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Feuilleton.
Mendel Schapiro.
Novelle von Elf«» Leivitt.
(Fortsetzung)
Der Alte auf dem Ehrensitz schüttelte den Kopf: „Was
will er? wer hat ihn gerufen? Mendel braucht ihn nicht!
Mendel hat ihn nicht gerufen!"
„Er kam vermuthlich aus Neugier," sagte die Mutter,
ein sanftes dürres Weiblein; „wer weiß, ob er überhaupt
einen Director kennt."
„Fast glaub' ich'S selber nicht," erwiderte Mendel, „der
Mann schien so haltlos!"
„Wer auf alles Geschwätz hören will, hat viel zu thun!
was redet Ihr noch immer von Geschäften?" murrte der Alte.
„Vielmehr ist er wohl gar selber der Director," begann
der Vater von neuem; „Mendel, es wäre doch bester gewesen,
Du hättest nicht gleich auf einmal alles verredet!"
Der Großvater warf Mendel einen hülfesuchenden Blick
zu. „WaS sprechen wir noch immer davon," sagte nun die¬
ser achselzuckend, „wenn Ihr den Mann gesehen hättet, Ihr
würdet seinen Worten nicht mehr Beachtung schenken, als ich
gethan habe; ich sage Euch ja. er war ein Schwätzer!"
„Kinder!" rief der Alte, „setzt Euch, Kinder, ich will
den Wein einschenken!" Er hatte bereits den weißen Kittel
und das Mützchen angethan und sah frischer und sauberer
aus, denn je. Wie er die Gläser füllte, wurden auf der
Treppe Fußtritte hörbar und eine dunkle Unmuthswolke über¬
schattete seine Stirn, als der Schwiegersohn plötzlich rief:
„WaS gebt Ihr mir, wenn er wiederkommt? Was gebt Ihr
mir, wenn es der Director selbst ist, was gebt Ihr mir?"
Da ging die Thür auf und auch Mendel fuhr zürück.
denn auf der Schwelle erschienen zwei Herren, von denen
der Eine allerdings der vielbesprochene Besitzer des Brillant»
ringer war. Inmitten eines peinlichen verlegenen Schwei¬
gen entschuldigte Herr Harburger diesen, wie er leider be¬
merkte, störenden Besuch, er habe gehofft, noch vor Beginn
des Fester zu kommen. Dann aber breitete sich ein trium-
Phirendes Lächeln über sein Gesicht und mit stolzbescheidener
Miene gab er sich die Ehre, seinem Freunde, dem Herrn
Operndirector, seinen Freund Herrn Schapiro vorzuftellen.
Der Director heftete seine scharfen Blicke prüfend auf
den Genannten. Mendel hatte sich erhoben, er dankte mit
höflicher Grazie für den kurzen Gruß.
ES war aber eine äußerst unbehagliche Atmosphäre, die
dieser breite fremde Mann mit hereinbrachte, das grade Gegen-
theil von dem festlichen Schimmer, der sich noch eben um
Tisch und Gäste gewoben, und als er, den Sitz ablehnend,
auf seinen Stock gestützt, mitten im Zimmer stehen blieb, und
trotz seines Selbstbewußtseins sich nicht enthalten konnte, neu¬
gierig auf die Tafel zu schauen, da kam Vögele das Stüb¬
chen plötzlich so eng und niedrig vor, das ihr ganz beklom¬
men zu Muthe ward. Am meisten fürchtete sie den Gro߬
vater anzusehen; der hatte in der Aufregung ein wenig Wein
verschüttet und starrte nun grollend auf den Flecken an seinem
schneeweißen Aermel, und dazwischen murrte er so etwas von
Goi und gestörtem Seider.
Erst ein Blick auf ihren Mann, der ganz ruhig und
gefaßt inmitten der allgemeinen Verlegenheit erschien, gab
auch ihr die Fassung wieder. „Ich habe auf den Wunsch
meines Bekannten," sagte der große Mann mit imponirender
Feierlichkeit, „heute Gelegenheit genommen. Sie singen zu hören,
Herr Schapiro, und kann sagen, oaß Sie mir gefallen haben,
recht sehr gefallen!"
„Sehen Sie, Theuerster!" schoß Harburger hinter dem
Director hervor, „was Hab' ich Ihnen gesagt in Bezug auf
die Kunstfreunde?"
Mendel schwieg, wahrscheinlich, weil er noch nichts zu
antworten fand. Der Director verwies Harburger durch
einen strengen Blick zur Ruhe, räusperte sich etwas und fuhr
dann majestätisch fort: „Sie können das aus dem Umstande
ersehen, daß ich sogleich und zwar in Person zu Ihnen ge¬
kommen bin!"
Der Schwiegervater wiegte sich aufgeregt hin und her,
schleuderte Mendel auffordernde Blicke zu und murmelte etwas
von großer Ehre und Freundlichkeit, während der Alte ver¬
nehmlich grollte: „Was sucht er sich immer die Festtage aus?"
Mendel schwieg noch immer. Da platzte der Director,
geärgert durcb die Unbeweglichkeit des Juden, ganz unver¬
mittelt hervor: „Mit einem Worte, ich bin entschlossen, Sie
für meine Bühne zu gewinnen.
„Sie sind entschloffen, Herr Director?" fragte nun
Mendel mit feinem Spott.
Der Director überhörte die Frage, aber er fuhr etwas
höflicher fort: „Erledigen wir zuerst die Hauptsache; ich kann
Ihnen glänzende Anerbietungen machen ; Sie haben eine seltne
Stimme, Sie werden daher seltene Erfolge sehen."
Vögele's Gesicht begann zu leuchten; sn preßte die Hände
zusammen und sah bald auf Stendel, bald auf ihr Kind; ihr
Vater drohte im Uebermaß seiner Aufregung mit dem Stuhle
umzufallen, so heftig schwankte derselbe hin und her und er
erstickte fast an den Worten, die er nicht sagen durfte.
Auch Mendels Züge hatten sich belebt: „Glauben Sie
das in der Thal?" fragte er fast unwillkürlich.
„Wer glaubt es nicht?" schrie nun Herr Harburger,
indem er hervor- und auf den ahnungslosen Großvater los-
stürzte, dann machte er dem verblüfften Patriarchen eine ent¬
schuldigende Verbeugung und pflanzte sich vor Mendel selber auf:
„Mann des Zweifels," rief er ihm in die Ohren, „sehen Sie
sich um in diesem glücklichen Kreise, wer glaubt es nicht?"
„Sie brauchen", fuhr indessen der Director durch seinen
scheinbaren Erfolg gekräftigt fort, „Ihre bisherige Tdätigkeit
— Sie haben jawohl etwas derart — Sie brauchen dieselbe
nicht sofort aufzugeben, falls Ihnen das nicht convenirt."
Mendel schüttelte lebhaft den Kopf.
„Gut, Gut," sagte der Director begütigend; „nicht so¬
gleich, aber vielleicht in drei Monaten; Harburger sagt mir,
daß Sie musikalisch gebildet sind; Ihr heutiger Vortrag
berechtigt mich zu der Annahme, daß Sie nach einem Jahre
bereits werden austreten können. Ich bin bereit, die Kosten
für Ihre Ausbildung zu tragen und verpflichte mich ferner.
Ihnen eine schriftliche Erklärung zu geben, oaß ich Sie nach
einem Jahre mit 200 Thlr. monatlicher Gage an meiner
Bühne anzustellen bereit bin."
Da konnte sich der Schwiegervater nicht länger halten:
„Macht 7200 M xer anno." schrie er; „es ist nicht wahr,
bei meinem Leben, es ist nicht wahr!" :
„Es ist wahr!" rief Harburger, ihn feurig umarmend,
„haben Sie gehört, schöne Frau, haben Sie gehört, glücklicher
Mann? 7200 M. für das erste Jahr und wieviel für das
zweite und dritte und vierte?"
„Bei Ihren Gaben," sagte der Director huldreich und
sah sich wie ein himmlischer Abgesandter in dem beglückten
Familienkreise um, „werden Sie dazu kommen, Herr Scha-
piro, eine solche Einnahme durch wenige, ja durch eine einzige
Gastrolle zu erzielen, aber es scheint mir, daß eS nun an
Ihnen wäre."
Mendel hatte sich in den freudestrahlenden Augen seines
jungen Weibes verloren; nun fuhr er wie aus einem Traum
erwachend empor.
Seine Miene war zerstreut. „Wie denn? was denn?
ein Sänger und Schauspieler?"
„Der erste Sänger der Welt!" bekräftigte Harburger.
„7200 Mark", schrie der Schwiegervater.
„Was will er? Was stört er den Seider mit Geschäft?"
wehklagte der Alte.
Nur eine Stimme seufzte leise: „Mein Tochtermann ein
Komödiant? ein Gaukler und Spieler vor den Leuten?"
(Das Schlußkapitel im nächsten Jabrgang.)
Lerantworltrcher Rrdacteur vr. Rah me r in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Bardy. Vertag von Robert Friese in Leipzig.