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die Staatsmänner sehr wohl, aber kein Staat, Rußland aus¬
genommen, wollte zuerst die Hand an das Gefäß legen. Die
Runlänen waren schlau genug, dies auch zu erkennen, und
dreist genug, die schriftlichen Remonstrationen fremder Mächte
mit mehr oder weniger unverschämten Winkelzügen zu be¬
antworten; sie wußten, daß ein weiteres energisches Eingrei¬
fen durchaus nicht zu befürchten stehe.
So liegt die erste Wurzel des Uebels darin, daß man
1856 und 1858 vergessen hat, auch den Juden Schutz und
Recht zu stipuliren. Mit diesem einmaligen Versäumniß war
und blieb bis heute alles verdorben. Es ist unnütz weiter
zu untersuchen, ob es sich damals nur um ein Vergessen
und ein Versehen, oder um absichtliche Zurücksetzung der Juden
gehandelt I r!, dagegen muß bemerkt werden, daß von Seiten
der europäischen Juden damals kein Schritt geschehen ist
um von ihren Glaubensgenossen in Rumänien jenes Schick
fal abzuwenden. Man war vielleicht damit zufrieden, daß
bürgerliche Rechte gewährt waren oder gewährt zu sein schie¬
nen, man sah die Folgen nicht voraus. Die Juden in Deutsch¬
land und Oesterreich standen damals auch noch unter dem
Druck der Reaction und hatten mit sich selbst genug zu thun,
selbst in England gingen die Kämpfe um die volle Emanci-
pation der Juden erst eben zu Ende. Es gab auch noch
keine „allgemeine israelitische Alliance", und in den einzelnen'
Ländern keinerlei Vereine oder Körperschaften, welche ein
Wort kür die Juden des Orients hätten einlegen können.
Schon die damaligen Vereinsgesetze hätten in Deutschland das
an sich unmöglich gemacht. Das alles ist nun besser gewor¬
den. Wie wir schon angedeutet haben, und wie es bald an's
Licht treten wird, werden Schritte geschehen, damit
die Juden bei der Regelung der orientalischen Angelegenheit
nicht wieder vergessen, nicht abstchtlich übersehen, nicht
durch Verschweigen dem Verderben Preis gegeben werden.
Wir können von den einleitenden und vorbereitenden Schrit¬
ten ein kleines Theilchen auch als unser Werk in Anspruch
nehmen.
Ob ein günstiger Erfolg in Aussicht steht? Es ist se^r
leicht pessimistisch zu sagen, daß sich ernstlich doch Niemand der
Juden annehmen oder daß es bei einigen schönen Worten blei¬
ben werde. Wir können dem gegenüber wenigstens in ganz
verläßlicher Weise berichten, daß sehr werthvolle und positive
Zusagen gegeben worden sind, auf die wohl Gewicht
zu legen ist.
Wiederum wäre es sehr thöricht, sich der Hoffnung hin¬
zugeben, daß in absehbarer Zeit auf der Balkanhalbinsel sich
Zustände entwickeln werden, die denen in civilisirten Ländern
gleichen werden, gleichviel wie die künftigen Verfaffungs- und
Vertragsbestimmungen lauten mögen. Wir haben auch in
einem jüdischen Blatte die Bemerkung gelesen, daß der Re¬
daction derselben die durch Bismarck ertheilte Antwort nicht
genügt; sie findet dieselbe nicht entschieden genug; es hätte
vielleicht nach ihrer Meinung heißen müssen: „Ich werde die
Sache in die Hand nehmen, und Sie können sich darauf ver-
lasien, daß ich den Rumänen zeigen werde, wie sie Ihre
Herren Glaubensgenossen zu behandeln haben " Ein anderes
Blatt giebt den bulgarischen Israeliten den ebenso weisen und
wohlgemeinten wie kostenfreien Rath, das unwtrthliche Land
zu verlassen oder, wenn sie entflohen seien, nicht wieder dahin
zurückzukehren. Deutsche Juden pflegen auf Derartiges zu
antworten: „Wir sind mit Rathschlägen versehen;" unsere
sephardischen Brüder werden irgend eine ähnliche Redewen¬
dung kennen.
Wir haben indessen Gründe, guten Muthes zu sein, ohne
allzu sanguinische Hoffnung zu hegen. Wir zweifeln, wie
schon gesagt, nicht an dem wirklich vorhandenen guten Willen
aller jetzigen Ministerien der civilisirten Staaten, „den An¬
gehörigen jedweden Religionsbekenntnisses in den betreffenden
Ländern dieselben Rechte und Freiheiten zu Theil werden zu
lassen, welche ihnen in Deutschland verfassungsmäßig gewähr¬
leistet sind", — wie es in dem eben erwähnten Schreiben
heißt. Wir zweifeln ferner nicht daran, daß eben diesen
Staatsmännern die Vorgänge in Rumänien wohl in Erinne¬
rung find, und daß sie nicht Lust tragen, abermals für Bul¬
garien ähnliche Zustände zu schaffen. Wir geben ferner
zu bedenken, daß es in Rumänien keine ansässigen Muham¬
medaner gab, daß man daher zunächst nur daran dachte, für
Katholiken, Griechen und sonstige christliche Religionspar¬
teien Rechtsgleichheit zu ftatuiren. Der Juden nicht zu ge¬
denken, das lag dann freilich leider recht nahe, wenn Nie¬
mand und nichts an sie ausdrücklich erinnerte. Jetzt
muß für die Muhammedaner in den neuen Staaten gesorgt
werden, denn selbst Rußland will gewiß nicht, daß fortan die
„befreiten" Christen den Muhammedanern heimzahlen sollen,
es ist unmöglich nur von den christlichen Confessionen zu
sprechen, alles kommt jetzt darauf an, daß statt „Christen und
Muhammedaner" gesagt werde, und zwar in nicht zu mi߬
deutenden Ansdrücken: „alle ohne Unterschied". Die
Bestimmungen an sich können also weder vergessen noch ver¬
absäumt werden und der Wille, die Juden den Muhammeda¬
nern und Christen gleichzustellen, ist in dem Congresse hin¬
länglich vertreten. Das Resultat kann nicht gut ein un¬
günstiges sein.
Berichte und Correspondenzen.
Deutschland.
Magdeburg, 15. März. (Or.-Corr.) Seit einem Jahre
wird an den beiden hiesigen Realschulen der jüd. Religions¬
unterricht durch den Rabbiner und einen vom Gemeindevorstande
d"m Provinzial-Schulcollegium präsentirten Religionslehrer er-
theilt und noch immer sträubt sich der hies. Magistrat, hierfür
eine Remuneration an die Gemeindekasse zu gewähren. Auf
eine diesbezügliche Vorstellung des Gemeittdevorstandes beim
Provinzial-Schulcollegium erfolgte der Bescheid, daß es Letzre-
rem nicht gelungen sei, den Magistrat auf gütlichem Wege zur
\ Zahlung zu veranlassen, Zwangsmittel aber zur Erfüllung
' dieser Beitragspflicht demselben nicht zu Gebote ständen.
Aus diesem Grunde hat der jüd. Stadtverordnete Herr
Gottfried Friedeberg (zugleich stellvertretendes Mitglied im
Gemeindevorstande) bei Berathung des diesjährigen Schul -
etats (dessen Correferent derselbe ist) in der Stadtverordne-
tensitzung vom 7. d. Mts. folgenden Antrag gestellt:
„Die Stadtverordneten-Versammlung wolle beschließen,
den Magistrat zu ersuchen, für Ertheilung des jüdischen
Religionsunterrichts in den beiden Realschulen den betref¬
fenden Lehrern eine angemessene Remuneration zu gewähren."
Die vortreffliche Motivirung des Antrages durch Herrn
Friedeberg, die sehr gewundene Erklärung des Stadtschul-
rathes und die daran sich knüpfende Debatte, in Folge deren
Herr F. seinen Antrag aus formellen Gründen zuruckzog und
für die nächste Sitzung anmeldete, theste ich Ihnen nach
Statthaben derselben zugleich mit dem Resultat mit.