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Monatschrift
dei
Oesterreichisch - Israelitischen Union.
Nr. 11. Wien, Mitte November I9G6. 18. Jahrgang
Die politische Lage der Juden.
(Vortrag, gehalten von Dr. Alexander M i n t z in der Versammlung der
„Oesterreichisch-Israelitischen Union" am 18. Oktober 1906.)
„Meine hochverehrten Damen und Herren !
Ich erblicke meine Aufgabe nicht darin, einen Kathedervor¬
trag zu halten. Der Gegenstand, dessen Behandlung mir obliegt,
ist viel zu aktueller Natur, als dass ich mich auf geschichts-
philosophische Betrachtungen beschränken könnte. Es ist ein Thema,
an Blut und Tränen überreich — ein Thema, das auf unsere Nerven
wirkt und zu unserem Herzen spricht Was mein Referat bezweckt,
ist, Sie, meine Hochverehrten, zu einer Serie von Diskussionen
anzuregen, in welchen Lebensfragen des Judentums
eine eingehende Besprechung finden. Als Hauptziel aber schwebt
mir vor, dass diese Debatte ein positives und praktisches Ergebnis
zeitigen möge, nämlich die Durchführung von Massnahmen, die
geeignet sind, das Judentum zu fordern.
Indem ich nun auf mein Thema eingehe, möchte ich mir
erlauben, die prinzipiellen Grundlagen meiner Ausführungen fest¬
zulegen. In welchem Sinne kann von einer politischen Lage
der Juden überhaupt die Rede sein? Wir sind von altersher ge¬
wohnt, als Masstab und Gradmesser unserer Entwicklung im
öffentlichen Leben die Emanzipation zu betrachten, d. i. die Be¬
freiung von allen gesetzlichen Schranken, welche uns Juden als
Individuen von allen anderen Individuen im Staate trennen. Man
gab die Losung aus, die Juden müssten Gleichberechtigung er¬
langen. Und in der Tat wurden wir in den meisten Staaten von
gesetzeswegen als Vollbürger anerkannt, man wies uns eben jene
Rechte und Pflichten zu wie den übrigen Mitbürgern, die derselben
Besitz- oder Erwerbsklasse angehörten. In Wirklichkeit aber
wurde, wie Sie, meine Hochverehrten, wissen, diese Norm
derart praktiziert, dass wir unsere Pflichten erfüllen durften,
während wir auf den Genuss unserer Rechte mehr oder weniger
verzichten mussten. Unter dem Eindiucke dieser Diskrepanz
zwischen Wort und Tat, zwischen Verheissung und Erfüllung,
zwischen der menschlichen Theorie des Gesetzes und der inhumanen
Praxis der Verwaltung entstand eine Strömung unter uns, die
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