)
42 —
Vaters, die Sittenlosigkeit der Sodomiter, Jsaak's Heirath,*)
Joseph als Sklave, die Reisen der Brüder Josephs nach
Aegypten u. a. m.
2) Es sind auch alle diejenigen biblischen Geschichten
ausgeschieden, deren Verständniß schon eine höhere geistige
Entwicklungsstufe fordert,, also: Jakobs Segen an seine Söhne,
Moses unter seinen Brüdern, Moses und Ahron vor Pha¬
rao, Moses als Gesetzgeber, Balak und Bileam, Moses Segen.
3) Es sind aus der Unterstufe nur die Geschichten der
fünf Bücher Mose's zu lehren, weil sie die wichtigsten und
grundlegenden für die heilige Geschichte sind und die be¬
schränkte Unterrichtszeit eine weitere Ausdehnung des Stof¬
fes nicht gestattet.
4) Dieselben methodischen Grundsätze für die Auswahl
und Stoffvertheilung gelten auch für die Mittel- und Ober¬
stufe, fv daß in einem fünfjährigen Zeiträume den Schülern
die vollständige Kenntniß der heiligen Schrift vermittelt wer¬
den kann. (Schluß folgt.)
Zur Abwehr.
„Daß die heutigen Rabbiner sich mit einer Predigt am
Gottesdienste betheiligen, ist eine neuere (!) Einrichtung,
von der unsere Alten nichts wußten und nichts wissen
wollten und deßhalb (!) ist es der Predigt bis jetzt (!)
noch nicht gelungen, ein integrirender Theil des Gotttsdienstes
zu werden." So findet man's buchstäblich zu lesen in einer
j üd. Ztg., einem Organ für jüd. C n l t u sbeamten. Wir
wollen keine Reflexionen anstellen über die zusammengewach¬
senen siamesischen Zwillingsschwestern Ignoranz und Arroganz,
sondern uns mit der Sache selbst beschäftigen. — Es ist ein
halbes Jahrhundert verflossen, seitdem Zunz sein epochemachen¬
des Werk; „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, h i st o-
risch entwickelt" herausgegeben hat. Dieses mit einem Rie¬
senfleiß zusammengetragene Material — man bedenke die
spärlichen Quellen der damaligen Zeit — bildet einen Grund¬
stock zu den jüdisch-wissenschaftlichen Forschungen, deren Ergeb¬
nisse jetzt große Bibliotheken anfüllen. In dem genannten
Werke weist Zunz nach, daß gottesdienstliche Vorträge sehr
alten Datums sind. Gleich im Eingänge seines Wer¬
kes erklärt er den für rfcsn n’a volkstümlicher gewor¬
denen Begriff nDJ 2 n rpn. (Seite 2 ibid.) „Außer dem
Gebet, welches nur Ausdruck der andächtigen Empfindung
ist, mußte also wohl irgend eine erhebende Selbstthätigkeit,
durch welche die Versammelten sich ihrer bewußt wurden,
die Bestimmung der Synagoge sein u. s. w., so daß Gebet
und Belehrung vereinigt als Zweck und Inhalt des Got¬
tesdienstes der Synagogen erscheinen dürfte." So finden
wir schon frühzeitig in den Synagogen das Bestreben unserer
Alten vorherrschend, durch das Mittel der jeweiligen Um¬
gangs-Schriftsprache die Hörer in das Verständniß reli¬
giöser Ideen einzuführen. „Schon seit dem 15. Jahrh. war
das Vortragswesen zu einer förmlichen, alle theologischen
Gebiete und die darauf bezüglichen Schriften der jüd. Vor¬
welt umfassenden Homiletik ausgebildet, in welcher Midrasch
und Hagada nur die Texte, die Anlehnungspunkte der neu
entwickelten Ideen waren." (Zunz a. a O.) Wir wissen
jedoch schon aus der Zeit Karls des Großen nnd Ludwigs
des Frommen, daß selbst Christen die Synagoge besuchten
und ausdrücklich erklärten, mehr Geschmack an den jüdi¬
schen Predigten als an denen der christlichen Geistlichen
zu finden. (Siehe Güdemann's Erziehungswesen S. 108
und ff.) Es bedarf wohl keines Beweises mehr, daß die
Juden keine andere Sprache führten als die ihrer christlichen
Landsleute. Man betrachte jedoch die Cultur zur Zeit Karls
des Großen im Lichte jener Zeit. Güdemann (a. a. O. S.
112) hebt als charakteristisch für den damaligen Zeitabschnitt
hervor, daß Carl der Große erst im hohen Alter schreiben
*) Die Geschichte von Rebecka und Elieser könnte wohl in der
Unterstufe erzählt werden. (Red.)