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m 1_L Jüdisches
t i r KԤlnt/
3nr llittrrtfflltung n. Ktlehrung für die israelitische Jugend.
Inhalt
Tic 'Kutter bcs nolbcncu von Or. I. G o lösch m i dt-Weilburg. — Judith oder das Perlenhalsband. Grznliluna.
<Fortsetzung',. — Jüdische Silhouetten aus Galizien. Von Nathan Samuel». XVII. Zwei Denkmiiler. — Allerlei l»r den
Familientisch: Weihnacht und Neujahr. — Anfrage. — Aus Ruhland. — Horadno. — Auch eine „Morene". — Uns dem
Spruchschah des Talmud. - Räthfcl-Aufgabcu und Räthsel-Löjungcn.
Die Mutter des goldne» Kalbes.
>Zu Parfchan Poro und sidra Xi Szisso. 1 )
Auf Sc» Sinai Moses war gegangen,
Die Gesetzestafeln z« erlangen.
Vierzig Tage war er dort geblieben,
Und das Volk, von Unrrilic getrieben,
Daß dem Moses Nnglüek widerfahre»
Sprach zu Ahron in erregte» Schaarcn:
„Mach nns einen Gott, der vor uns wandlc,
Der, da Moses fort ist, für »ns handle"!
Ahro» könnt' nicht widersteh» der Bande,
Und so kam das „goldnc .st alb" zu Stande. —
Aber Moses kam vom Berg hernieder.
Und er sah die stnnvcrwirrtcii Brüder,
stühne» Muthcs, ohne viel Nmstände,
Macht dem „goldneu stalbc" er ei» Ende.
Und der Herr, er sprach daraus z» Mose:
Nimm zur Sühne eine fehlerlose
„Rothe stnh", die noch kein Joch geduldet,
Daß fic trage, was das stald verschuldet!
Sic verbrenne, den» des st i n d c s Sünden
Durch die Mutter ihre Sühne finden!"-
„Goldnes stalb", d» giltst noch heut' nicht minder
Als der Gott der meiste» Menschenkinder!
Nicht bloß Jude» nehme» Theil am Tanze
Dir zur huld'gc», »ei», die Welt, die ganze;
Deine Mutter, wie einst i» der Wüste,
Ist auch heut' die . . . thier'sche Gier der Lüste,
Die stch gerne, jugendroth, ergötzet,
Die fich jedem Joche widersctzet. —
Wenn ihr wollt das „goldne Kalb" bezwinge»,
Müßt die Mutter ihr zum Opfer bringen,
Muß die Gier, die thierischc, erliegen,
Müßt ihr Glich, das eigne Herz, bcfiegen. —
Und auch, wie ihr führt den Kamps, den schweren,
Kann am besten Glich »och . . . . Moses lehren!
l)r. I. Goldfchmidt-Weilburg.
Judith, oder das Perlenhalsband.
Erzühlung aus dem russisch-jüdischen Leben.
Bon Eniilia P.r.
(Fortsetzung.)
„Nun, lieber Fürst, was bringen Sie?" fragte ihn der
Czar huldvoll.
„Ich bringe Etwas, in der That, Majestät," lächelte
Murawieff, und schon breitete er das herrliche Halsband vor
den Augen des Herrschers aus.
Czar Nicolaus war entzückt. Er prüfte es init Kenner¬
blicken und ward noch entzückter.
’) Bgl. Rasch! Anfang lkhukaß, IV. Moses lv,22. u. Tanchu ma z. St
„Der Preis, Fürst, der Preis, keiner soll mir zu hoch
sein, cs iit ein wahres Kabinctstück."
„400,000 Rubel, Majestät," lautete die prompt gegebene
Antwort.
Czar Nicolaus verzog keine Miene. Er ließ sogleich
seinen Adjutanten, den Grasen Dolgoruki, zu sich bescheiden,
der ihm eine Anweisung über obige Summe aussertigcn
mußte, die der Monarch zustimmend-nickend Unterzeichnete
und dem Fürsten überreichte.
„So lieber Fürst, und nun, wie kommt Ihr zu diesem
Schmuck?"
„Majestät", stotterte Murawieff, „es ist die» eine delicate
Angelegenheit, meine Gattin"-
Czar Nicolaus unterbrach ihn mit einer abwehrenden
Haudbeweguug. Er hatte wenig Zeit. Die innere und
äußere Politik, der Krieg mit der Türkei beschäftigten ihn
vollauf. Auch hatte er keinen Grund, Fürst Muralvieff zu
beargwöhnen.
„Ich verstehe, lieber Fürst. Ehren Sie das Geheimniß
Ihrer Geinahlin," sagte lächelnd der Monarch, „verrathen
Sie nichts von dem, was Sie aus Zartgefühl und Edeimuth
verschweigen wollen. Ich verzichte."
Fürst Murawieff wurde duukelroth aus zweierlei Ur¬
sache». Er erröthete aus Scham, da er sich seiner habsüchtig-
unedle» Regung bewußt, und wiederum vor Freude, daß die
unwillkürliche Bezugnahme auf seine Gattin, den Kaiser auf
eine falsche, ihm so günstige Fährte geleitet, jedem Argwohn
entrückt hatte. Mit warmen Worten dankte er dein hohen Herrn.
„Beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Fürst," lehnte der
Monarch freundlich ab.
In diesem Augenblick meldete der dienstthuende Kammer¬
herr das Nahen der Kaiserin.
„Sic kommt, wie gerufen," sagte der Czar.
Bei dem Anblick der Perlen brach die Kaiserin in ein
Helles, ungekünsteltes Entzücken aus. Grade Perlen liebte
sie so sehr und diese übertrafen an Schönheit alle in ihren:
Besitz befindlichen. Mit leuchtete» Augen dankte sie ihrem
hohen Gemahl und Murawieff.
Wenige Minuten später verließ dieser den kaiserlichen
Palast. Fast berauscht von dem überaus glücklichen Erfolg,
lehnte er sich in die Kissen seines Staatswagens zurück.
„Ja, ja, Kascha, das Glück ist uns günstig," murmelte
er dabei triumphirend und selbstzuftieden.
Die Erhebung der großen Summe war seine unmittel¬
barste That. Verschiedentliche Besuche, darunter einer auf
der Polizeipräfectur folgten dieser. Wozu? — — Fürst
Murawieff sah ein wenig bleich und angegriffen, selbst finster
aus, als er vor seinem Schlosse vorfuhr. Hastig stieg er die
Marmortreppeu hinan, eilte in sein Arbeits-Cabinet und
schloß sich daselbst ein. Stimmengemurinel und Waffen¬
geklirr schreckten ihn auf. Wie sonderbar, da er doch darauf
gelauscht! — Mit finsterer, starrer Entschlossenheit trat er
hinaus. Schon kam man ihm entgegen, ein Offizier und
einige Mannschaften. Militärisch begrüßte man sich.