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trugen, veranlasst, gerade in der allerletzten Zeit bei einigen
hohen Centralstellen, unserem statutenmässigen Wirkungskreise ent¬
sprechend, Beschwerde einzulegen. Angesichts des Umstandes, dass
diese Begebenheiten nicht entgiltig geklärt sind, respective dass die ge¬
richtliche oder sonstige behördliche Durchführung dieser Angelegen¬
heiten noch nicht zum Abschluss gelangt ist, behalte ich mir vor, nach
Abwicklung derselben darauf zurückzukommen, nachdem der Vereins-
ausschuss es für seine Pflicht hält, die Mitglieder über seine Thätigkeit
stets im Laufenden zu erhalten.
Unsere Heimatsrechtsaction wird eifrig fortgesetzt, und wir sind
bisher für circa 800 Aufnahmsbewerber um die Verleihung der Zu¬
ständigkeit nach Wien eingeschritten.
Seit der letzten, am 14. December abgehaltenen Vereinsversammlung
sind der Union 150 Mitglieder zugewachsen, so dass sich unser Mit¬
gliederstand derzeit auf 4796 beläuft. (Beifall).
Ich darf mit Befriedigung constatieren, dass das Interesse
der österreichischen Judenschaft für die Bestrebungen
der „Union" unausgesetzt im Wachsen ist, und wir werden
unsere agitatorische Thätigkeit demnächst wieder mit aller Energie
aufnehmen.
Anlässlich der am 14. December erfolgten Inaugurierung des
diesjährigen Vortragscyklus habe ich mir erlaubt, darauf aufmerksam
zu machen, dass wir auch heuer bestrebt sind, Ihnen Gelegenheit zu
geben, Mittheilungen über die verschiedenartigsten Themata zu hören,
die für das Judentbuim von Interesse sind. Ebenso wie der Gegenstand
des letzten Vortrages, nämlich „Das galizische Massenelend", ein hin¬
sichtlich der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung höchst actuelles
war, ist es auch das heutige Thema: „Der jüdische Kaufmann und die
kaufmännische Ehre% da es uns nicht nur als Zeitgenossen lebhaft
tangiert, sondern auch bedeutsame cultur-geschichtliche Rückblicke
in sich schliesst.
Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald aus Hamburg, nebst seiner
beruflichen Gelehrsamkeit einer der grössten Kenner auf dem Gebiete
jüdischer Volkskunde, den ich als unseren heutigen Redner hier¬
mit auf das herzlichste begrüsse und dem ich vor allem unseren Dank
dafür abstatte, dass er unserem Rufe so bereitwillig Folge geleistet hat,
ist in unserer Stadt speciell für unsere Mitglieder kein Fremder, nach¬
dem letztere schon wiederholt Gelegenheit hatten, Vorträge, die
Dr. Grunwald hier mit so grossem Erfolge gehalten hat, zu hören.
Seine hervorragende Kenntnis des jüdischen Volksthums und der
Berufs-Auffassung bei Glaubensgenossen, ferner die Thatsache, dass er
als moderner Mensch ein scharfer Beobachter der Tagesereignisse ist
und mitten in einem ber grössten Handelsemporien wirkt, prädestinieren
ihn wohl wie keinen anderen, über das Thema des heutigen Abends zu
sprechen."
Nunmehr ergreift, beifällig begrüsst, Herr Rabbiner Dr.
Max Grunwald das Wort zu seinem Vortrage:
„Der jüdische Kaufmann und die kaufmännische Ehre".
Meine hochverehrten Damen und Herren!
Für pöbelhafte antisemitische Beschimpfungen haben wir ja
allgemach die Empfindung verloren. Die tägliche Wiederholung hat
uns endlich dagegen abgestumpft und indifferent gemacht. Nur
wenn wir Zeuge sind einer geradezu brutalen Beleidigung, dann
zuckt es noch in uns, dann fahren wir auf.
Ein Wiener Schriftsteller, von dem seine Freunde behaupten, der