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Israelitische Wochenschrift.
Nr. 44.
(Königsberg, Pr.) und Kirchenrat Dr. Kroner (Stuttgart).
Die Versammlung stimmte diesem Vorschläge zu. Alsdann
beantragte der Vorsitzende Dr. Lachmann folgende Drahtung
an den Kaiser zu senden:
„Ew. Majestät bringen vierhundert Abgesandte deutscher
jüdischer Gemeinden aus allen Teilen des Reiches, geeint
im „Verbände der Deutschen Juden", welcher zurzeit hier
seine Hauptversammlung abhält, alleruntertänigste Huldigung
und das Gelöbnis unwandelbarer Treue dar."
Die Versammlung stimmte sogleich einstimmig diesem
Vorschläge zu.
Darauf ist folgende Antwort eingegangen:
„Seine Majestät der Kaiser und König lassen der
Hauptversammlung des Verbandes Deutscher Juden für den
Ausdruck treuer Ergebenheit danken.
Auf Allerhöchsten Befehl
Der Geheime Kabinettsrat v. Lucanus."
Zunächst hielt Rabbiner Professor Dr. Mayöaum (Berlin)
eine Ansprache. Diese Versammlung bedeute ein lautes und
freudiges Bekenntnis zum Judentum. Nicht um Machtfragen,
sondern um die Verteidigung der Gerechtigkeit handele es sich
hier. Für Religion und Sittlichkeit der Menschheit zu wirken,
sei stets die Aufgabe des Judentums gewesen. Mögen auch
andere ihnen für Gegenwart und Zukunft diesen Beruf ab¬
sprechen. Als Juden versammeln wir uns hier und fordern
unser Recht, Gerechtigkeit und Wertschätzung. (Lebhafter Bei¬
fall.) Die ungerechte Behandlung um unseres Bekenntnisses
zum Judentum bedrückt uns. (Zustimmung.) Die Hoffnung
unserer Feinde, daß das Judentum aufgesaugt werden würde,
hat die mehrtausendjährige Geschichte zunichte gemacht. Schon
der Prophet hat dem jüdischen Volke eine ewige Aufgabe zu¬
gewiesen. Wohl bedauern wir den Abfall einzelner, anderer¬
seits aber wird das ausgewogen durch die Steigerung der
Opferwilligkeit und Glaubensstärke. (Stürmischer Beifall.)
Redner erteilte der Versammlung, die sich erhoben hatte, zum
Schluß den Segen.
Sodann sprach Herr Justizrat Dr. Kttgen Auchs-Berlin
über Entwicklung und Aufgaben des Verbandes der Deutschen
Juden. Die Rot der Zeit habe den Verband geschaffen.
Es sei nicht nur notwendig, den Antisemitismus abzuwehren,
sondern auch eine Vertretung zu schaffen, die alle Rechte der
Juden wahrnehme. Es sei gefragt worden, weshalb mußte
eine neue Organisation geschaffen werden? Der Zentralverein
deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der nur aus ein¬
zelnen Mitgliedern bestehe und lediglich die Abwehr des Anti¬
semitismus sich zur Aufgabe gemacht habe, könne nicht genügen.
Auch der Israelitische Gemeindebund sei nicht zu einem Ver¬
bände deutscher Juden auszubauen gewesen. Die Juden
werden ni, t bloß von allen öffentlichen Staatsämtern aus¬
geschlossen, viel schlimmer sei der gewerbliche Boykott. Es
gebe aber noch eine ganze Reihe anderer Dinge, wie das
Volksschulgesetz, bezüglich deren die Juden ihre Stimme er¬
heben müssen. Wir müssen zeigen, daß die jüdische Religion,
die wir von unfern Vätern ererbt, noch ganz modern und
ethisch ist. Wir wollen uns nicht deshalb zurücksctzen lassen,
weil wir als Juden geboren sind und an der Religion fest-
halten, für die unsere Väter gestorben sind. Wir wollen mit
der Fackel der Wahrheit unsere Rechte verteidigen. (Lebhafter,
lang anhaltender Beifall.)
Rabbiner Dr. Werner (München) sprach darauf über das
Judentum im Lichte moderner Kritik. Er polemisiert zu¬
nächst gegen Harnack, Chamberlain und Delitzsch. Die Gegner
zeigen einen großen Scharfsinn, aus unseren Redendem
Mißverständnis herauszulesen. Deshalb muß gerade schon
oft Gesagtes auch hier wiederholt werden. Unter jeder Kritik
aber erachte ich es, darzulegen, daß wir, die wir der Welt den
Dekalog gegeben, Kannibalen und Betrüger von Religionswegen
seien. Hoch steht uns die politische^und persönliche Ehre, am
höchsten aber die religiöse Ehre. In früheren Zeiten waren
es orthodoxe christliche Geistliche, die mit einem gewissen Fana¬
tismus unsere Religion bekämpften. Heute erkennen diese
Kreise in Ehrfurcht an, daß unsere Religion die Mutter der
Religionen und des Gottesgedankens ist. Aber heute sind es
gerade bedeutende liberale Gelehrte anderer Konfessionen,
welche uns die Existenzberechtigung absprechen. Dazu wendet
man zwei Methoden an. Die eine Methode spricht uns die
Mutterschaft ab. Wir erkennen in voller Ehrfurcht das Christen¬
tum an, aber wir wenden uns dagegen, daß man zur Würdi¬
gung einer anderen Religion unsere Religion demütigt und
herabsetzt. (Stürm. Beifall.) Weshalb jubelt man heute der
Assyriologie zu? Weil sie sich gegen das Judentum richtet!
Daß die Bibel nicht auf einer einsamen Insel entstanden ist,
und daß mit Babel eine Verbindung vorhanden war, weiß
jedes Kind. Wir geben Babel, was Babels ist, verlangen
aber für die Bibel, was der Bibel gehört. (Beifall.) Hier
wird uns die tendenzlose, vorurteilslose Forschung zu Hilfe
kommen. Dann die andere Methode! In den Schriften von
Harnack und anderen will man uns unsere Daseinsberechtigung
und Ehre rauben. Man sagt: Nachdem die Mutter ein Kind
geboren, sei sie im Wochenbett gestorben. Wir haben niemals
behauptet, die alleinseligmachende Religion zu besitzen. Daß
die Sittengesetze nicht immer gehalten werden, spricht noch
nicht gegen sie. Daß die Religion der Feindesliebe nicht
immer befolgt wird, dafür sind wir Juden ein lebendes Bei¬
spiel. Spricht man doch heute auch viel von einem praktischen
Christentum. Hat uns die?Affyriologie die grauen Haare, die
moderne liberale Theologie die schwarzen Haare aus dem
Schädel gerissen,^so kommt nun auch noch die Rassentheorie
und behauptet: auch der kahl gewordene Schädel taugt nichts.
Und so kommen die Chamberlain und andere und wollen diesen
Schädel zertrümmern. (Heiterkeit.) Redner schließt: Wir wollen
deutsche und freie Staatsbürger sein. Der Jude ist ein sozialer
Segen, wenn er seine Freiheit und Rechte hat. Es wird einst
der Tag kommen, wo die Welt sagen wird: Von dir, Israel,
ist das Licht der Welt ausgegangen. (Anhaltender stürm.
Beifall.)
Justizrat Mrestauer-Berlin sprach hierauf über die staat¬
liche Lage der Juden in Deutschland. Er wies darauf hin,
daß die Juden von fast allen Staatsämtern ausgeschloffen
seien. Der Jude könnne noch so viel leisten, noch so viel
zur Förderung der Wissenschaft tun, er erhalte dennoch keine
ordentliche Professur. Am Reichsgericht sei kein Jude. Kein
Jude sei Präsident oder Oberlandesgerichtsrat. Der einzige
Ausnahmefall brauche in dieser Versammlung nicht weiter er¬
örtert zu werden. Vorsitzender einer Strafkammer werde kein
Jude. Man ernenne die jüdischen Rechtsanwälte zu Justiz¬
räten, weil es schön aussehe und nichts koste; vom Notariat
suche man aber Juden auszuschließen. Ja, es gebe ganze
deutsche Gebietsteile, in denen die Juden von dem Geschworenen-
und Schöffenamt ausgeschlossen seien. Höchst bedauerlich sei
es, daß, wenn man einen Juden befördern wolle, ihm nahe¬
lege, sich taufen zu lassen. Sehe man denn nicht ein, daß
der Staat sich auf Leute, die äußerer Vorteile wegen ihre
Religion wechseln, nicht verlassen kann. Hat der katholische