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Firma S. Kaufmann & Co, (Burgstr. 8), dankend ent¬
gegengenommen)."
Diese beiden Aufrufe an die jüdische Mildthätigkeit be¬
dürfen keines CommentarS; da beide dasselbe Ziel verfolgen,
so darf ein Zusammengehen der beiden Vereinsvorstände
wohl als selbstverständlich vorausgesetzt werden.
Berichte und Correspondenzen.
Deutschland.
Magdeburg, 27. Mai. Die vergangene Woche hat an Juden-
hatz'Material (auf der „Pastoral-Conferenz", in dem „Verein
zur Verbreitung des Christenthums unter die Juden") so
Vieles — wenn auch spottwenig Neues — gebracht, daß
wir die ganze Nr. damit füllen könnten. Aber das Gefühl
des Ekels vor allen diesen Etöckereien und Stänkereien waltet
nicht nur bei uns, sondern bereits auch bei allen anständigen
christlichen Tagesblättern vor. Wir begnügen uns desha.b
mit der Wiedergabe des Urtheils der „Magd. Ztg " Sie schreibt:
„Die Berliner Pastoral-Conferenz hat mit ihrer wüsten Debatte
über die Judenfrage sich selbst wieder gebührend gekennzeichnet.
Dreist genug waren die früheren Agitationen der Socialde¬
mokratie, deren Zweck die Vernichtung des Königthums, der
Verfassung und aller gesellschaftlichen Ordnungen war; allein
die Socialisten kämpfen wenigstens mit offenem Visir, während
die Pastoral-Confrenz es vorzog, ihre Aufhetzung gegen unsere
jüd. Mitbürger hinter Gottes Wort zu verstecken. Die christli¬
chen Gemeinden des preußischen Staates haben gegen den
Pastoralen Hochmuth der Conferenz Protest einzulegen und
die gestrige Debatte über die Judenfrage als eine geistliche
Verirrung sonder Gleichen zu kennzeichnen. Ohne diesen
Widerspruch würde draußen in der Welt die Vorstellung auf-
kommen können, Preußen wäre der Tummelplatz ärgerlichster
Judenhetze geworden und die Verlästerung unserer jüdischen
Mitbürger stände unter dem Schutz der christlichen Kirche,
der christlichen Moral. Die Verirruug der Pastoral-Conferenz
ist so arg wie möglich; dies auszufprechen, dünkt uns Pflicht
zu sein, damit nicht die Meinung aufkomme, als decke sich
mit dem wüsten Toben einer geistig Bankerott gewordenen
orthodoxen Richtung unserer Kirche das aufgeklärte deutsche
Volksbewußtsein. In ganz plumper Weise wird eine Frage
discutirt, die, so weit sie eine sittliche Berechtigung hat, nicht
vorsichtig genug erörtert werden kann. Der Führer war wie¬
der einmal Herr Stöcker, der zu wissen glaubt, was Gottes
Rathschluß sei. Er sagt uns, was Gottes Regiment mit den
Juden vorhabe und daß sie ein „verworfenes Volk" seien. Im
Vordersatz mißbilligt er die mittelalterlichen Judengräuel, um
im Nachsatz zu verrathen, daß diese Gräuel ihre Berechtigung
hatten; denn die Juden sind nach Stöcker Christenverächter
und Wucherer immer gewesen bis zu dieser Stunde. Und
in dieser brutalen Weiseargumentirten nahezu alle Redner
der Conferenz, blos daß sie in Herrn Stöckor ihren Apostel
und Meister feierten. Dessen Judenhetze gilt den Mitgliedern
der Conferenz als eine sittlich befreiende Thal, die in jeder
Einzelgemeinde nachgeahmt zu werden verdiene. Als vor
vielen Jahren die socialdemotratischs Wühlerei begann, wurde
ihr von nur zu Vielen jede Tragweite abgesprochen und ähn¬
lich gleichgültig bleiben jetzt wieder Viele gegenüber diesen
neuesten Hetzereien. Diese aber bergen genau dieselben Ge¬
fahren in sich, wie der Laffalle-Hasselmann'sche Radicalismus."*)
Magdeburg. Wir lassen den Schluß des Festberichts
über die Rabbiner- und Lehrer-Conferenz in Halle folgen:
„Um zwei Uhr Nachmittags begann das von der Gemeinde
*) Wie wir vernehmen, haben einige liberale Abgeordnete christ¬
licher Confessio» den Entschluß gefaßt, eine allgemeine Volksversamm¬
lung nach einem der größesten Berliner Locale einzuberufen, um gegen
die pfäffsschen Hetzereien der Pastoralconferenz, des Judenmissions - Ver,
ein- rc. einen energischen Protest zu erlassen. Männer, wie Eugen
Richter. Pfarrer Neßler und Albert Träger stehen an der Spitze
dieser anti-antisemitischen Bewegung.
Halle den Conferenztheilnehmern gegebene Festessen. Der
Obmann des Festcomit6eS, Herr Kaufmann H. W o l f e n st e i n,
eröffnete die Tafel mit einer kernigen Ansprache an die Gäste,
in welcher er von der großen Befriedigung und geistigen Er¬
hebung sprach, mit welcher auch die Laien durch die Confe-
renzverhandlungen erfüllt worden wären. Die Reihe der
offiziellen Tischreden eröffnete Landrabbiner vr. Krön er mit
einem Toaste auf Se. Majestät den deutschen Kaiser. Er
hob hervor, wie der königstreue Geist im Judenthum allezeit
die größte Liebe und Verehrung gegen das Landesoberhaupt
gelehrt habe, wie wir aber in Kaiser Wilhelm und in seinem
erlauchten Thronerben noch besonders Schutzherren des Juden¬
thums inmitten eines wüsten Lärmens und Hetzens gegen
unsere Glaubensgenossen zu verehren und zu lieben haben.
Ein dreimaliges donnerndes Hoch gab Zeugniß von der be¬
geisterten Gesinnung der Versammelten für Kaiser und Reich.
Herr Rabbiner vr. Ra hm er hatte es übernommen, der
Gemeinde Halle und ihrer Vertretung den tiefgefühlten und
innigen Dank der Gäste für das überaus freundliche Ent-
gegenkomrren auszusprechen. An die talmudische Auslegung
des von Abraham gepflanzten Baumes jüd. Gastfreundschaft
(vgl. Raschi zn Genes. 21,33) anknüpfend betonte er, daß
das geistige Interesse, welches dem Streben der Versammlung
entgegengebracht wurde, noch bedeutender wiege, noch viel er¬
freulicher sei, als die wirklich rührende Sorgfalt für das leib¬
liche Wohlbefinden der in ihrer Mitte tagenden Versammlung.
Er schloß mit einem Hoch auf den Vorstand, die Repräsentanten
(Vorsitzender Herr Jos. Türkheim er) und das Festcomitä.
Herr Rabbiner vr. D e s s a u e r benutzte eine talmudische
Erzählung um das Verdienst, edle Gesinnungen in der Ge¬
meinde zu fördern, dem Gemeinderabbiner zu vindiciren
und in seinem Trinkspruch das Fortbestehen eines solchen
beiden Theilen zur Ehre gereichenden Verhältnisses zu wün¬
schen. Rabbiner vr. Caro auS Erfurt, der es übernommen
hatte, das Fesicomit6e hochleben zu lassen, verließ das Feld
der Prosa und kam in launigen, die Geschichte der Conferenz
schildernden Versen seiner Aufgabe nach. Rabbiner vr.
Fröhlich endlich toastete auf das Wachsen und Gedeihen
aller jüdischen Gemeinden und des religiösen Bewußtseins in
denselben. Gemeindevorsteher Sachs ließ die Gäste und Herr
Waisenhausinspeklor Stern aus Seesen die Frauen leben,
da der Tisch auch dieser Zierde nicht entbehrte. Nach dem
i schönen Vortrage des -w durch den Hallenser Ge-
meindccantor wurde das Tischgebet verrichtet und die Tafel
aufgehoben. In einer größeren Anzahl bereit stehender Equi¬
pagen wurde nun eine Ausfahrt durch das schöne Saalthal
in das reizend gelegene Bad Wittekind gemacht, von wo man,
vom schönsten Wetter begünstigt, gesättigt von den herrlichen
Naturgenüssen und wiederholten Bewirthuugen, am späten
Abend zurück- und befriedigt der Heimath zukehrte.
Es waren schöne Tage, die wir in Halle verlebten; die
geistige Anregung, welche das Zusammensein mit Berufsge¬
nossen mit sich bringt, wurde durch die Conferenzverhand-
lungen noch außerordentlich gesteigert. Mit GotteS Hilfe
werden segensreiche Früchte zum Heile unseres Glaubens
jenen Anregungen erwachsen, die Gastfreundlichkeit und Lie¬
benswürdigkeit der Hallenser Gemeinde aber wird jedem Theil»
nehmer unvergessen bleiben. So lange echt religiöse Bestrebungen
ein so inniges Verständniß und solche Förderung in den Ge¬
meinden finden, so lange steht Israel nicht verwaist da." 6.
Berlin. Wie unsere Leser sich erinnern werden, hatte
Herr Otto H e n tz e, Mitglied der Antisemiten-Liga, gemeinsam
mit Herrn Wilhelm Marr eine Zeitschrift betitelt „Die
Deutsche Wacht" herausgegeben. Auf dem Umschlag des
achten Heftes dieses Blattes, das das Organ der Antisemiten-
Liga sein sollte, finden wir nun folgende Erklärung: „Herr
Wilh. Marr ist seit einiger Zeit bemüht, über die Redaction
dieser Monatsschrift und deren Verleger Verdächtigungen und
Unwahrheiten über den Grund seiner Entfernung von der
Redactiou zu verbreiten. Ich sehe mich deshalb veranlaßt.