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Monatschrift
der
Oesterreichisch-Israelitischen Union.
Nr. 4 Wien, April 1902 14. Jahrgang
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Zur Interpellation des Abgeordneten Schneider.
Das „Deutsche Volksblatt" hat in seiner Morgenausgabe vom
4. März 1. J. den kürzlich zur Versendung gelangten Rechen¬
schaftsbericht der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" veröffent¬
licht und die darin angeführten einzelnen Fälle, in welchen unsere
Intervention Erfolg hatte — selbstverständlich in einer diesem
Blatte entsprechenden gehässigen Weise — besprochen.
Im Anschlüsse an diese Veröffentlichung überreichten die
Abgeordneten Schneider und Genossen in der Sitzung des
Abgeordnetenhauses vom 7. März 1. J. eine Interpellation an den
Ministerpräsidenten, in welcher darauf hingewiesen wird, dass
unser Verein angeblich „über eine geradezu unheimliche Macht
verfüge, der sich auch jene Factoren nicht entziehen können,
die völlig unbeeinflusst und streng unparteiisch vorzugehen ver¬
pflichtet sind".
Aus dieser Interpellation und aus dem Lärm, der sich in
den antisemitischen Blättern erhoben hat, ist ersichtlich, dass
die Wirksamkeit der „Union" den Antisemiten ein Dorn im
Auge ist.
Wir finden das vollkommen begreiflich und werden uns
bemühen, auf die Gefahr hin, das Missfallen das „Deutschen
Volksblatt' 4 und der antisemitischen Abgeordneten in noch
grösserem Masse herauszufordern, auch weiterhin unsere Glaubens¬
genossen gegen Verunglimpfungen und Vergewaltigungen zu
schützen.
Wir haben gar keine Veranlassung, uns hierbei in den
Schleier des Geheimnisses zu hüllen. Offen und unverhüllt, wie
die antisemitische Gewaltthat, wird auch der Schutz sein, welchen
wir nach Kräften demjenigen gewähren, welcher wegen seiner
Eigenschaft als Jude in seinem Rechte, seiner Ehre oder
seinem Vermögen verletzt wird.