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Monatschrift
der
0 8SterreiGhisch - Israelitischen Union.
Nr. 3. Wien, Mitte März 1906. 18. Jahrgang
Die gegenwärtige Lage des Israelitenvolkes im Lichte
seiner antiken Geschichte.
Von Leopold Mand 1,
III.
Die israelitische Nation ist nicht, wie andere, durch mit
dem Schwerte erzwungenen Zusammenschluss verschiedenartiger
Menschengruppen entstanden. Die Stämme Jakobs sind aus einer
einzigen Familie hervorgegangen, die, von theo-philanthropischen
Bestrebungen geleitet, sich von ihrer andersgearteten Umgebung
abgesondert und es auch, nachdem sie sehr zahlreich geworden,
infolge eingetretener Bedrückung und Knechtung geblieben.
Kaum zum Volke geworden, auf dem fremden Boden in
Sklaverei geraten, waren die einzelnen Stämme, wo nicht ihren
Tyrannen, sich selbst überlassen und besassen weder die Neigung
noch den Spielraum, sich um einander zu bekümmern.
Als Israel, nach Jahrhunderten, Egypten unter der Leitung
des Gottesmannes verlassen, war in den Stämmen kein irgend ent¬
wickeltes Gefühl der Zusammengehörigkeit vorbanden, das geeignet
gewesen wäre, ein einigendes Band zu bilden. Ein solches wurde
durch die geoffenbarte Religion geschaffen; auf die konfessionelle
Zusammengehörigkeit gründete sich die politische, die später in
Palästina ihren Boden gefunden.
Das durch die monotheistische Religion geeinigte und zur
Nation gewordene Israel blieb indess nicht lange das, wozu es
Moses gemacht hatte: das Volk der Religion.
Bald nach der Besitzergreifung des gelobten Landes ge¬
wannen die der Sinnlichkeit schmeichelnden Culte der Umgebung
unter den Hebräern Oberhand. Von dem Bundesvolke blieben nur
mehr oder minder bemerkbare Reste übrig, die in den Zeiten der
Not und Bedrängnis öfter einen vorübergehenden politischen Ein-
fluss geübt; im Ganzen und Grossen war die Nation jedoch ihrer
Basis entrückt. So blieb es bis zur Richterschaft Samuels, erst
unter ihm ist der Mosaismus so erstarkt, dass er wieder Staats¬
religion geworden. Als solche ist er, während der Regierung der
Könige, bis zum Ende der Herrschaft Salomos, im Vordergründe
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