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M 12 . 1878 .
Jahrgang^»^.
die religiösen und socialen Interessen des Judenthums.
Erscheint jeden Mittwoch
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Jüd. Literaturblatt" von Rabb. lir.M.
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des „LireraturblattS" » 15 Ps.
Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber
Rabbiner Dr. A. Treuenfels in Stettin.
--
Magdeburg, 20. Mär,.
Inhalt
Leitende Artikel: Für die Juden in der bisherigen Türkei.
Berichte und «orrespondenren: Deutschland: Magdeburg.
Aus dem Großherzogthum Hessen. Hanau.
Oesterreich-Ungarn: Prag. Stanislau.
Palästina: Jerusalem.
vermischte und neueste Nachrichten: Berlin. Berlin. Berlin.
Berlin. Aus der Provinz Posen. Wien. Paris. Malta. Jeru¬
salem.
Aeuilleto« : Täuschungen.
Inserate.
ME* Mit nächster Nr. schließt das erste Quartal. Den
geehrte« Adonnentech wird die rechtzeitige Grnenernng
ihres Abonnements in freundliche Erinnerung gebracht,
damit die Zusendung keine Unterbrechung erleide.
Die Expedition.
Für die Juden in der bisherigen Türkei.
(Schluß.*)
Als im Jahre 1856 der Pariser Vertrag das halb¬
souveraine Fürstenthum, Moldau-Wallachei, welches nachher
den Namen Rumänien annahm, constituirte, und die Pariser
Convention von 1858 die Verfassung des neuen Staates re¬
gelte, wurde festgestelll, daß alle Molvo-Wallachen gleiche
bürgerliche Rechte genießen sollten; die politischen
Rechte wurden den Christen der verschiedenen Confessionen
gleichmäßig zuerkannt. Indem man nun die Juden vonl
Genuß der politischen Rechte nach dem Wortlaute des letzten
Satzes ausschloß und den ersten Satz dahin deutete, daß die
Juden Nicht-Rumänen seien, und dann auch die im Lande
selbst geborenen, deren Vorfahren seit undenklicher Zeit da¬
selbst gewohnt hatten, zu Ausländern stempelte, machte man
durch Special-Gesetze die Juden schließlich fast rechtlos und
berief sich allen Neclamationen gegenüber darauf, daß die
Juden in Rumänien ein für allemal keinerlei Anspruch auf
die Wohlthaten der Landesgesetzgebung hätten. Es ist unver¬
gessen, aber auch noch unerklärlich, daß Rumänien es in dem
Handelsvertrags mit Oesterreich ertrotzt hat, daß auch öster¬
reichische Staatsbürger israelitischer Conflssionen in Rumä¬
nien rechtlos sein sollen, und daß dasselbe Ländchen dadurch
den Muth oder vielmehr die Frechheit gewonnen hat, auch
*) Im vor. Leitart. S. 82, a vorletzte Zeile lies Handhabe st.
Handhabung.
I I n sera t «
für die „Wochenfchrif t", die dreigespaltene
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Wachen-
März.
1878.
Adar II.
5638.
Kalender.
Mittwoch . . .
20
15
Schuschan Purim.
Donnerstag . .
21
. 16
Freitag ....
22
17
Geburtst. b. deutsch. Kaisers.
Sonnabend . .
23
18
12 (Ende 6 U. 87 M.)
Sonntag . . .
24
19
P. Parah.
Montag ....
25
20
Dienstag . . .
26
21
anderen Staaten dieselbe Zumuthung in Betreff abzuschließen-
td? Handelsverträge zu stellen. Es ist- aber auch vor den
Augen der civilisirten Welt thatsächlich klar geworden, daß
diese bürgerliche und politische Rechtlosigkeit der rumä¬
nischen Juden dahingeführt hat, daß sie schließlich auch für
des Menschenrechtes verlustig galten, daß man glaubte,
sie straflos ertränken und erwürgen zu dürfen, daß ein wil¬
des Thier in Weibsgestalt die eigne Wuth und die trunkener
Knechte an ihnen ausließ und bis heute noch straflos ein¬
hergeht.
Alle diese seit zwölf Jahren wiederholt verübten Schand-
thaten haben in Europa und Amerika Aufsehen und Erbit¬
terung hervorgerufen, sind in den verschiedenen Parlamenten
zur Sprache gebracht und verdammt worden, sind in Con-
sularberichten und diplomatischen Aktenstücken behandelt und
besprochen — warum ist alles bisher fruchtlos geblieben?
Es ist leicht sagen: weil es sich eben nur um Juden gehan¬
delt hat, weil es keinem christlichen Staatsmann und Macht¬
haber mit dem Schutze des Lebens, der Gesundheit und des
Besitzthnnls der rumänischen Juden Ernst ist. Wir haben
solche Auslaffungen sehr oft in jüdischen Blättern gelesen,
sie sind als Ausbrüche des Schmerzes verzeihlich, aber be¬
gründet sind sie darum nicht; sie sind gegenüber manchen
Staatsmännern, jetzigen oder früheren, die ihre Humanität
im Allgemeinen und ihre wohlwollende Gesinnung gegen Ju¬
den insbesondere vielfach belhäligt halten, doch geradezu un¬
gerecht. Der Grund der Unthätigkeit, des Mangels an er¬
folgreicher Verwendung liegt in den verwickelten Verhältniffen
auf der Balkanhalbinsel. Das Alles glich schon seit langer
Zeit einem zersprungenen Gefäße, welches bei der geringsten
unsanften Berührung und Behandlung in Stücke geht. Daß
diese Zertrümmerung am Ende doch erfolgen werde, wußten