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Monatschrift
der
Oesterreichisch-Israelitischen Union.
Nr. 6/7. Wien, Juni-Juli 1906. 18. Jahrgang
Bialystok.
Kischinew — Hornel — Odessa — Kiew — Bialystok —
in endloser Kette erneuern und wiederholen sich die Juden¬
schlächtereien in Eussland. Aber wenn auch jeder neue „Pogrom"
das gleiche grauenhafte Schauspiel bietet, so hat sich doch von
Kischinew bis Bialystok eine sehr bedeutsame Aenderung voll¬
zogen. Die freche Lüge der russischen Regierung, dass all diese
Massenmorde nur der Ausfluss des wütenden Hasses des russi¬
schen Volkes gegen die Juden seien und dass sie selbst, die
Regierung, trotz ihres guten Willens gegen die Ausbrüche dieses
Hasses ohnmächtig sei, lässt sich seit dem Zusammentritte der
Duma nicht mehr aufrecht erhalten. Das Blutbad von Bialystok
hat sich in einer anderen Beleuchtung vollzogen als jenes von
Kischinew und Odessa, und mit unumstösslicher Gewissheit ist
heute festgestellt, was wir anlässlich des Abschlusses der letzten
russischen Anleihe behauptet und was Herr v. T a u s s i g
und seine Freunde aus der höheren Kurie geleugnet haben: dass
die russische Regierung selbst diese Metzeleien planmässig und
zielbewusst arrangiere und dass sie dieselben nur dann und
immer so lange hintanhalte, bis es ihr gelungen, das westeuro¬
päische Kapital wieder einmal zu schröpfen. Die Duma hat eine
Untersuchungskommission nach Bialystok entsendet und der Be¬
richt dieser Kommission ist eine vernichtende Anklage gegen den
russischen Hof und die russische Regierung. Jetzt erst, nach
diesem Berichte und nach den Enthüllungen des Fürsten Urussow,
weiss man mit voller Klarheit, wie recht Maxim Gorki hatte, als
er erklärte, dass alles Geld, das man Russland gebe, zur Er¬
würgung der Freiheit und zur Ermordung der Juden diene. Die
Verhandlungen der Duma beweisen, dass das russische Volk frei
von Antisemitismus ist; denn alle Parteien, selbst die Bauern,
fordern die Gleichberechtigung der Juden. Die feile und feige
Autokratie bemüht sich vergeblich, ihre Schuld auf andere
Schultern abzuwälzen. Sie allein ist der Henker, sie allein er¬
schlägt die Männer, schändet und zerstückelt die Frauen und
schlägt kleinen Kindern Nägel in den Kopf, sie allein ist verant¬
wortlich für die Ströme jüdischen Blutes, die seit zwei Jahren
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