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Aufgabe darnach zu trachten, in den Augen unseres
himmlischen Vaters wohlgefällig zu werden. Wie kön-
nen wir dies erlangen? ״ Weihet Euch, wenn Ihr ge-
rüstet sein wollt und erziehet, so Ihr aufrichtig nach
Weihe verlanget. Erziehung, Weihe, Rüstung, so lau-
tet der mächtige Dreiklang, der im Geiste der heiligen
Sprache aus dem Worte חנכה zu uns dringt.“
Der gegenwärtige Sturm braucht uns nicht zu
schrecken, er ist vielmehr der treueste Kundschaftbringer
des nahenden Frühlings. Wie dem Erwachen der Natur
aus tiefem Winterschlafe heftige Sturme vorausgehen,
so kündet uns das heftige Brausen die Lösung aus starren
Banden. Wohl hat ״ unsere Freiheit einen kalten Früh-
ling“, allein ״ um so sicherer, um so gedeihlicher wird
ihre Pflanzung erblühen“. Denn es ist der letzte Sturm,
das letzte Ankämpfen. — Es steht uns ein Sieg bevor,
der ״ Sieger wie Besiegte ehren“ wird; die Genugthuung,
die uns werden soll, wird ein Segen für die Gesittung
sein; wir werden Rache nehmen, wie sich der
Frühling am Winter rächt. Denn wie die Sonne
im Frühling allgemach den Widerstand der Erde über*
windet und die Stellen selbst, die ihr am längsten
trotzten mit Grün und Blumen überreicht, so schmelzt
der siegende Strahl der warmen Menschlichkeit das
Eis in den Herzen und weckt Saaten der Liebe unter
der Schneedecke des Hasses“ —
Mögen diese Worte des Friedens und der Versöh-
nung laut erschallen, weithin dringen, bei Allen, an die
sie gerichtet sind, Beherzigung finden, und als Segen
einer guten T h a t fortzeugend nur Gutes gebären. H. B.
III. Der Kampf Jacobs. 4 )
Diese Predigt reiht sich, Form und Inhalt anlan-
gend, würdig den eben besprochenen an Dasselbe
Thema wird wohl in diesem Jahre, an diesem Sab-
bath — פ׳ וישלח ? Interpellation Hänel — auf den mei-
sten jüd. Kanzeln behandelt worden 6ein. Wir wenig-
stens haben an demselben Sabbath nicht nur über
dasselbe Thema, sondern auch über denselben Text
( לדורון, לתפלה ולמלחמה ) gesprochen.
Wir geben aus der trefflich ausgeführten Rede des
gesch. Collegen hier einige Proben:
(S. 6.) ״ Wenn sie Israel den Vorwurf machen, dass es
Eigenthümliehkeiten besitze, die es unterscheiden von
der grossen Menge des Volkes, zu dem ganz und voll
zu gehören es vorgiebt; wenn sie behaupten, dass
Israel mehr Schacher und Wucher treibe als die Jan-
deren, wenn sie uns anklagen, dass wir trotz der
Gleichberechtigung uns nicht anschliessen mit voller
Brüderlichkeit, so wollen wir diese Anklagen trotz der
grellen Uebertreibung nicht einfach als Lügen zurück-
zu weisen, denn auch wir haben unsere Schatten, auch
in unserer Mitte giebt es Entweiher des Gottes- und
Menschennamens —, sondern antworten wollen wir wie
Jacob seinem Herrn Esau: ״ אם לבן גרתי bei Laban
habe ich geweilt!“ Blicket doch auf unsere Vergan-
genheit hin! Sehet Euch doch die Leute an, bei denen
wir weilten, mit denen wir leben mussten! Wie sie um
das Dasein uns betrogen! Wie sie als Sklaven uns
behandelt und aus der Sklaverei nur entliessen, um uns
zu heimathlosen Bettlern zu machen! Wie sie jede
ehrliche bürgerliche Beschäftigung uns untersagten!
Wie sie uns zum Schacher trieben und zum Wucher
zwangen, damit wir für sie schacherten und wucher-
ten, damit sie uns, wenn sie uns für fett genug hielten,
*) Predigt, gehalten am Tage der Hänel’ichen Interpellation
(Sonnabend, 20. November 1880) von Dr. P. Buch holz, Land-
rabbiner in Emden. Auf Verlangen dem Druck übergeben. Der
Reinertrag ist für die All. I8r. Univ. bestimmt. Etüden, ln Com-
obaissiön bei W. SAwalbe.
abschlachteten oder vertrieben, um unser Hab und Gu^*
unter sich zu theilen!“
(S. 12.) ״ Hat denn Israel etwas unversucht gelassen, um
den Hass zu besänftigen, um die Feindschaft in Frieden
zu wandeln? Geschenke hat es in Fülle gebracht, Gut
und Blut geopfert auf dem Altäre des Vaterlandes und,
seitdem die Sklavenfessel ihm abgenommen ward, ist
es hinausgetreten auf die Kampf- und Ringplätze des
Öffentlichen Lebens und hat mitgearbeitet an allen
idealen und materiellen Gütern des Vaterlandes und
geholfen, sie zu mehren! Und dennoch das alte Lied
und das alte Leid!
(S. 13.) ״ Darum hoffen wir auch nichts von Erklärungen
und Debatten. Wir sind dankbar für die gute Meinung,
an der wir nie gezweifelt haben, aber wir halten es
für einen schweren Fehlgriff, auf diese Weise uns zu
Hülfe zu kommen, indem man die Ausgeburt des finster-
sten Hasses gegen Juden und Judenthum an der höchsten
und erlauchtesten Stätte der Oeffentliehkeit in unserem
Vaterlande zum Gegenstände der Verhandlungen macht
und uns so vor den Augen der ganzen Welt als Ange-
klagte hinstellt! Werden wir auch freigesprochen,
unsere Feinde werden uns immer die Angeklagten
nennen!" ״ Die hundertmal widerlegten Verläumdungen
werden und — wie einmal die Natur der Menschen ist,
begierigere Auffassung finden als die Vertheidigung und
Rechtfertigung ״ Es bleibt Etwas hängen!“ sagt ein
altes Sprichwort und unsere Feinde werden dafür sorgen,
dass Viel, nur Allzuviel hängen bleiben wird! Und
die Antwort, die herausgefordert wird ? K ü h 1 bis an’s
Herz hinan wi* ־ d sie den Rechtsstandpunkt wahren und
erklären, dass zu Befürchtiyyen gar keine Veranlassung
vorliegt.“
Wir geben nur noch den erhebenden Schluss:
״ Man hat Israel einen Virtuosen der Hoff-
nung genannt, weil es in den traurigsten Lagen, unter
den misslichsten Verhältnissen zu hoffen nicht aufgehört
hat. Diesen Namen wollen wir uns auch in dieser
trüben Zeit nicht rauben lassen! Ist doch unsere Hoff
nung keine selbstsüchtige, nicht blos die Hoffnung
Israels, sondern der gesammten Menschheit! Wenn
Israel leidet, dann — so lehrt die Geschichte — dann
krankt die ganze Welt. In diesem Sinne ist Israel
dar Herz der Welt, und man wundert sich über seine
Empfindlichkeit? — Zu allen Zeiten der Finsterniss, des
Rückschritts, des Aberglaubens war Israel in Schmach
und Elend, in Noth und Gefahr. Darum ist Israels
Hoffnung die Hoffnung Aller, welche den Sieg des
Lichts und der Humanität ersehnen.“
Es bewahrheitet sich in dieser Predigt so recht das
חכם עדיף מנביא . Es war übrigens leicht, in dieser Frage
zum Propheten zu werden. Dass der Reinertrag den
in der Judendebatte hart mitgenommenen ״ Alliance‘
gewidmet ist, dürfte für Viele ein Sporn mehr sein
sie zu kaufen. Sie kostet nur 50 Pf. R.
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