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verklärten Lichte funkelt und leuchtet in den schlichten Worten:
„Moritz Gottlieb, selig sein Andenken!"
Moritz Gottlieb hat aber noch ein anderes Denkmal,
das er sich freilich bei Lebzeiten selber errichtet hat, aber
jenes zweite steht nicht so verlassen, wird nicht von den
Menschen so gemieden, wie das ans dem Krakauer jüdischen
Friedhöfe, sondern wird vielmehr von ihnen umringt, laut
bewundert und angestaunt.
Jenes zweite Denkmal ist in der Warschauer Bilder-
galleric zu sehen in der Gestalt eines großen goldamrahmten
Bildes, das sich „die Juden am Versöhnnngstage" nennt,
O, >vas für wunderbarer, Herz und Geist bezwingender
Zauber, ist über die Leinwand ausgcgossen?
Da stehen sie Kopf an Kops in der Synagoge gedrängt,
die betenden, weinenden und fastenden Juden, angckleidct
mit dem weißen Linnenkittcl, mit jenem Schlafgewandc, mit
welchem sic sich einst zur letzten Ruhe hin begeben, denn
heute ist heiliger Bersöhnungstag und sie söhnen sich nicht
blos mit Gott, sondern auch mit ihren Ncbenmenschen aus, mit
ihren Peinigern und Quälern, mit ihrem schrecklichen Geschicke,
ja, mit ihrem tausendjährigen Martyrerium.
Diese reumllthigcn Gestalten mit den lhränendurch-
weichtcn Gesichtern, wir sehen sie nicht blos aus diesem Bilde
lebendig vor uns, sondern wir glauben auch ihre Stimmen
zu hören, ihren welterschürternden Wehcruf, der bis zum
Throne Gottes cmpordringt. Wie ist alles hier lebenssatt,
greifbar, seclenvvll, jede Figur der Typus einer ganzen
Menschcnklasse.
Dort ein Greis mit schneeig herabwallendem Barte, der
sein fnrchenreiches Antlitz zum Himmel emporhält und die
Augen — ach, welche Andacht, welche Versöhnung, welche
ewige Liebe leuchtet aus diesen große», verklärten Augen!.,,
Dorr wieder hockt über ein vergilbtes, uraltes Gebet¬
buch, dem man cs ausieht, daß es schon die Thränen von
Jahrhunderten in sich eingesozen hat — ein bleicher Mann
mit welkem Barte und verwitterten Zügen, ein ausgebrannter
Vulkan, welchen die unendlichen Leiben verknöchert und ver¬
steinert haben, der nicht mehr lieben, nicht mehr hassen, nicht
mehr beten und nicht mehr lüstern kann — sondern mit
seinen leblosen Augen theilnahmslos vor sich in das vergilbte
Gebetbuch hinstarrt.
Ein anderer wieder, ein taubengrauer, edler Greis, sitzt
ebenfalls das Haupt auf die flache Hand gestützt, über ein
aufgeschlagciies Buch, doch schweifen seine große», offenen
Augen tuest über dasselbe hinweg und scheinen in einer
ganz anderen Welt zu weilen, in holden Jugenderinnerungen,
die ihm wieder lebendig werden, in süßen Träumen von
einstiger Liebe und Glückseligkeit,
Tiefer in dem Hintergrund sitzt ein Mann in den
mittleren Jahren, mit kalten, ruhigen, ganz leidenschaftslosen
Gesichtszügen — die reine verkörperte Praxis, Er — man
siehts ihm an — beschäftigt sich nicht mehr mit der Ver¬
gangenheit, in der ja ein für alle mal nichts mehr zu suchen
ist, sondern mit Gegenwart und Zukunft, für die er bei
Gott alles Gute erflehen will, und das ohne sich sonderlich
dabei auszuregen, sondern ruhig, gelassen und geschäftsmäßig,
Jndeß vergißt er auch nicht daran, daß er der Thüre gegen¬
über sitzt, wo er sich leicht eine Erkältung zuziehen könnte
und hat daher sorglich über den weißen Kittel die warme
„Raswulki*)" an. Aber als ehrsamer Vater vergißt er auch
nicht daran seinen Sohn, einen lebhaften Jungen, fest neben
sich zu halten und ihn mit dem Finger in das Gebetbuch
zu deuten, damit er Wort um Wort alles klar und deutlich
hersage und ja kein einziges Wörtchen überschluppe — nur
ehrlich und cvulant sein „was zu Gott ist zu Gott,"
Mitten unter allen diesen Leuten prunkt ein kleiner,
pausbackiger Junge in seinem neuen, schillernden Festgewande,
in dem er sich gar sehr zu gefallen scheint und in seinem
neuen, spitzen Sammtküppchen, das er gar kecklich aufzusetzen
*) Eine Art Ueberjietjcv.
verstand. Nichts hat er mit allen diesen Leuten gemein,
nichts von ihren Wünschen und Hoffen, _ sie sind für ihn
auch nicht vorhanden, er ist glücklich, er sieht und will auch
nichts anderes neben sich sehen, als nur seine schillernden,
prunkenden Festgewätidcr,
Aber neben diesem Bilde holder Naivctät und glücklicher
Selbstbegaffung drängt sich uns schon ein anderes Bild vor
Augen: ein junger Mann mit abgegrämtem Gesichte, der ganz
zerknirscht in dcmuthsvollem Gebete sich krümmt und windet
und die Hände zn Gott emporstreckt gleichsam wie ein Er¬
trinkender, der um Rettung flehet.
Von der Fraucngallerie lauschen durch seidene Gardinen
die schönen, weiblichen Gesichter hervor mit ihren großen
feuchten Rehaugen, manche unter ihnen noch zarte Knospen,
umflossen von dem erste« Hauche des Jugendlenzes, andere
wieder reizende, üppige, vollentwickelte Gestalten, das Haupt
mit juwelenbcsctzten Stirnbändern geziert, die bei aller An¬
dacht einen Zug von Koketterie und Eitelkeit nicht verleugnen
können. Im Hintergründe, mehr nur in nebligen Umrissen
siebt man manches alte runzlige Mütterchen das die be¬
brillten Augen tief ins breite Gebetbuch versenkt.
Durch das obere kreisförmige Fensterchen mit den bunten
Scheiben stiehlt sich die feierliche Abendsonne herein und
senkt sich mit ihrem verklärenden Golde auf eine Männer¬
gruppe nieder, die mittcu auf dem Almemor zu sehen ist,
den Bet-Talar geschultert und das Haupt mit dem „Streimel"
bedeckt hält einer — ein ehrwürdiger Greis — eine zusammen¬
gerollte Thora, die in 'ein seidenes Mäntelchen gehüllt ist,
hoch in seiner zitternden Hand empor, gleichsam wie ein
Siegespanicr, das er durch Ströme von Blut und Thränen
mit sich fvrtgetragen hat. Neben ihm, ja, fest an ihn ge¬
lehnt, steht ein schlanker bleicher Jüngling, in welchem der
Maler sich selber portraitirt, gehüllt in orientalische Gewan¬
dung, mit der rechten Hand sein Gesicht umschattend, aus
welchem zwei große mildverklärte träumerische Augen her¬
vorleuchten , senkt sich seine Linke hart neben der Thora
nieder, und da fällt unser Blick auf eine merkwürdige in
das Seidenmäntelchen der Thora eingcstickte, hebräische In¬
schrift, welche lautet: „Gespendet für das Seclenhei l
des dahi ngeschied enen Moritz Gottlieb, selig
s ein Andenken!
Das ist das Denkmal, welches jener Moritz Gottlieb
sich selber bei Lebzeiten errichtet hat, (Lchluß folgt.t
Allerlei siir den Familientisch.
Weihnacht nnd Uenjahr.
Das Januarheft der Monatsschrift „Vom Fels zum
Meer" enthält in einem Aufsatz von Moritz Lilie unter der
Ueberschrift: „Bedeutungsvolle Nächte" folgenden Passus, den
wir im Anschluß an die in diesem Blatte gebrachten Be¬
merkungen über das Verhültniß von Weihnachten zu Neu¬
jahr hier abdrucken:
„Es war ein Gebot der Klugheit, das die christliche
Kirche bewog, den Geburtstag des Heilandes, dessen wirk¬
liches Datum nie ermittelt worden ist, auf die
Weihnacht des heidnischen Jubelfestes zu verlegen. Die
religiösen Gebräuche waren so innig mit dem Volke ver¬
wachsen, daß die neue Lehre sie nicht auszurotten vermochte,
vielmehr viele derselben in sich aufnahm und in ihrem Sinne
deutete. Daher finden sich bei fast allen Festen der Christen¬
heit Anklänge an das Heidenthum; die reine, unverfälschte
Lehre Jesu war duldsam genug, um ihren neuen Bekennern
schonendes Betrachten der mit ihrem bisherigen Glauben
verbunden gewesenen äußeren Formen entgegen zn tragen
und ihnen dadurch den Religionswechsel zu erleichtern. Der
25. Dccembcr findet sich als Geburtstag Christi zuerst in
einem römischen Fest-Kalender vom Jahre 354, aber erst
durch ein Gesetz des Kaisers Justinian ward dieser Tag jtit
der gesammlen Christenheit als solcher allgemein eingeführt
und anerkannt,"