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Monatschrift
der
Oesterreichisch-Israelitischen Union.
Nr. 3 Wien, März 1902 14. Jahrgang
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In eigener Sache.
Der Bürgermeister von Wien, Dr. L u e g e r, hat in der
Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 14. Februar d. J. unserem
Vereine eine denuneiatorische Thätigkeit imputiert und die That-
sache, dass ein unschuldig zum Tode verurtheilter mittelloser
Glaubensgenosse nach Beistellung eines Vertheidigers seitens der
„Oesterreichisch - Israelitischen Union" in neuerlicher Schwur¬
gerichtsverhandlung freigesprochen wurde, in einem solchen Sinne
gedeutet, als ob durch unseren verderblichen Einfluss ein Schuldiger
der verdienten Strafe entgangen wäre und das Geschwornen-
Gericht ein beeinflusstes Urtheil gefällt hätte. Dass das Ober¬
haupt der grössten Gemeinde im Reiche und der Chef einer Ver¬
waltungsbehörde, sich in derartiger Weise äussert, bezeichnet die
Persönlichkeit nicht minder wie das politische Niveau, auf dem
sich unsere öffentliche Zustände hefmden.
Die Abgeordneten Schneider und Prochazka haben
auch in derselben Sitzung, ebenso das „Deutsche Volksblatt" vom
16. Februar in gewohnter Weise unserer Intervention im Processe
Hüls n e r gedacht.
Diese Intervention, welche, leider verspätet, zu einer Zeit
angerufen wurde, als schon die Spuren der That vielfach ver¬
wischt waren, war uns dadurch zur Pflicht geworden, dass, dank
der Thätigkeit der Abgeordneten Schneider und Gonsorten,
die Ermordung der Agnes Hruza zum Ausgange einer erbärm¬
lichen Ritualmordhetze gemacht worden war. Wenn übrigens das
„Deutsche Volksblatt" von einem geständigen jüdischen
Doppelmörder spricht, so muss nachdrücklich darauf hingewiesen
werden, dass die Schwurgerichtsverhandlungen in Kuttenberg und
Pisek das Dunkel keineswegs aufgehellt haben, welches über den
Mordaffairen Hruza und Klima schwebt. Zwischen dem Gut¬
achten der medicinischen Facultät der czechischen Universität in
Prag und dem Verdicte der Geschworenen besteht ein nicht zu
überbrückender Widerspruch. Indem wir uns eine gelegentliche ein¬
gehende Erörterung dieser durchaus nach nicht zum Abschlüsse
gelangten traurigen Angelegenheit vorbehalten, beschränken wir
uns heute auf die Erklärung, dass wir noch wie vor an der Ueber-
zengung festhalten, dass die Geschworenen, indem sie Leopold