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Monatschrift
der
Oesterreichisch-Israelitischen Union.
Nr. 12 Wien, Dezember 1902 14. Jahrgang
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Zu den Wahlen in den Wiener israelitischen Kultusvorstand.
Die vor kurzem stattgefundenen Wahlen haben nebst einer
erfreulichen grösseren Wahlbeteiligung (zirka 35 Perzent der
Wahlberechtigten) durchschnittlich 3350 Stimmen für die von
dem Vereinigten Wahlkomitee aufgestellten Kandidaten erbracht,
während die oppositionellen Kandidaten durchschnittlich 1314
Stimmen, also nur um 16 Stimmen mehr wie bei der letzten
Wahl, erreichten.
Angesichts des tatsächlichen Anwachsens der zionistischen
Partei in Wien dürfte man nicht fehlgehen, wenn man den
mangelnden Stimmenzuwachs als eine Folge der zwischen den
Zionisten und anderen oppositionellen Gruppen erfolgten Koalition,
sowie als Konsequenz einer ganz deplacierten masslosen Agita¬
tion deutet, durch welche sich zionistische Wähler abgestossen
fühlten und zur Wahlenthaltung bestimmen Hessen. Im geraden
Gegensatze zum Motto „Einigkeit macht stark" ist hier zweifellos
eine Schwächung zu konstatieren. Wir glauben nicht, dass die
Wiener Zionisten ihrer guten Sache dienten, als sie den Gegnern
im jüdischen Lager „jüdische Reaktion, schmutzige Verleum¬
dung etc." vorwarfen und sich mit Elementen alliierten, die von
„Skrupellosigkeit, Brutalität und Perfidie" der Gegner sprechen.
Wir haben eine viel zu hohe Meinung vor dem idealen Teile der
zionistischen Idee, der heute zum Gemeingut der gesitteten Welt
geworden ist, als dass wir nicht voraussetzten, dass eine grosse
Anzahl der in der gesamten Welt verbreiteten Zionisten einen
derartigen Kampf zwischen Juden nicht gutheissen und es be¬
sonders beklagen wird, dass gerade am Sitze des zionistischen
Zentralkomitees zu solchen Kampfmitteln gegriffen wird.
Dass nicht jeder Vorgang gutgeheissen werden kann, der
in der derzeitigen Kultusverwaltung beobachtet wurde, dafür
spricht ja auch das Programm des Vereinigten Wahlkomitees
deutlich genug. Wenn aber — was wir ausdrücklich bestreiten
— „schmutzige Wäsche" zu waschen gewesen wäre, so gebietet
der pure Anstand, dass dies „in der Familie" geschehe; schon
mit Rücksicht auf die antisemitische Bewegung hätte das ein¬
fachste Taktgefühl gebieten sollen, es sich genau zu überlegen,
bevor man gegen eigene Glaubensgenossen in dieser Weise
vorgeht.