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konnte als solches eine Zeit lang frei umhergehen, da in
Jerusalem immer ein bedeutender Vorrath solcher Läm-
mer sichbefand. (Jecli. 36, 38.) Diese symbolischen
Eigenschaften und Zeichen, mit denen das Opferlamm
versehen wurde, wurden auch durch eine besondere
Ideenassociation auf den Priester, welcher das Opfer
vollzog, übertragen. Auch er bekam den Charakter der
Weihe und der Heiligkeit. Aber noch mehr; er wurde
gleich dem Opfer!amrne gestrichen oder gesalbt, und
bekam davon den Namen: der gesalbte Priester
( הכהן המשיח ) (III. Mos. 4,3). Hier zwar geschah das
Streichen mit heiligem Oele, aber ebenfalls in der
Form des Kreuzes. Dieses ersieht man aus dem Tal-
mud (Kerisoth 5), wo gesagt wird: מושחין את המלכים
״ כמין נזר ואת הכהנים כמיץ כ׳ יונית Man salbte die Könige
mit die Könige mit dem Zeichen einer Krone und die
Priester mit einem griechischen X (Der Aruch erklärt
dieses Zeichen: אות יונית בתבנית ב' קוים עוברים זה על
זה באלכסון . Wie weit man den Gebrauch hatte, das
Opfer mit einem -J- zu streichen, ersieht man auch
daraus, dass sogar die Brote ( ל(חלות welche nur ate ׳
Speiseopfer gebracht wurden, mit demselben Zeichen
des Kreuzes gestrichen wurden. In Talmud Menachot
7,11 heisst es: כיצד מושחין את המנחות כמין כ׳ יונית .
Wie dann im Babyl. Exil die Idee des stel!vertreten-
den und sühnenden Opferlammes mit dem charakteri-
stischen Zeichen der Salbung ( משיח ) auf Israel über-
tragen wurde (Jes. 53,6—61,1; Jech. 36,38; Ps. 20, 7
u. a. m.), und welch eine Rolle diese Idee mit ihren
Symbolen dann weiter in der christlichen Religions-
geschichte spielte, dieses zu erörtern, behalten wir uns
für die Zukunft vor.
Ueber semitische Philologie.
Am 1. Juli hielt der Nachfolger Prof. v. Diestels
auf dem alttestamentlichen Lehrstuhl in Tübingen, Prof.
Dr. Kautzsch, seine akademische Antrittsrede in der
Aula der Universität über das Thema״ .־Ursprung und
Aufgaben der semitisehenPhilologie“ im Dienste
der Bibelforschung. Die alttestamentliche Wissenschaft,
führte der Redner aus, tlieilt mit den übrigen theologi-
sehen Disciplinen das Schicksal, dass sie genöthigt ist,
einen wichtigen Theil ihrer Kenntnisse aussertheologi-
sehen, für sich selbstständigen Wissenschaften, ihren
Hilfsdisciplinen, zu entnehmen. Sie ist wesentlich auf
die semitische Sprachwissenschaft angewiesen. Die
semitische Philologie selbst ist aber für sich eine nach
Bedeutung und Umfang so hervorragende Wissenschaft,
dass der alttestamentliche Theologe sich nicht selten vor
das gefährliche Dilemma gestellt sieht: entweder seine
Kraft vorwiegend der Theologie zuzuwenden und den
sprachwissenschaftlichen Unterbau nur den Resultaten
Anderer zu entnehmen, ohne selbst die Controle ihrer
Richtigkeit ausüben zu können, oder über vorwiegend
philologischen Studien seiner theologischen Aufgabe nicht
vollkommen gerecht zu werden. Von hier aus ging
Redner auf die Besprechung der ältesten Uebertragungen
des Alten Testaments ein. In erster Linie steht hier
die griechische, in Alexandrien entstandene Uebersetzung
der Septuaginta. Sie ist nach der Sage unter der Herr-
schaft der Ptolemäer durch 70 oder 72 aus Judäa geru-
fene gelehrte Juden unter göttlicher Inspiration angefertigt.
Uebrigens ist die Uebersetzung nur sehr allmählich ent-
standen und kann, da sie nicht eine wörtliche, sondern
eine vielfach freie und willkürliche, mehr den prakti-
sehen und religiösen als wissenschaftlichen Zwecken
dienende Uebertragung ist, auch zur Herstellung des
ursprünglichen hebräischen Textes nur wenig Dienste
leisten. Doch ist der Werth der einzelnen Bücher ver-
schieden. Während der Pentateuch verhältnissmässig
treuer übertragen ist, verfährt dagegen der Uebersetzer
des Buches Hiob sehr frei und das Buch Daniel ist so
schlecht übersetzt, dass an Stelle davon die Ueber-
Setzung des Theodotion eingefügt werden musste. Aehn-
lieh verhält es sich mit den sogen. Targumim, der
Uebertragung des Alten Testaments in die ”aramäische,
zur Zeit Christi unter den Juden gebräuchliche Sprache.
Sie sind im Verlaufe von fünf Jahrhunderten entstanden
und wollen viel mehr schwierige Stellen für den Ge-
brauch der Synagoge erklären und umschreiben, als dass
sie eine genaue Uebersetzung bieten. Eine andere Art
der Bibel forschung zeigt nun die etwa im Jahre 500
nach Christus aufkommende Massora. Sie verdankt
ihre Entstehung dem allmählichen Aussterben der miind-
liehen Ueberlieferung über das richtige Lesen des bisher
nur mit Consonanten geschriebenen Textes. Die Auf-
gäbe der Massorathen, d. h. eben der jüdischen Gelehrten
jener späteren Zeit (bis ca. 1000 n. Chr.), ist die schrift-
liehe Festhaltung der bisherigen mündlichen Tradition
über die Aussprache und Betonung des hebräischen
Textes. Ihr Werk ist das hebräische Vocal-und Accent-
System (Punktation). Ihr Hauptsitz ist Tiberias, obwohl
ein Streit darüber besteht, welcher der beiden Traditions-
herde, der palästinensische oder der babylonische, wel-
ehern letzteren das sogen, babylonische Punktationssystem
entstammt, das ursprüngliche sei.
In der heutigen semitischen Philologie ist nach des
Redners Urtheil noch manche Besserung zu wünschen.
Sie hat zwar in der Kenntniss der Formen eine ziem-
liehe Vollkommenheit erreicht, in der Syntax dagegen
hat sie noch mancherlei Schwierigkeiten und Vorur-
theile zu bekämpfen. Hierher gehört besonders die
immer noch nicht vollkommen ausgemerzfe Gewohnheit,
indogermanische Sprachgebilde in die semitische Gram-
matik zu übertragen. Das Semitische kennt keine drei
Zeiten (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft), sondern
nur 2 (Perfekt und Imperfekt) und keine drei Genera,
sondern 2 (Maskulinum und Femininum). Für die Theo-
logie nun wird die semitische Philologie fruchtbar ge-
macht, hauptsächlich in einer geförderten Lexicographie.
Sie hat, wie alle Begriffe einer Sprache, so auch die
für die Religionsgeschichte bedeutsamen, nach ihrem
wahren Gehalt herauszustellen. Dabei ist so viel wie
möglich auf die sinnliche Grundbedeutung zurückzugehen.
Das hebräische Wort ״Elohim“, Gott, wird weit besser,
als durch lange theologische Erörterungen, durch die
einfache Wahrnehmung erklärt, dass sein Wurzel wort
im Arabischen das furchtsame Anschmiegen des Kameels-
füllens an seine Mutter bedeutet, also den Begriff des
hilfesuchenden Schreckens enthält.
Zur Deutung der Partikel ] אך .
Nachum aus Gimso le ״ te bekanntlich allen in der
Thora vorkommenden את eine erweiternde Bedeutung
bei, desgleichen that auch Simon aus Emmaus. Als aber
letzterer bei dem Verse את ה' אלהיך תירא anlangte, hielt er
nicht nur inne, sondern zog alle früheren Interpretationen
in dem Bewusstsein zurück, dass hier das Schweigen
besser sei. Dem R Akiba blieb es Vorbehalten, unter
diesem את die ״ Männer der Wissenschaft‘ ־ zn involviren,
und auch auf diese, nebst Gott, die schuldige Ehrfurcht
zu erstrecken. (Chagiga 12a; Pessachim 22b). Hier
herrscht nun ein Dunkel, das der Lüftung wartet, warum
nicht auch Simon den Respekt auf den Geiehrtenstand
bezog, wie ja auch R. Elieser ben Samuel die Ehrfurcht
gegen den Lehrer der gegen den Himmel gleich stellte.
(Aboth 4, 12.) Wir glauben, dass Simon, der in der
Entstehungszeit der christl. Religion gelebt, sich scheute,
die Gottesfurcht auf Menschen auszudehnen, denn wem
*“׳o