Seite
Monatschrift
der
Oesterreichisch-Israelitischen Union.
Nr. 2. Wien, Mitte Februar 1906. 18. Jahrgang.
Der Justiz-Irrtum an Hilsner.
Der Polnaer Ritualmordprozess.)
Von Kechtsauwalt Dr. Arthur Nussbaum in Berliu.
Unter den für die Kultur der Gegenwart so beschämenden
Ritualmordprozessen ist der Polnaer vielleicht der traurigste, weil
er allein zu einer Verurteilung des der Mordtat bezichtigten
Juden — des Schustergesellen Leopold Hilsner — geführt
hat. Aber gerade deshalb wird dieser Fall nicht zur Rühe
kommen, so lange es noch Menschen gibt, die willens sind, für
die Gerechtigkeit zu kämpfen ; und die Notwendigkeit, das be¬
gangene Unrecht zu sühnen, ist umso dringender, als der un¬
glückliche Verurteilte noch am Leben ist. Denn die Todesstrafe
ist nicht vollstrekt, sondern vom Landesherrn in lebenslängliche
Zuchthausstrafe umgewandelt worden.
Zu der Verurteilung Hilsn^rs ist es auf folgende Weise ge¬
kommen : Am 1. April 1899, dem Tage vor den christlichen
Ostern und während des jüdischen Passahfestes, das am 25. März
begonnen hatte, wurde dicht an dem Wege der böhmischen Stadt
Polna nach dem einige Kilometer entfernten Dorfe Klein-Wieznitz
im Jungholz des sogenannten „Brezinawaldes" die neunzehnjährige
Häuslerstochter Agnes Hruza aus Klein-Wieznitz tot aufge¬
funden. Auf der linken Seite des Halses der Leiche klaffte eine
scharfrandige Wunde; auf der rechten Seite des Halses befand
sich eine Strangulations- (Umschnürungs-) Furche, auf dem Kopte
eine Anzahl von Wunden ; das Haar war blutverklebt. Die Leiche
war mit zwei über den Kopf gezogenen Leibchen, ferner mit
Beinkleidern, Strümpfen, Schuhen, anscheinend Resten desselben,
*) Das Buch des Rechtsanwaltes Dr. A. Nussbaum über den Polnaer
Ritualmordprozess, zu welchem der beiühmte Strafrechtslehrer Geheimrat Franz
v. L i s z t ein aufsehenerregendes Geleitwort schrieb, hat die Frage der
Revision des Hilsner-Prozesses mächtig in Fluss gebracht. Da die Einzel¬
heiten dieses Prozesses im Laufe der Zeit manchen unserer Leser aus dem
Gedächtnisse entschwuuden sein mögen, glauben wir die vorstehende zusammen¬
fassende Darstellung, welche Dr. Nussbaum selbst in der Berliner „Jüdischen
Presse" veröffentlicht hat, in uns rer Monatschrift reproduzieren zu sollen.
1