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Ehrfurcht vor langweiligen Büchern gar nicht einmal
wagt, es einzugestehen.*)
5) Anti-Stöcker. Offener Brief von Dr. Lef-
sohn. Berlin. Schildberger. 16 S.
Diese Broschüre ist in ihrem Stil und in ihrer
Haltung der gerade Gegensatz zur Stern’schen. Ist jene,
wenn ich mir das triviale Gleichniss gestatten darf, nur
derbe solide Kost ohne jede Zuthat, so ist die des Herrn
Lefsohn nur Sauce, aber so schmackhaft, dass man sie
mit Lust hinunterschlürft, und wenn man fertig i-st, nun
so ist man freilich nicht satt geworden, aber der Gau-
men hat einen angenehmen Reiz empfunden. Herr
Lefsohn hat ein recht frisches und lustiges Büchlein ge-
schrieben; die Judenhetze hat ihn nicht tragisch ge-
stimmt und er hat sie auch nicht tragisch behandelt.
6) Ein Wort an Herrn v. Treitschke von
Dr. L. Glück, Landrabbiner in Oldenburg. 16 S.
Ref. hat die Erfahrung gemacht, dass Streitschriften,
die an einem Orte, wo sie erscheinen und wo man den
Autor persönlich kennt, ein ausserordentliches Aufsehen
erregt haben, doch nicht so weit gedrungen sind, als
sie es nach ihrem Werthe verdienten. Ich glaube kaum,
dass die Schriften eines Graetz und Joel, so mächtig
ihre Wirkung in Breslau und vielleicht überhaupt im
deutschen Osten gewesen ist, in die entlegenen Marken
der Nordseeküste gekommen sind. Aber aller Orten
waltet das Vorurthel, darum ist es gut, dass allerorten
sich Männer erheben, wehrhafte Männer, um es zu be-
kämpfen. Wir begrüssen sonach den Brief des Herrn
Landrabbiner Glück, weil wir ihn für wohlgeeignet
halten, den Judenhass niederzuhalten, zu entwaffnen.
Die Sprache ist warm und edel, energisch weist er den
Vorwurf zurück, dass wir Fremde sind im deutschen
Lande; es ehrt den Autor, dass er mit Lebhaftigkeit
und Sachkenntniss seinen Lehrer Graetz gegen die An-
griffe Treitschke’s vertheidigt. Nur da, wo Glück
angreifend vorgeht und davou redet, dass das ״unge-
zügelte Herrschgelüste dieser oder jener Kirchenbehörde
das Wahlrecht der Gemeinden missachtet (Horsbach,
Schramm) und ihnen Seelsorger aufzwingen will,“ war
seine Polemik nicht ganz nach unserm Sinn. Z.
7) Oppenheimer, Moses. Offener Brief an Herrn
Adolf Stöcker. II. Aufl. Mannheim. Selbstverlag.
Der Herr Verf. des vorliegenden ״Briefes“ stellt
sich Herrn Stöcker und den Lesern gleich Anfangs als
Social-Democrat vor, und ich kann nicht leugnen, dass
ihm mir gegenüber das nicht eben zur Empfehlung
gereicht hat, ja, dass ich deshalb mit einer gewissen
Reserve an die Lectüre seines Briefes herangetreten
bin. Nachdem ich sie aber beendet, stehe ich nicht an,
das kleine Schriftchen zu den besten zu zählen, was
mir in der ,,Stöckerfrage“ bislang zu Gesicht gekommen.
Es ist durchweg frisch, derb und logisch geschrieben,
trefflich stylisirt, so sachlich gehalten, als die Materie
es zulässt, und zeichnet sich vor vielen ähnlichen auch
dadurch vortheilhaft aus, dass es sich auf die Hauptsache
zu beschränken und zur rechten Zeit zu — enden weiss.
Ich weiss das nette kleine Opus nicht besser zu empfehlen,
als wenn ich als theilweisen Belag des Gesagten zwei
*) Wir können dem gesch. Recensenten in der Beurtheilnng
des Stern’schen Buches nicht folgen. Die ״Lehrsätze“ schreiten
allerdings in etwas schwerfälliger Rüstung einher, allein das Buch
will ja weniger eine Vertheidigungs- als vielmehr eine Wi-
derlegungsschrift sein, darum war Ausführlichkeit der
Beweisführung nöthig, selbst auf die Gefahr hin, demjkun di gen
jüd. Leser Bekanntes zu sagen. (Red.)
Stellen desselben hierherstelle. Dem Vorschläge Stöckers,
die Juden zur Wiederauswanderung zu veranlassen,
entgegnet Oppenheimer:
״Sie erklären die Juden für ein verderbenbringen-
des Element, das in den christlichen Staat nicht passe,
für fremde Eindringlinge, welche man zur Wiederaus-
Wanderung veranlassen müsse. Diesen deutschen Boden,
welchen Sie uns absprechen wollen, haben unsere Vor-
eitern seit mehr als zehn Jahrhunderten bewohnt, sie
haben ihn gedüngt mit dem Blute der Märtyrer, welche
unter den Streichen der religiös fänatisirten Pöbelmassen
verbluteten, mit der Asche der Männer, Weiber und
Kinder, welche auf Scheiterhaufen und in brennenden
Synagogen zu Tausenden dahingemordet wurden. Dieser
deutsche Boden, welcher so viel ungerecht vergossenes
Blut getrunken, ist uns schon um der Gräber unserer
Ahnen willen heilig, er ist uns zur zweiten Heimath
geworden, aus welcher Sie und Ihresgleichen uns ver-
gebens fortzuweisen versuchen. Wir haben unser
Heimathrecht voll und ganz bezahlt mit den grossen
Männern, welche wir auf allen Gebieten der deutschen
Kunst und Wissenschaft gestellt, wir haben es bezahlt
mit den Leichen aller Söhne und Brüder, welche
auf so vielen Schlachtfeldern für die Vertheidigung
der deutschen Fahne gefallen sind.“ etc. etc. —
Ferner: ״Wenn Sie von mir, dem geächteten So-
cialisten, einen Rath annehmen wollten, ich wüsste
Ihnen ein besseres Wirkungsfeld, ich könnte Ihnen einen
Weinberg nach weisen, in dessen Furchen noch viele
Arbeit der treuen, wartenden Hände entgegenharrt.
Steigen Sie einmal herab von den Höhen der Gesell-
schaft in die Höhlen der Noth und des Lasters, deren
die moderne Weltstadt Berlin so unendlich viele zählt,
Hier ist für wahre und humane Herzen, für Christen
im echten Sinne des Nazareners noch eine solche Fülle
von Aufgaben, dass auch das thatendurstigste Gemüth
sich nicht an ihnen erschöpfen kann. Hier bietet sich
Ihnen eine Rolle, wie sie zu Ihrer Stellung, zu Ihrem
Kleide sich besser schickt. Und wenn Sie ein Jahr-
zehent auf diesem Boden mit dem Ihnea eigenthüm-
liehen Feuer gearbeitet, wenn inzwischen andere Zeiten
angebrochen, andere freiere Anschauungen auch mir die
volle Meinungsäusserung gestatten, dann, Herr Hofpre-
diger, werde ich gerne mit Ihnen auch über jene Punkte
mich auseinandersetzen, welche ich heute nur andeu-
tungsweise zu streifen vermag. Auf eine Fortsetzung
der Judenhetze werden Sie dann aber aus eigener Er-
kenntniss freiwillig verzichtet haben.“
Es mag der etwas kecke Ton vielleicht nicht nach
Jedermanns Geschmack sein. Wen aber muthete er
nicht tausendmal wohler an, als jene salbungsvolle Dul-
dermiene, mit welcher fast alle Mitarbeiter und Ge-
sinnungsgenossen des Herrn Adressaten itn Gewände
der Demuth und Liebe das Unbilligste und Grausamste
uns zumuthen ? M. Wbg.
Auf den
Tod
Adolphe Cr^mleux’•
ופשט בגדי הדדים"
"כי;מות א ה ר ך נחרץ
אל תראו.על האבנים*
לא ז עלה;עליו הךןרץ׳
. ז עשה לוי בנפלם,
כךם־;ה לא נפרץ,
וראשו מגיע השמים*
• T T ** - • -
סלם מצב 7 אךץ,
ויפגע שם מחנים*
• T - T “ * *
בסוד,קדושים נ?גךץי
Leipzig.
Fabius Mieses.
Verantwortlicker Redacteur Dr. Rahuer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barty. Verlag von Robert Friese in Leipzig.