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Jüdische Literaturblatt
Zur Beleuchtung aller Joden•
tham and Juden betreffenden
literarisch. Erscheinungen anf
dem Gebiete der Philosophie,
Geschichte,Ethnographie,The•
ologle.Orientalia, Exegese, Ho-
miletik, Litnrgik, Pädagogik.
He 1 ־ausge״eben
Bwbbiner Dr. Moritz Knhiner.
Magdeburg:, 11. August lsiSO.
Bücher der einschlägigen Li•
teratar, welche der Redaction
zagesandt werden, finden in
diesemBlatte eingeh.Besprech•
ang. BeiEinsendang von zwei
Recensionsexemplaren erfolgt
auch Erwähn. L d.Wocheaschr.
Das ״Jüdische Iilteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in
Lei pzig bei Robert Friese) pro Jahrgang :8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (di e vierteljährlich bei allen Postanstalten
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Jfe Co., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris.
Inhalt:
Wissenschaftliche Aufsätze: Geschichte des hebräischen
Buchstabens Thaw ( ת )- Ein Beitrag zur Urgeschichte Jdes
christlichen Kreuz-Symboles. Von H. K. — Ueber semitische
Philologie. — Zur Deutung der Partikel אה •
Literaturbericht: Recensionen: Wuensche, Dr. August. Der
Jerusalemische Talmud in seinen hagadischen Bestandteilen.
— Joel, Dr. M. Blicke in die Religionsgeschichte zu Anfang
des zweiten christlichen Jahrhunderts.
Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet.
Geschichte des hehr. Buchstaben Thaw (/ ף )•
Ein Beitrag cur Urgeschichte des christliches Krew-Sjmboles.
Von H K.
(Schluss.)
Dass eine solche Einrichtung in der ersten Gesell-
schaft bestand, ersieht man aus I. Mos. Kap. 4 V. 15
ff., wenn man logiseh folgert, dass die heilige Schrift
nur bildlich auf Gott Züge überträgt, wie sie aus den
Zuständen der Gesellschaft entnommen sind (ähnlich
Hiob 1,6). Diese primitive Einrichtung, einmal zur Sitte
gestempelt, erhielt sich in einzelnen Fällen sehr lange,
selbst dann, als die Schrift bereits erfunden und die ganze
Basis der Gesellschaft eine andere geworden war. Die-
ses ersieht man aus der Stelle •lech. 9, 4, wo das Zeichen
ת noch immer als ein lebenerhaltendes und für diesmal
mit guter Beziehung in Anwendung gebracht wird.
Diese Doppelseite im Charakter des Thaw, seine hei-
ligende und entehrende, seine erhaltende und vernich-
tende Kraft, ist schon den Talmudisten aufgefallen, und
sie nehmen an, dass dieser Buchstabe zu verschiedenem
Zwecke bald mit Dinte, bald mit Blut geschrieben
wurde (Talmud Sabbat 55.) Ein anderer Lehrer
wirft ebenfalls dieselbe Frage auf mit dem Hinzufügen:
,,Warum gerade ein Thaw ?* Raw giebt ihm zur Ant-
wort: ״ es giebt ein Thaw des Lebens, תיו של תחיה ? und
ein Thaw des Todes, 5 תיו של תמותה * da diese beiden
Wörter im Hebräischen mit Thaw anfangen.
Wir werden den Sinn dieser Erklärung näher begrei-
fen, wenn wir, im Anschluss an das Gesagte, die Verwen-
düng des Thaw oder Kreuzeszeichens in der ältesten
Geschichte etwas weiter noch verfolgen. Als die Gesell-
schalt fortschritt und schon die Schrift erfunden hatte,
blieb doch noch dieses formlose Zeichen -j- in seiner
vollen Bedeutung. Die Schrift, und besonders in der
alten Form der Hieroglyphen, konnte für die ersten Zeiten
nur das Vorrecht sein einer gelehrten Zunft ( .חרטומים
מכשפים ׳כשדים ), während für andere Berufsklassen die
Kenntniss der Schrift ein verschlossenes Gebiet blieb.
Und selbst die alten Könige und Helden hatten nicht
Zeit noch Müsse, sich mit dem Schreiben zu befassen.
Dafür hielten sich die Könige einen Schreiber, dem sie
ihren Willen dietirten (II. Chr. 2, 10). Auch waren
die Könige entweder selber Richter, oder in peinlichen
Fällen hing die letzte Entscheidunvon ihrer Bestäti-
gung ab. Wurde nun ein Urtheil vom Gerichtshof aus-
gefertigt, so war das nur ein leeres Blatt, bis es von
dem Fürsten selbst sanctionirt wurde. Dieser setzte
nun, aus Mangel an Schreibkenntniss, ein -f- darunter,
wodurch das Dokument erst seine volle Bedeutung er-
hielt. (Vergl. Hiob 31,35: ״ Der Ausdruck: תוי , Unter-
schrift, sagt Gesenius, schliesst ordentliche Schriftzüge
aus und bedeutet das blosse Handzeichen eines des
Schreibens Unkundigen, also Kreuze etc.) Je nachdem
nun dieses -{- unter ein verdammendes oder freispre-
chendes Urtheil gesetzt wurde, bekam es die Bedeu-
tung des Todes oder des Lebens (Bis auf den heutigen
Tag hat sieh auch dieses -f- erhalten, und wird überall
an Stelle einer fehlenden Unterschrift gesetzt)
Bedeutender noch als im juridischen Leben ist die
Rolle, die das -f- in der Religionsgeschichte gespielt
hat. Schon in den ältesten Zeiten kam die Menschheit
auf die Idee, aus Dankbarkeit für die empfangenen
Gaben einen Theil derselben in das Haus des Ewigen
als Opfer abzutragen. Mit der Idee des Dankesopfers
verknüpfte sich bald die Lehre der Versöhnung und
des stellvertretenden Opfertodes Der Mensch wurde
mit seinem Besitze identificirt und durch Hingabe eines
Theiles seines Besitzes gab man quasi einen Theil seines
Lebens hin Auf diese Weise wollte man die Schuld des
Lebens im Allgemeinen und die Sühne für die Sünden
irn Besonderen ausgleichen. Zu diesem stell vertreten-
den Opfer wurde nun neben anderen Thieren haupt-
sächlich das Schaf gewählt — dieses Bild der Unschuld
und des geduldigen Leidens. Das Opferwesen wurde
dann von religionswegen regelmässig geordnet und fest-
gesetzt, dass je das zehnte Schaf (oder Rind) einer Heerde
für den Tempel abgesondert werden sollte. Die Aus-
wähl der Thiere geschah aber nicht nach eigenem
Willen, sondern man überliess es gleichsam dem Schick-
sal, die Opferthiere zu bestimmen. Man liess die Heerde
aus dem Stalle einzeln hinaus und immer das Zehnte
bekam mit einer in Farbe getauchten Ruthe ein Zei-
chen auf den Rücken und wurde so zum Opfer abge-
sondert (Levit. 27,32 und Talmud Bechoroth 58). Dieses
Zeichen war wohl wieder kein anderes als das ursprüng-
liehe Thaw: -j-, dessen man sich damals in allen Fällen
bediente und welches noch heute die Landwirthe zur
Bezeichnung von determinirten Schafen in Anwendung
bringen. Dieses Lamm mit dem gebrochenen Zeichen
des Todes ant dem Rücken, sollte als Opfer die Sünden
tragen und die Sühne übernehmen. Es bekam nun den
Charakter eines geheiligten Lammes ( י (צא| קדשים und