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Nr. 12.
Wien, Mitte Dezember 1906.
18. Jahrgang
Die Juden und das allgemeine Wahlrecht.
Nur wenige Wochen noch trennen uns von der Auflösung
der gegenwärtigen Reichsvertretung und der Ausschreibung von
Neuwahlen auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes. Auch die
politische Stellung der österreichischen Juden wird durch die
Wahlreform tiefeinschneidende Veränderungen erfahren und unsere
Glaubens- und Volksgenossen werden wohl daran tun, sich beizeiten
auf diese Veränderungen einzurichten, wenn sie von den Ereig¬
nissen nicht unangenehm überrascht werden wollen. Es ist keine
Frage, dass das allgemeine Wahlrecht einerseits die klerikal-anti¬
semitischen Parteien, andererseits die radikal-nationalen Parteien
mächtig stärken wird. Ebenso gewiss ist es, dass jene freisinnig¬
bürgerlichen Parteien, an welche bisher die Juden sich ange¬
schlossen hatten — die deutsch-liberale, die jungtschechische, die
polnisch-demokratische — mit sehr erheblichen Einbussen ihres
Besitzstandes aus dem Wahlkampfe hervorgehen werden. Aber
selbst, wenn dies nicht der Fall wäre, so hat uns schon die
jüngste und vorjüngste Vergangenheit darüber belehrt, dass die
Juden von diesen Parteien eine wirksame Verteidigung ihrer
staatsbürgerlichen Rechte gegenüber ihren Feinden nicht zu
erwarten haben, weil die Katasterwahlen in Mähren und die
Wahlkreiseinteilung in Böhmen und Galizien die jüdischen Wähler
als Hilfstruppen im nationalen Kampfe überflüssig gemacht haben.
Diese Lage klar zu erkennen und daraus die unabänder¬
lichen Konsequenzen zu ziehen, ist die nächste und vielleicht
schwierigste Pflicht der Staatsbürger jüdischen Glaubens. Schwierig
deshalb, weil viele sich gewaltsam aus gewohnten Anschauungs¬
kreisen, aus liebgewordenen Gemeinschaften werden losreissen
müssen und weil insbesondere die Aelteren unter uns eine solche
Revision ihrer langjährigen politischen Parteistellung als einen
unangenehmen Zwang empfinden werden. Da aber Politik nicht
mit dem Gefühl, sondern mit dem Verstände gemacht wird und
da die Notwendigkeit, unsere Front zu verändern, nicht aus einem
Wechsel unserer Gesinnungen, sondern aus der durch das allge¬
meine Wahlrecht bedingten Verschiebung der politischen Macht¬
verhältnisse entspringt, so werden wir — ob gern oder ungern —
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