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scher Einfachheit und Gefühlsinnigkeit dastehende jüd.
Familienleben aus der Zeiten Strom gerettet und
als wichtiges Bindeglied in den Deutschthurn und Ju-
denthum zu überbrücken bestimmten Lebensbau eingefügt
zu werden? Wenn es wahr sein sollte — so ruft B.
in weiterblickendem Patriotismus aus — dass die Juden
zu gewissen Thätigkeiten mehr Anlagen hätten, als die
Germanen, so sollten die letzteren, statt darüber Eifer-
sucht zu empfinden, des Rathes, den Göthe giebt, ein-
gedenk sein:
Seh’ ich an Andern grosse Eigenschaften,
Und wollen die an mir auch haften,
So werde ich sie in Liebe pflegen.
Geht’s nicht, so thue ich was Andres dagegen.
Leben nicht seit den Stürmen der deutschen Reformation
Deutsche in Russland, und gediehen nicht auch sie durch
Geschicklichkeit, Fleiss und Massigkeit? So gewiss nun
der Erwerb und die Thätigkeit der in Russland ange-
siedelten Deutschen der russischen Cultur im Ganzen
zugute kommt, so gewiss gereicht die geistige und wirth-
schaftliche Arbeit der deutschen Juden dem deutschen
Staate zum Vortheil. S. 196. Vollzieht sich neben dem
socialen auch ein geistiger Verschmelzungsprocess zwi-
sehen Deutschthum mit dem Judenthum, oder giebt es
eine rein germanische, von dem Eindringen fremder
Elemente durchaus freigebliebene Cultur? Es dient
gewiss zur Klärung der jetzt wieder einmal verworrenen
Begriffe von Cultur, wenn L.Bamberger, wie zur Ant-
wort auf vorstehende Frage, daran erinnert, dass die
germanische Gesammtbildung sich darstellt als eine
Cultur, in welche neben biblischer Religion und Moral
die classische Weltanschauung, die römisch-rechtlichen
und römisch-staatlichen Begriffe und Institutionen,
hellenische, romanische und englische Poesie und Lite-
ratur, italienische Kunst und Musik, französischer Ge-
sehmack und Gesellschaftston sich in breiten Strömen
ergossen haben. Er hätte in Bezug auf die geistigen Wech-
selbeziehungen zwischen den beiden uns hier näher inter-
essirenden Factoren, Deutschthum und Judenthum, getrost
noch hinzufügen können, dass die deutsche Rational-
literatur von den Bildern und Redewendungen biblischer
Autoren, die doch auch biblischen Geist hegen, wie
durchtränkt erscheint. ״Reine Cultur“ — so fährt L.
Bamberger fort — ״hat kein Volk, und die cultivirte-
sten haben sie am wenigsten. Cultur sei genau das
Gegentheil gradliniger Fortzeugung eines einzigen Volks-
geistes, und deutsche Cultur stehe darum so hoch, weil
sie so viel in sich aufzunehmen und zu verarbeiten
vermochte.“ So weit L. Bamberger’s Betrachtung. Dar-
nach darf man wohl die Hoffnung aussprechen, dass
gerade die fortschreitende germanische Bildung
und Gesittung, wozu ja nach Vorstehendem auch ein
stetiges Weitergreifen in der geistigen gegenseitigen
Durchdringung von Deutschthum und Judenthum ge-
hört, die erbliche Antipathie gegen Juden selbst auch
in Kreisen, wo sie heute noch herrschend ist, über-
winden werde. T ..... 1.
Samaritanisclie Aphorismen.
Von Jos. Loewy in Gr.-Kanischa.
Hauptmomente, welche das Samaritanerthum cha-
rakterisiren, sind: a) die Heilighaltung des Berges Ge-
risim. als des Ortes, welchen Moses (V. 12,5) als Opferstätte
andeutete (ibid. 27, 4—5 fälschlich Ebal) und bestimmte,
wo Josua thatsächlich einen Altar errichtete (Jos. 8, 30),
und auf welchem die Bekenner noch heute die Passah-
lämmer schlachten; b) die apokryphische Behandlung
aller prophetischen Bücher; c) ihre angebliche Ab-
stammung von Josef Sohn Jacobs (s. Br. Rabba 94);
d) ihr abweichendes Kalenderwesen; e) der ihnen (zwar
irrthümlich) zur Last gelegte Taubencultus u. a. m. —
Wir haben nicht die Absicht, die breitgetretene Ge-
schichte der Samaritaner hier aufzuwärmen, sondern
beschränken uns auf einige Bemerkungen zu den
berührten Momenten:
a) Gerisim. Alle Nachrichten, die aus samari-
tanischen Quellen und aus dem Munde der Orientreisen-
den geflossen, besprechen das antike Pentateuch, weiches
der Urenkel des Hohenpriester Ahron geschrieben haben
soll. Nun berichtet Dr. Orelli, Prof, in Basel, dass diese
autographische Anmerkung: ״ Ich Abischa, Sohn des
Pinhas, Sohn Eliasers, Sohn Ahrons, schrieb dieses Buch
im Thor der Stiftshütte auf dem Berge Gerisim im 13.
Jahre nach dem Einzuge in Kanaan“ nach dem 6.
Vers des 5. Capitels im V. Buch Moses, also
nach אנכי eingefügt wäre (Jüd. Literbl. 1879 Nr. 52).
Soll dieser Bericht keinem Zweifel unterzogen werden,
so muss die Einschmuggelung an solch unpassenden Platz
auf einer schwerwiegenden Bedeutung beruhen. Irren
wir nicht, so dürfte diese Abnormität in der Heilighaltung
des Gerisim zu suchen sein, welcher sie vermittelst eines
Zusatzes zu dem Dekalog Ausdruck geben. Dieses
elfte Gebot lautet: ״ So ihr nach Kanaan kommt, richtet
einen Altar auf Gerisim u. s. w.“ wörtlich wie in Mos.
V. 27,4—8, nur dass sie Gerrisim mit Ebal vertauschen.
Dieser Anhang findet sich sowohl in ihrem ersten, als
in ihrem zweiten Dekaloge, und bildet ein elftes Gebot.
Um aber nicht gegen die עשרת הדברים zu verstossen,
muss das אנכי zurücktreten und blos Einleitung werden,
was die unterbrechende Autorgraphie und die Autorität
des Schreibers bekräftigen soll.
b) Mit gleicher Consequenz erkennen sie Jerusalem
und die davidische Dynastie, dessen Gründerin nicht an,
und verwerfen als nothwendige Folge die prophetischen
Bücher, welche sowohl Jerusalem als David Theils ein-
setzen, Theils bestätigen,*) und überdies, da solche ihre
fremde Abstammung — also nicht von Joseph—histo-
risch nach weisen (Kön. II. 17, 24) Die letzten Pro-
pheten, und besonders die 12 kleinen, eifern zumeist
gegen den Stamm Ephraim, dessen Metropole eben Sichern
war, was ohne allen Zweifel auf die Samaritaner und
die durch sie verleiteten jüd. Reste abgezielt war.
c) Die Abstammung von Joseph. Dieser
Wahn scheint nicht sowohl auf der Lage Sichems im
Mittelpunkte Ephraims, wo auch die Gebeine Josephs
bestattet wurden (Josua 24.34) zu beruhen, als darauf, dass
Jacob seinem Sohn Joseph die Stadt Sichern geschenkt
habe. Während wir nämlich Mos. I. 48, 22: ״ Ich ;gebe
dir einen T h e i 1“ etc. etc (Onkelos: חילק ) übersetzen^
commentirtder samaritanischeTargum: ואנא יהבת לך שכם
wie sich Jonathan deutlicher קרהא דשכם ausdrückt.
Ebenso scheint ihre Umbildung des Wortes הורי (Ahnen)
Mos. I. 49, 25 in הרי (Berge) nicht wie Dr. Ad. Brüll**)
(II. Theil seines Sam. Targum S. 33) meint, nicht blos
um Gerisim zu verherrlichen, sondern vielmehr, weil
dieser Segen den Ahnherrn Joseph angeht, welchen
sie mit dem Gerisim gern in Verbindung sehen. Nach
Jer. A. Sara 3, 2 galten die Fiisse Jacobs und Josephs
den Samaritanern als Idole.
d) Der Kalender. Bekanntlich ist der samar.
Kalender, und somit auch die darauf basirenden Feier-
tage von unseren verschieden. Dieser Trotz genügte
ihnen nicht, sondern sie ersannen tückische Kunstgriffe,
*) Auf diese saraarit. Opposition führen Einige bekanntlich den
Ursprung der H a p h t a r a im Cultus zurück, durchweiche die Gleich-
werthigkeit der prophet. Bücher mit dem Pentateuch documentirt und
(besonders auch in den Eulogien) die bevorzugte Stellung Jerusalem-
Zijons und der davidischen Dynastie hervorgehoben wurde. (Red.)
**) Derselbe (S. 38) finden unter anderen ״ Eigenthümlithkeiten“,
dass der A Codex די mit בניאס übersetzt. Wir finden es ganz
richtig, nur ist das Wort corrumpirt und soll heissen: ״ Paneas“,
wo der Jordan entspringt; seitHerodes: Caesarea Philippi. (Vgl.
Bechoroth 55a.)