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reiten, daß sie sich ihren Lebensunterhalt durch die Arbeit -
erwerben. Mit solchen Anstalten können wir schon in einer
nahen Zukunft eine große Veränderung in der Lage der Is¬
raeliten von Palästina sehen.
Aber das Werk ist schwierig, es erfordert ungeheure
Hilfsmittel und die Mitwirkung der Israeliten
aller Länder. Man muß Schulhäuser bauen, die Lehrer,
die Bücher, das Schulmaterial aus Europa kommen laßen und
die Kinder theilweise beköstigen und bekleiden. Die Unterhaltung
einer Knaben- und Mädchenschule in Jerusalem allein erfor¬
dert ein Einkommen von jährlich 25,000 Fr., und dies ist
nur eine Schule in dem Gesammtplane, den wir im Auge
haben. Es ist also ein bedeutendes Capital nothwendig, um
durch desien Ertrag die Existenz und gute Haltung der zahl¬
reichen von uns in Palästina zu gründenden Schulen sicher¬
zustellen. Es wird einer großen Anstrengung seitens unserer
Glaubensgenosien bedürfen; aber was muß man nicht von
ihnen erwarten für ein Werk, das ebenso entspricht ihren
Gefühlen der Pietät für das heilige Land, als der Barmher¬
zigkeit für die unglücklichen Israeliten, als der Anerkennung
für den Präsidenten der Alliance Jsraelite Universelle!
Brauchen wir unseren Glaubensgenoffen eine Schöpfung
zu empfehlen, deren Idee ihnen selbst angehört? Wir stellen
dieselbe unter den Schutz der Rabbinen und Prediger,
der Gemeinde-Vorsteher, der Comitss und Mit¬
glieder der Alliance; wir bitten sie Alle um ihre thätige
Mitwirkung; möge Jeder, dem das Gedächtniß Cr6mieux's
theuer ist, denselben seine Unterstützung leihen; möge Jeder
nach seinen Mitteln seine reiche oder bescheidene Spende bcrn-
gen; möge ein edler Wetteifer die Israeliten aller Länder ent¬
flammen, und wir werden bald dem Namen Cremieux's di-
Huldigung darbringen können, die er verdient, indem wir ihn
mit einer der heiligsten Unternehmungen verbinden: mit der
Erhebung der Israeliten von Palästina!
Paris, den 6. Mai 1880.
Für das Central-Cowitä der Alliance Jsraslite
Universelle:
Großrabb. L. Isidor, Ehrenpräsident. I. Derenbourg.
Vicepräsident. S.HGoldschmidt,Vicepräsivent. N. Leven,
General Secretär. Lsonce Lehmann, Schatzmeister-Dele-
girter. Der Secretär: Isidore L o e b.*)
II?
Berlin, im Mai 1880.
Der Vorstand und der Verwaltungsrath des hier be¬
stehenden „Vereins zur Erziehung jüdischer Wai¬
sen in Palästina" hat in seiner gemeinschaftlichen Sitzung
vom 10. Mai d. I. die Freude gehabt, den jetzt in Berlin
anwesenden Consul des Deutschen Reiches in Palästina, Herrn
Baron v. Münchhausen, in seiner Mitte begrüßen zu
können. Wie in den schriftlichen Mittheilungen, mit denen
er seit längerer Zeit den Verein erfreut hat, so zeigte der
*) Dieser Aufruf wird an die Herren Comitd-Mitglieder der Alliance,
an die Herren Rabbinen und Lehrer, an die Herren Vorsteher der israel.
Eultusgemeinden, der israel. Wohlthätigkeitsvereine rc. gerichtet, welche
Alle wir herzlich bitten, uns ihre thätige Mitwirkung bei dieser Sub-
cription gütigst leihen zu wollen. Exemplare dieses Aufrufes nebst
SubscriptionSlisten stehen zu weiterer Verbreitung jederzeit sowohl im
Bureau der Alliance (Pari«, rue de Trevise 37) als bei Herrn Rab¬
biner vr. Landsberg in Liegnitz zur Verfügung.
Herr Consul auch in seinen mündlichen Auslastungen in jener
Sitzung, wie in privaten Besprechungen mit Mitgliedern des
Vereins, nicht nur das lebhafteste Jntereffe für das materielle
und intellectuelle Gedeihen der jüdischen Bewohner des Heili¬
gen Landes, sondern auch eine auf mehrjährige Erfahrungen
und scharfe Beobachtung sich grün dende Erkenntniß der Wege,
welche zu jenem Ziele zu führen geeignet erscheinen. Dabei
gab er wiederholt die unzweideutige Erklärung darüber ab,
daß ihm in seiner amtlichen Wirksamkeit, wie in seinen In¬
tentionen überhaupt nichts ferner liege, als auf die religiösen
Besonderheiten der palästinensischen Juden irgend wie einen
Einfluß zu üben. Als den unter allen Umständen geeignet¬
sten Weg, der traurigen Lage jener Bewohner Palästina's
abzuhelfen, bezeichnete er eine Verbesserung des so
sehr im Argen liegenden Jugendunterrichts bei
den palästinensischen Juden. Es sei dies das einzige Mittel,
um diese Unglücklichen endlich in den Stand zu setzen, sich
eine selbstständige Existenz zu begründen und der entwürdi¬
genden Almosen, die ihnen von den außerpalästinensischen
Juden zufließen, entbehren zu können. Zum Leidwesen aller
Wohlmeinenden glaubt immer noch ein großer Theil der euro¬
päischen Juden der anerkennenswerthen Pietät für das hei¬
lige Land zu entsprechen, wenn sie jährlich Spenden für die
Bewohner deffelben sammeln und vertheilen lasten, ohne zu
bedenken, daß damit den beklagenswerthen Zuständen nicht
abgeholfen und stets neue Generationen erwerbsloser und er¬
werbsunfähiger Menschen herangezogen werden. — Der Vor¬
stand des obengedachten Vereins konnte nur mit hoher Ge-
nugthuung wahrnehmen, wie seine eigenen Anschauungen durch
eine so gewichtige Autorität gestützt und bestätigt werden
und er findet in dieser Uebereinstimmung einen neuen Sporn
für eine kräftige und intensive Verfolgung seiner Zwecke,
nämlich: Erziehung der jüdischen Jugend in Pa¬
lästina und Anlegung geeigneterLehran st alten.
Auch noch in anderer Beziehung trafen die Ansichten des
Herrn Consuls mit denen des Vereins in erfreulicher Weise
zusammen. Der Umstand, daß ein so großer Theil der Ju¬
den Palästina's, weit über den Kreis der eigentlichen Schutz-
genosten des Den tschen Reiches hinaus, die sogenannten A s ch-
kenasim (von etwa 15,000 Juden Jerusalems etwa 11,000)
der deutschen Sprache — wenn auch in einem verderbten
Jargon — mächtig ist, läßt in einem Unternehmen, das seine
Hauptstütze in Deutschland findet, eine bedeutsame nati¬
onale Sache erblicken, welche der Beihülfe deutscher Is¬
raeliten, abgesehen von differirenden religiösen Richtungen,
werth sein dürfte. Aus den beregten Motiven ist dem ge¬
nannten Vereine von den verschiedensten Seiten aus man¬
nigfache Hülfe geworden, und es ist ihm gelungen, theils durch
einmalige Geschenke, theils durch jährliche Beiträge, einen nicht
unbeträchtlichen Fonds zusammen zu bringen. Noch reicht der¬
selbe aber nicht aus, um das Werk der Erziehung und des
Unterrichts, das nur durch europäisch und deutsch gebildete
Lehrer zu einem gedeihlichen Zwecke führen kann, in einer
Weise auszusühren, die einen erfreulichen Erfolg ver -
spricht. Bei dieser Gelegenheit sei nochmals an die deut¬
schen Glaubensbrüder der palästinensischen Juden die Bitte
gerichtet, dem genannten Vereine kräftige und nachhaltige
Beihülfe zu Theil werden zu lasten. (Geschenke und Jahres¬
beiträge werden von dem Schatzmeister Herrn Ed. Mende,